Ein Prozess musikalischer Selbstfindung

Die Hamburger Jugendmusikschule glänzt mit der Großstadtoper „Morgen war noch nie“


(nmz) -
Eine veritable „Großstadtoper“ stellte die „junge akademie“ zusammen mit weiteren Sparten der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg mit dem Stück „Morgen war noch nie“ auf die Beine – und überzeugte mit Spielfreude und musikalischer Intensität.
Ein Artikel von Ulrike Henningsen

Die Geschichte beginnt dramatisch: Auf dem Dach eines Schulgebäudes treffen vor Unterrichtsbeginn zwei Jugendliche zufällig aufeinander, die ihr Leben beenden wollen. Lisa ist entschlossen, sich an diesem Morgen in die Tiefe zu stürzen und Tobi plant für den Vormittag einen Amoklauf an seiner Schule. Der Druck, täglich allen Erwartungen gerecht werden zu müssen, macht das Leben für beide zur Hölle. 

Schnell erkennt jeder die Absicht des anderen und reagiert irritiert. Nach und nach tauchen aus ganz unterschiedlichen Gründen immer neue Mitschüler auf dem Dach des Hauses auf. Es sind sehr komprimierte Figuren, die hier aufeinander prallen. Von der Musterschülerin, über die Umweltaktivistin, den Ritalin-Junki bis hin zum Loser verkörpern sie plakativ die gängigen Typen ihrer Generation. Keiner möchte vor der Gruppe als Versager dastehen. Die Flucht in den vermeintlichen Schutz einer klar definierten Rolle scheint für diese Jugendlichen ein Ausweg aus ihrem Dilemma zu sein.

Mit der für alle überraschenden Erkenntnis, nicht allein zu sein mit den Ängsten und Unsicherheiten, beginnt ein schmerzhafter Prozess, der die Figuren aus ihrer Erstarrung löst und einen Neuanfang möglich macht. So bleibt die befürchtete Katastrophe am Ende aus. Die jungen Solisten erwecken ihre Figuren mit einer Leidenschaft zum Leben, die packt und anrührt. Klangvoll und energiegeladen breitet sich auch die Spielfreude der Musiker des Orchesters und der Band in der neu eröffneten Konzertaula der Staatlichen Jugendmusikschule aus. Die Sänger des Chors agieren nicht nur auf der Bühne, sondern nutzen für ihre Darstellung in besonders intensiven Momenten einen großen Teil des Zuschauerraums. Das Publikum wird durch diese lebendige Darbietung überzeugend in das Geschehen hineingezogen.

„Wir haben keinen Hehl daraus gemacht, dass wir es ernst meinen mit dieser Geschichte. Ich glaube, dass die Schüler dadurch ein gewisses Vertrauen hatten.“, betont die Autorin Kristina Faust im Zusammenhang mit der szenischen Arbeit. Auch die musikalische Arbeit bildete eine Herausforderung für Sänger, Instrumentalisten und den Komponisten und musikalischen Leiter Dirk Bleese. 

Mit dem Begriff „Großstadtoper“ wurde ein neues Genre erdacht, weil die Form in keine bisher bekannte Gattung passt. Sinfonische Klänge wechseln mit Bigbandsounds, Chöre kommentieren die solistischen Passagen der Darsteller. Die Musik rockt und groovt und hält dann wieder inne, und dehnt den Moment über das eigentliche Zeitmaß hinaus. „Es gab in diesem Projekt vier Bausteine, die alle zusammengeführt werden mussten.“ erläutert Dirk Bleese. Den Part des Opernorchesters übernahm mit dem „YouMe“, das Jugendsinfonieorchester der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg unter der Leitung von Christine Schwarz. Chor und Band wurden eigens für dieses Projekt zusammengestellt.

Dirk Bleese und Kristina Faust wollten ein ernstes Thema aufgreifen, mit dem sich Jugendliche des 21. Jahrhunderts auseinandersetzen müssen. Die Beschäftigung mit Themen wie der eigenen Wirkung und der Akzeptanz in der Gruppe von Gleichaltrigen gehört seit jeher in die Zeit der Pubertät und der Adoleszenz. Eine möglichst perfekte Selbstinszenierung, scheint heute allerdings eine größere Bedeutung zu haben, als noch vor zwanzig Jahren. 

Projekte wie diese bilden einen wichtigen Gegenpol, zu den gängigen Casting-Shows. Hier geht es eben nicht um makellose Selbstdarstellung für quotenträchtige Events: Die Jugendlichen werden auf dem Weg ihrer musikalischen Entwicklung nicht benutzt, sondern ernst genommen. Zu diesem Prozess gehören Angst, Zweifel und Scheitern genauso wie Begeisterung und Euphorie nach einem großen Auftritt. In Hamburg werden sie auf dieser Achterbahn der Emotionen kompetent und feinfühlig begleitet.

 

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