Ein sehr komplexes Kulturphänomen

Neuer Zugang zum Operettenkomponisten Franz Léhar


(nmz) -
Ein Artikel von Frank Kämpfer

Stefan Frey: Was sagt Ihr zu diesem Erfolg. Franz Lehár und die Unterhaltungsmusik des 20. Jahrhunderts. Insel Verlag Frankfurt, Leipzig, 1999. 459 Seiten.
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Nichts, so Autor Frey, charakterisiere die Zeit der Entstehung so sehr wie jener Umstand, dass der Komponist dem Texter die erste Nummer seines größten Bühnenerfolgs nicht am Kamin, sondern durchs Telefon vorspielt. Uraufgeführt Ende 1905 am Theater an der Wien, verkörpert „Die Lustige Witwe“, später ein Lieblingsstück Hitlers, einen entscheidenden Schritt der Unterhaltung zur Massenkultur. Im Zuge der Erfindung gänzlich neuer technischer Mittel und Medien wird sie zum Synonym für Reproduktion und Kommerz. 18.000 Aufführungen auf fünf Kontinenten in nur dreieinhalb Jahren sprechen für sich, desgleichen entsprechende Aufführungskosten, steigende Tantiemen und nicht zuletzt die Zahlen der Bearbeitungen, Rundfunksendungen und der verkauften Tonträger. Auch ideologisch füllt die „Witwe“ vorhandene Lücken. Sie wird Mode, Marke und Mythos und kanalisiert massenhaft Identifikationsbedarf.

Angesichts solcherlei Zugriffs kann sich die vorliegende Publikation von bisherigen Biografien kaum deutlicher unterscheiden. Stefan Frey, Jahrgang 1962, der via Beckett zur Lehár-Forschung kam, betreibt weder Verehrung noch Rettungsversuch, vielmehr beschreibt er ein sehr komplexes Kulturphänomen. Die Titelgestalt wird dabei aus schnell wechselnden Perspektiven besehen. Rivalen und Mitstreiter, Kritiker wie Mäzene, schließlich gar politisches Personal – auf 460 Seiten reichlich zugegen – spiegeln Vita und Werk Franz Lehárs in einem zunehmend dichteren Interessennetzwerk.

Methodologisch verschränkt Freys Monografie phänomenologische Betrachtung und biografische Chronologie. Dramaturgisch geschickt montiert, ergeben Anekdote, Analyse und historisches Zeugnis Widerspruchsfelder. Beispielsweise jenes, dass der Erfolgskomponist sich bald der von ihm mitinitierten Kommerzialisierung zu verweigern versucht. Nicht Revue oder Tonfilm verlocken Lehár, sondern ein sowohl vom Unterhaltungsgeschäft wie von der Moderne unbesetztes Terrain. Ästhetisch greift er scheinbar zurück, bedient sich in heute vergessenen Stücken der Innerlichkeit und Psychologie; namentlich „Giuditta“ und „Friederike“, zwei Marksteine der Lyrischen Operette, versteht er als nobilitiert und opernnah.

Unübersehbar stellt Frey den Komponisten als ambivalenten Grenzgänger dar. Leider fehlt der geschlossenen Biografie ein Stück jener Sprengkraft, die einer früheren Schrift zugrunde lag: Freys 1995 bei Niemeyer/Tübingen verlegter Dissertation „Lehár oder das schlechte Gewissen der leichten Musik.“ Der junge Münchener Theaterwissenschaftler beschrieb im Untertext seinerzeit Mechanismen, die immer noch greifen. Hier nun wirken selbst provokante Thesen entschärft. Etwa jene, dass Lehár im letzten Lebensabschnitt, da er nicht mehr komponierte, in erster Instanz Autoreninteressen vertrat. Nach 1933, so analysiert Autor Frey, kann der Komponist vom kulturpolitischen Kahlschlag in Deutschland sogar profitieren. Anders als auf avanciertem Terrain, werden im Unterhaltungsgeschäft jüdische Texter nämlich zunächst toleriert. Entgegen der sanktionierten Darstellung, die Operette als Gattung hätte sich ihrerzeit selbst überlebt, belegt Stefan Frey detailliert wie nationalsozialistische Rassenideologie den Großteil der Autoren und Akteure ins Exil oder ins KZ, in jedem Falle in die Wirkungslosigkeit zwingt. Lehár selbst agiert auch da keineswegs widerspruchsfrei. Akribisch, doch am Ende vergeblich kämpft er um einzelne Mitstreiter wie Louis Treumann oder Fritz Löhner-Beda. Einerseits voller Furcht um seine jüdische Frau, verfällt er andererseits den Avancen, mit denen Hitler und Goebbels ihn nach einigem Zögern für die NS-Kulturpolitik nutzbar zu machen versuchen.

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