Endzeit-Jazz

Michael Wertmüller mit Ives #1


(nmz) -

Wer Worte wie die „Gewalt der Ästhetik“ liest, denkt nicht an die „Wahrheit der Wahrnehmung“, aber genau das gilt es zu denken, wenn eine ästhetische Erfahrung so überwältigend ist, dass sie die Grenzen der Wahrnehmung übersteigt und die Gewalt der Wahrheit spürbar werden lässt. Ein Moment, in dem die Wahrnehmung auf ihre Wahrheit zurückgeführt wird und die Wahrheit sich dem Einzugsbereich der Wahrnehmung nicht entzieht. Insofern steht auch die „Ästhetik der Gewalt“ beziehungsweise die „Wahrnehmung der Wahrheit“ im Raum, wenn, wie kürzlich im Rahmen des Berliner club transmediale, das jüngst gegründete Quartett Ives #1 auftritt. In Wirklichkeit aber steht da nichts. Alles tanzt. Brodelt. Pulsiert. Tobt. Stürzt. Kreischt. Alles auf einmal. Ist in zerrissenster Bewegung begriffen. Ist Endzeit-Jazz, eingespielt auf Dächern von einstürzenden Neubauten auf dem Mars.

Ein Artikel von Krystian Woznicki

Obwohl es (= der Sound, die Komplexität, das Unternehmen) das Publikum schon längst erfüllt, kommt es immer näher. Der Sänger Thomas Mahmoud hat sich in seinem Kapuzenpulli und zugeknüpftem Parker in Trance gezappelt und erinnert immer mehr an eine Muppet-Show-Figur, die von Satan besessen ist: In minimalen, nervös-ekstatischen Bewegungsabläufen bedient er ein Mischpult, an dem er seine schreiende Stimme verfremdet, mal als kalten Grindschauer, mal als faserige Wand aus Rauschen. Zwischen seinen Handlungen und den Sound-Effekten, die sie auslösen, scheint kein unmittelbarer Zusammenhang zu bestehen.

Wertmüller, der sich mit seinem Schlagzeug imposant im Zentrum aufgebaut hat, arbeitet mit zwei Bassdrums, auf die er zugleich ungestüm und planvoll durchdacht eintrommelt: Sein „hakenschlagendes Double-Bass-Spiel“ wird von Noten geleitet, die er mit einem Auge abliest, und von einer improvisatorischen Athletik getrieben, die ihn bisweilen wie eine außer Kontrolle geratene Aufziehpuppe aus einem Samuel Beckett-Stück aussehen lässt. Währenddessen scheint sein Mitstreiter Pliakas an seinem Bass kurz vor einem Gefühlsausbruch zu stehen. Er bearbeitet die Saiten seines Instruments – eine von ihnen reißt nach nur wenigen Minuten – mit einer ähnlichen Mischung aus Präzision und Brutalität. Unter Hochspannung auf den vor ihm stehenden Notenständer vor ihm fixiert, scheint es, als würde er jeden Moment anfangen, seinen Kopf im Takt der Musik schnell vor- und rückwärts, seitwärts oder im Kreis zu bewegen.
Im Traum spricht das Unaussprechbare seit Ende letzten Jahres im Namen von Ives #1 eine unverwechselbare Sprache, deren Elemente sich zusammensetzen aus Welten so unterschiedlich wie E-Musik, Metal, Elektronik, Improvisation, Post-Rock, Grindcore, Pop und Avantgarde. Diese Welten sind es, in denen Michael Wertmüller (Alboth!, Peter Brötzmann Trio), Marino Pliakas (Steamboat Switzerland, Peter Brötzmann Trio), Thomas Mahmoud (ex Von Spar, Oliver Twist Conspiracy) and Gerd Rische (Elektronik-Chef an der Akademie der Künste) bislang zu Hause waren und die sie für dieses Projekt mutigerweise verlassen haben.

Tags in diesem Artikel

Das könnte Sie auch interessieren: