Erforscher des musikalischen Materials

Der französisch-israelische Musikethnologe Simha Arom hält Seminare in Leipzig und Halle


(nmz) -
„Keine Fragen? War ich wirklich so klar?“ – Die Enttäuschung war dem Referenten anzumerken. Tags zuvor hatte derselbe Simha Arom, dessen Feldforschungen zur subsaharischen Musik vor einer halben Ewigkeit Luciano Berio, György Ligeti, Steve Reich so nachhaltig inspiriert hatten, vor deren Nachnachfahren gesprochen, vor einer Generation von Kompositions-, von Musikwissenschafts­studenten, die gut und gern seine Enkel hätten sein können. Hinterher sprach der alte Herr von den „Kindern“, die ihm da gegenübersaßen, was freilich in keiner Weise abschätzig gemeint war. Im Gegenteil.
Ein Artikel von Georg Beck

Der Impuls, etwas „weiterzugeben“ bewegt ihn ja doch regelmäßig, diese nicht unstrapaziösen Einladungen anzunehmen, wozu es in diesem Fall nur deswegen gekommen war, weil ein französischer Komponist (der zugleich Kompositionsprofessor in Leipzig ist), dieselbe ausgesprochen hatte – dankenswerterweise: Fabien Lévy. Wie stiefmütterlich die Arom-Rezeption ansonsten hierzulande ausfällt, lässt sich ablesen am weitgehenden Desinteresse der Musikhochschulen einerseits, andererseits daran, dass es auch die Darmstädter Ferienkurse irgendwie nicht für nötig befinden, diesen singulären Erforscher des musikalischen Materials afrikanischer Provenienz aufs Podium ihrer „zentralen Plattform“ zu bitten.

Was Simha Arom selbst angeht, ist der 89-Jährige seit ein paar Jahren recht schlecht zu Fuß, was aber auch schon sein wirklich einziges Handicap darstellt. In der Vortrags­situation ist er beweglich, geistig frisch, voller Witz und, gelegentlich, nicht ohne polemische Schärfe, was an dieser Stelle einmal illustriert werden darf am freundlichen Schlagabtausch nach seinem Hallenser Vortrag mit dem für ihn (wenn auch kaum für seine heutigen Musikethnologen-Kollegen) charakteristischen Titel „Was können wir von der Musik der Anderen lernen?“ Einmal mehr ging es Simha Arom um Reichtum und Raffinesse der afrikanischen Musik, der er sein Forscherleben gewidmet hat. Als ein jüngerer Kollege in diesem Zusammenhang auf bordungestützte südosteuropäische Musiktraditionen verwies (worüber die Komponisten-Performer der Aka-Pygmäen den Kopf schütteln würden), bot sich dem Referenten die Chance, das hinlänglich bekannte Ressentiment in erhellender Absicht umzukehren: „European music is primitive!“ Peng! – Natürlich wusste respektive weiß der Referent mit dem schnellen Florett nur allzu gut, wie überspitzt diese Provokation war. Als früherer erster Hornist des israelischen Rundfunk­orchesters, als erster Preisträger des Pariser Konservatoriums, kennt Simha Arom den europäischen Kunstkosmos von innen. Und doch gilt seine Liebe nicht nur einer Beethovenschen Hornsonate F-Dur op. 17 (von der es eine ganz bezaubernde Aufnahme mit dem Solisten Simha Arom gibt), sondern seine Liebe (wie seine Arbeit) gehört nicht minder der Musik der Aka-Pygmäen. Nichts lässt er deswegen unversucht, um die hohe Wertschätzung, die er dieser entgegenbringt, allgemein werden zu lassen.

Um so mehr kann deswegen aber auch sein Unmut auf diejenigen herabfallen, die den berückend schönen Wechselgesang mit der Eintonflöte Hindewhu nicht aus der von ihm 1966 publizierten LP „The Music of the Ba-Benzélé Pygmies“ kennen, sondern nur aus der popmusikalischen Verwurs-tung, die ihm Herbie Hancock in „Watermelon Man“ hat angedeihen lassen. Könnte alles kein Problem sein, sofern der Zusammenhang von Original und Bearbeitung diesbezüglich allgemeiner Bewusstseinsstand wäre – was er nicht ist. Sowohl im Vortrag in Leipzig als auch in dem in Halle glaubte man, Hancock als Trumpfkarte ziehen zu dürfen. Dazu passte leider auch, dass ein anderes Zuspiel des Referenten keine geringeren Rätsel auslöste: Luciano Berios „Coro“ für 40 Stimmen und Instrumente, eine 1976 uraufgeführte, bis heute ungemein präsente Musik, die tatsächlich explizit Bezug nimmt auf Aroms Feldforschungen im Umkreis der Banda Linda. Sie blieb von den Jungkomponisten, Jungkomponis-tinnen unerkannt.

Heißt das jetzt, alle Hoffnungen fah-ren lassen zu müssen? – Keineswegs! In der Regel vergehen keine zwei Monate, erzählt Simha Arom, da komme ein unbekanntes Gesicht auf ihn zu: „Sie können sich nicht an mich erinnern, Herr Professor, aber, es ist jetzt etliche Jahre her, da haben Sie mit Ihrem Vortrag etwas in mir ausgelöst …“

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