Erbauliches mit Baustellen

Eindrücke vom Finalkonzert des Deutschen Dirigentenpreises 2021


(nmz) -
Kölner Philharmonie, im Oktober. ­Allein der Beifang dieses Konzertabends war beachtlich. Zwei ausgewachsene Orchester, ein neunköpfiges Gesangs-Ensemble, ein halbes dutzend Meisterwerke aus Oper und Konzert – im Ausschnitt, versteht sich. Den Potpourri-Effekt musste man in Kauf nehmen. Dagegen freilich stand ein Format, das mit geschlagenen drei Stunden wagnersche Längen erreichte, nur, dass es bedeutend kurzweiliger zuging.
Ein Artikel von Georg Beck

Ein Finalkonzert des Deutschen Dirigentenpreises, das Konzert- und Opern-Repertoire gleichermaßen abfragt, ist ein noch viel zu wenig bekanntes Highlight. Zur gewohnten Vorfreude baut sich da nämlich schon beim Eintritt ein anderer Spannungsbogen auf, bekam man doch noch an der Tür seine Stimmkarte in die Hand gedrückt. Zum mitwerten, folglich mitfiebern. Schöne Wirkung des Programmpunkts „Publikumspreis“, der nun einmal dazugehört zur Dramaturgie des „Deutschen Dirigentenpreises“, ausgelobt vom Forum Dirigieren, dem Förderprogramm des Deutschen Musikrats für den dirigentischen Nachwuchs bis 33 Jahre.

Ein Wettbewerb, der seinerseits 30 Jahre jung ist und seit 2017 international ausgeschrieben wird. Mit 274 Anmeldungen aus 49 Nationen hatte man in der aktuellen Runde einen Rekord zu vermelden, eine Steigerung der Teilnehmerzahl, wie versichert wurde, um 300 Prozent. Für die Jury unter Vorsitz von Markus Stenz war damit klar: Bevor es in die Aktivrunden gehen konnte, war ein Videomarathon angesagt. Das sei schon „viel Holz“ gewesen, verriet Martin Maria Krüger augenzwinkernd. Der alte und neue Präsident des Deutschen Musikrats freute sich: Über den großen Zuspruch und er freute sich über die große Bühne, die sein Wettbewerb hier hatte. Henriette Reker, parteilose, wiedergewählte Oberbürgermeisterin, durfte jede Menge Lorbeeren entgegennehmen. Einhellig war man voll des Lobes für die Musikstadt Köln und die von ihr gestemmte Herkulesaufgabe. Städtisches Gürzenich-Orchester, städtische Oper, dazu WDR Sinfonieorchester und Philharmonie hatten als Kooperationspartner das Fundament gestiftet, das Kölner Publikum die Atmosphäre. Lust und Liebe auf beiden Seiten, unten auf dem Podium wie auf den Rängen, wo man sich mitreißen ließ, die Finalisten mit Beifall regelrecht überschüttete, wo man dann auch seinen Liebling gefunden hatte und – wo man am Ende so bitter enttäuscht wurde!

Nicht der Südkoreaner Hangyul Chun mit einer magischen Leonore-Ouvertüre Nr. 3, nicht der „Kandidat der Herzen“ (Kornelia Bittmann) erhielt die Palme und 15.000 Euro Preisgeld, ebensowenig der lettische Dirigent Aivis Greters, der sich Brahms Tragischer Ouvertüre bravourös wie ein nordischer Kämpfer stellte, den Parcours schweißgebadet verließ – Sieger des Deutschen Dirigentenpreises 2021 wurde ein hochgewachsener 26-Jähriger aus dem nahen Brügge: Martijn Dendievel. Wie konnte das sein? fragte man sich im Publikum – und bekam die Antwort aus dem Mund von Markus Stenz. Bewertet habe die 11-köpfige Jury die Gesamtleistung, wobei vor allem die effiziente Probenarbeit an Maurice Ravels „Tombeau de Couperin“ gelobt wurde, einem Werk, so Stenz, das man wegen seines Farbreichtums in dieser kurzen Zeit eigentlich unmöglich konzertfertig vorbereiten könne. 

Insgesamt, so wusste Markus Stenz zu berichten, habe die Jury hohes Niveau gesehen, was die zehn Bewerber zuzüglich zwei Forum Dirigieren-Stipendiaten über drei Wertungsrunden an den Tag gelegt hätten. Und tatsächlich nötigten diese zwölf werdenden Künstlerbiographien allen Respekt ab. Niemand, der hier direkt von irgendeiner Hochschule kam. Wie es überhaupt ganz und gar unvorstellbar scheint, in einem Wettbewerb wie dem Deutschen Dirigentenpreis bestehen zu können, ohne bereits auf mehrjährige Erfahrungen mit verschiedenen Orchestern zurückzublicken. Man muss, soviel wäre einmal festzuhalten, früh am Start sein, will man in die Sichtbarkeit eintreten, will man mit den wirklich guten Orchestern arbeiten. Durchweg hörte man denn auch dieses Echo: Eine ganze Woche lang mit einem Gürzenich-Orchester, einem WDR Sinfonieorchester arbeiten zu dürfen – allein dies sei der Hit gewesen. Der Dauereinsatz vor den kritischen Jury-Augen, Jury-Ohren, die Probenarbeit, die Arbeit mit den Mitgliedern des jungen Opernstudios und Sängern des Kölner Opern-Ensembles – all dies hätte gewiss Dauerstress bedeutet, aber mehr als der Stress, so hörte man, sei es die Lust gewesen am gemeinsamen Musizieren, woraus man seine Kräfte bezogen habe.

Alles rund also? – Im Prinzip ja, wäre da nicht noch die eine und andere Baustelle zu besichtigen. Wie es denn eigentlich mit den Dirigentinnen bestellt sei? wurde von Moderatorin Bittmann während der Veranstaltung gefragt. Eine einzige junge Frau unter zwölf Kandidaten? Was, bitteschön, könne, solle, müsse man denn daraus ablesen, ableiten? – Jedenfalls nicht, dass man darauf kein Auge habe! so die übereinstimmende Antwort von Stenz, von Krüger. Nur, in dieser Runde sei es eben gelaufen wie es gelaufen sei. Beim veranstaltenden Forum Dirigieren sieht man das Problem natürlich auch. Spätestens beim nächsten Wettbewerb, hieß es, will man sich sowieso umgetauft haben. Hauptsache, die Lippenbekenntnisse stimmen? Jenseits der Genderkosmetik hätte man jetzt schon was Substantielles tun können. Nicht nur, dass die Kuratoren des Wettbewerb-Repertoires, im Opern- wie im sinfonischen Bereich, vom deutschen Reinheitsgebot fasziniert schienen – das „zeitgenössische Repertoire“ schien mit Schönberg und Webern und trotz des bemerkenswerten Ausrufungszeichens Christoph Bertrands, einem in jungen Jahren aus dem Leben geschiedenen französischen Komponisten, eigentümlich blass. Wo waren die Orchesterwerke unserer Komponistinnen? Gehören die nicht genau hierhin? 

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