Ein kulturell zuversichtlicheres Syrien

Franzpeter Messmers Roman „Tanz auf der Brücke“


(nmz) -
„Brücken, das sind Orte, an denen sich Menschen treffen“. So könnte man den Kern des Romans „Tanz auf der Brücke“ auf den Punkt bringen. Im Zentrum steht das frei erfundene „Brückenfestival“, das auf der Maximiliansbrücke in München stattfinden und mittels eines multikulturellen Programms Christen, Juden und Muslime zusammenführen soll. Der Autor und Musikwissenschaftler Franzpeter Messmer, erfahren im Veranstalten von Festivals mit vergleichbarem programmatischen Ansatz, diskreditiert die Metapher der interreligiösen Brücke zugleich, ist doch das wirkmächtige Bild des „Brückenbauens“ durch Festivals ästhetisch verbraucht. Was als Ort der Begegnung geplant ist, soll hier in einem Terroranschlag enden.
Ein Artikel von Patrick Erb

Die Handlung wird aus der Sicht des Pianisten Mehmet Aziz erzählt, der seine Liebe zur Klassik im Syrien des sogenannten Islamischen Staates nicht mehr ausleben kann – er bezahlt dafür mit Ächtung und der Verstümmelung seines kleinen Fingers – und daher nach Deutschland flieht. Dort, im Land Beethovens und der Aufklärung, hofft er auf mehr Verständnis für seine Passion. Er hat Glück: Sein Talent wird von der Frau des Mäzens erkannt, der das Brückenfestival austrägt: Er soll dem Intendanten und Pianisten von Weltrang Gutekunst assistieren und auch selbst spielen. Die Erfahrungen, die Mehmet macht, spiegeln jedoch nicht wider, was er sich von seinem „gelobten Land“ erhofft hat, im Gegenteil: Die einen sehen in ihm den potenziellen Islamisten, die anderen vermarkten ihn als das aus dem Bombenhagel entkommene, gefolterte Wunderkind aus Damaskus, und auch Gutekunst ist nicht der makellose Künstler. In den Verdacht des Verfassungsschutzes gerät Mehmet aufgrund des mit ihm flüchtenden Ahmet, welcher nach seiner Ausweisung besagten Terroranschlag plant. Darüber hinaus macht Mehmet sich durch seine zufällige Bekanntschaft zur Rechtsrockerin Ada verdächtig, deren Umfeld das Fes­tival auch mit Waffengewalt sabotieren will. Schließlich muss er sich den Verdacht gefallen lassen, die auf seine Schwester Amal angesetzte Fatwa erfüllen zu wollen, da sie unter Pseudonym als freizügige Tänzerin zum Festival eingeladen ist.

Messmers dramaturgischer Ansatz ist es, die Flüchtlingshistorie Mehmets mit der Planungsphase des Festivals in rhapsodischer Verkettung gegeneinander laufen zu lassen. Dem Leser werden glaubhaft die Empfindungen und die Sehnsüchte Mehmets und seiner Familie geschildert, und – vermutlich der bedeutendste Aspekt des Buches – ein kulturell wie wirtschaftlich intakteres Syrien eröffnet, anders als landläufig erwartet: Besteht doch bei vielen das Vorurteil, das Land sei schon immer Bürgerkriegsland gewesen. Zu erwähnen sei, dass Messmers Plot nicht unerheblich dem Leben Aeham Ahmads nachempfunden ist, der 2015 aus Syrien nach Deutschland floh und als „Pianist aus den Trümmern“ in seinen Konzerten auf den Zustand seines Landes aufmerksam macht.

So verständnisvoll Messmer das Thema Syrien aufgreift, so maskenhaft sind die Figuren jenseits des Protagonisten: Gutekunst, der sein Pres­tige ausnutzt, um von ihm abhängige Künstlerinnen sexuell zu missbrauchen; oder Adas Vater Eber, der Herausgeber rechtsradikaler Schriften ist – Aspekte, die das Buch mit politischen Gedankenexperimenten aufblähen, liest es sich doch jenseits des Gesellschaftskritischen flüssig. Messmer zeigt durch gekonnt konstruierte Verstrickungen, auf welch unterschiedlichen Wegen Musik die Menschen zusammenführen kann. Das Buch ist geprägt von subjektiven, recht unreflektierten Empfindungen seiner Akteure; man darf sich nicht in der Fülle der präsentierten gesellschaftlichen Spitzfindigkeiten verlieren. Ungewöhnlich mutet auch der Bezug vieler Charaktere zur „Klassik“ an: Ein Mitarbeiter im Verfassungsschutz, der CDs von Beet­hoven und Brahms im Auto hört, Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft, die zu Mozart tanzen; Bilder, die der subjektiven Wahrnehmung Messmers zu entspringen scheinen. Wer sich daran nicht stört und ein kulturell zuversichtlicheres Syrien kennenlernen möchte, wozu die traditionelle syrische Musikkultur, der Einfluss der europäischen Kunstmusik wie auch vielfältige Aspekte des dortigen Alltags gehören, wird Freude an dieser kurzweiligen Lektüre haben.

  • Franzpeter Messmer: Tanz auf der Brücke, Edition Moosdiele, München 2022, 288 S., € 14,80, ISBN 978-3-9824392-0-4

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