Ein ganzer Kosmos will entdeckt werden!

Christian Voß über Alte Musik und seine Wurzeln bei Bachs Erben


(nmz) -
Der Barockgeiger Christian Voß (29) im Interview mit der Musikakademie Sachsen-Anhalt. Voß war 2006 Teilnehmer beim ersten Kurs des Jugendbarockorchesters Bachs Erben in der Musikakademie Sachsen-Anhalt im Kloster Michaelstein. Er studierte in Berlin und Basel und spielt heute auf nationalen und internationalen Konzertbühnen mit namhaften Vertretern der Alten-Musik-Szene. Seit 2018 ist er selbst Dozent bei Bachs Erben und gibt dort seine Leidenschaft für Alte Musik an junge Menschen weiter.
Ein Artikel von Petra Penning

Bert Siegmund: Warum wollten Sie als 17-Jähriger bei Bachs Erben mitmachen?

Christian Voß: Um ganz ehrlich zu sein, hatten meine Beweggründe gar nicht primär mit der Barockmusik oder dem Musizieren in einem Jugend-orchester zu tun. Ich besuchte damals das Musikgymnasium „Carl Philipp Emanuel Bach“ in Berlin, damit gehörte das gemeinsame Musizieren zum Schulalltag. Eines Tages spielten Musiker der Akademie für Alte Musik Berlin ein kleines Konzert in unserer Aula und warben für den Kurs Bachs Erben. Einige Schulfreunde und ich fassten daraufhin den Entschluss, bei diesem Kurs den Sommer zusammen zu verbringen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt ja nicht, dass mein musikalischer Werdegang mit diesem Sommerkurs eine entscheidende Wende erfahren sollte.

Siegmund: Was war das Wichtigste, das Sie von Bachs Erben mitgenommen haben?

Voß: Die daraus entstandenen Freundschaften zu großartigen Musikern, die teils noch heute bestehen. Zum anderen schafften es die Dozenten, mir Musik als eine Sprache zu vermitteln, die ganz natürlich eine körperliche und geistige Einheit bildet, die in jedem von uns schlummert und darauf wartet, geweckt zu werden.

Siegmund: Was lernt man an Barockmusik, das auch für spätere Musikepochen gültig ist?

Voß: In der Barockmusik wird aufgrund des heutigen Erkenntnisstandes der Historischen Aufführungspraxis am ehesten deutlich, dass Musik nicht nur aus dem Bauch heraus entsteht, sondern dass zu einer überzeugenden und aussagekräftigen Interpretation auch reflektiertes und fundiertes Wissen über Komponist, Zeitgeist und vorherrschende Spielpraxis gehört. Ich halte es für unbedingt erstrebenswert, diese Herangehensweise für alle Bereiche der Musik zu nutzen.

Petra Penning: Was ist Ihr Rat an Pädagogen, die Alte Musik an junge Menschen vermitteln wollen? Wie kann man den musealen Charakter entstauben?

Voß: Zunächst einmal sollte man es tunlichst vermeiden, im Zusammenhang mit Alter Musik Begriffe wie „museal“ und „entstauben“ zu verwenden! All die großen Köpfe der Barockmusik waren reale Menschen und haben ein echtes Leben geführt, nur eben vor einigen hundert Jahren. Ich denke, dass es wichtig für die Kontaktaufnahme mit solch lang vergangenen Persönlichkeiten ist, diese nicht nur anhand ihrer Werke, sondern auch ihrer Lebenswege vorzustellen. Etwas barockes Gossiping wirkt durchaus entkrampfend.

Penning: Was denken Sie persönlich über die Trennung von Musik in Alte und Neue Musik? Dient sie der Profilbildung oder der Abschottung?

Voß: Auch wenn Abschottung und Profilbildung zu den größten menschlichen Leidenschaften zu zählen scheinen, möchte ich musikalisch wie auch ideell davon abraten. Sowohl die einzelnen Genres wie auch die einzelnen Künstler haben einander so viel zu geben und zu lehren: seien es die innovativen Ansätze der Neuen Musik oder die neuen klanglichen Möglichkeiten der alten Instrumente. Durch eine Trennung würde eine Vielzahl von Möglichkeiten, kreativer Austausch und Potenzial ungenutzt bleiben. Der Zauber wäre verflogen, noch bevor er die Möglichkeit hatte zu entstehen.

Penning: Auf Ihrer Homepage (www.voss-violin.com) empfangen Sie ihre virtuellen Besucher mit dem Schiller-Zitat, dass alle Kunst der Freude gewidmet sei und es die höchste Aufgabe der Kunst sei, die Menschen zu beglücken. Geht das nicht schon in Richtung Entertainment?

Voß: Nun, Entertainment dient ja ganz allgemein gesprochen der Unterhaltung. Heute hat Unterhaltung vielerlei Gesichter: Es geht um Quantität und Qualität. Bei einer Musik, die sich über mehrere Jahrhunderte buchstäblich Gehör verschafft hat, kann man durchaus von qualitativ hochwertigem Entertainment sprechen, denke ich.

Penning: Was bedeutet Authentizität für Sie? Schließen sich Entertainment und Authentizität aus?

Voß: Authentizität ist formal gesehen der Versuch, einen Sachverhalt möglichst originalgetreu abzubilden und nachzuempfinden. In der historischen Aufführungspraxis arbeiten wir mit vielen Daten, Traktaten, Schulen, berücksichtigen das Zeitgeschehen, die Zeitästhetik sowie den jeweiligen Nationalstil – trotzdem werden wir nie zu 100% authentisch sein können. Meine persönliche Definition von Authentizität ist, die Werke vergangener Tage mit bestem Gewissen und gewonnenem Wissen durch unsere Liebe und Lust zur Musik in unsere heutige Zeit zu bringen und aufs Neue erstrahlen zu lassen. Und Authentizität kann bisweilen sehr unterhaltsam sein. Denken wir einmal an die Instrumente, die seit der Barockzeit quasi ausgestorben sind. Bedenken wir den Aufwand der auf barocken Opernbühnen betrieben wurde mit Feuer, Wasser und allerlei effektvoller Maschinerie. Oder wie imposant es gewesen sein muss, Jean-Baptiste Lully beim Dirigieren mit seinem Taktstab zu sehen, auch wenn es kein gutes Ende damit nahm. Und so bilden alle diese Dinge – ob theatralisch, musikalisch, aufführungspraktisch oder instrumental – einen ganzen Kosmos, den es für die geneigten Hörer neu zu entdecken gilt.

Penning: Vielen Dank für das Gespräch.

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