Essenzielle Beethoven-Lücke geschlossen

Das Violinkonzert und die Klavierfassung als Urtext-Edition


(nmz) -
Jonathan Del Mar hat sich mit seiner vorbildlichen Urtext-Ausgabe der Beethoven-Symphonien sozusagen zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt als ein Herausgeber, der zugleich auf maximale philologische Stichhaltigkeit und Vollständigkeit setzt und orchesterpraktisch zu denken weiß. Letzteres heißt im Zweifelsfall stets: Wie können Struktur und Charakter anhand der gegebenen, oftmals widersprüchlichen Quellenlage optimal verwirklicht werden? Dirigenten haben meist wenig Zeit und oft auch nicht das Interesse, sich mit all den fraglichen Punkten auseinanderzusetzen, die oftmals aufgrund von Schlampigkeiten entstanden sind, und so hat der Herausgeber die nicht zu unterschätzende musikalische Verantwortung dafür, was als „Haupttext“ in die Partitur zu integrieren ist und was für den, der es genauer wissen will, an den Kritischen Bericht verwiesen wird. Und dafür bedarf es einiger Mühen, konkreter Vorstellungsfähigkeit und Erfahrung.
Ein Artikel von Christoph Schlüren

Ganz in diesem Sinne ist nun eine neue Urtext-Ausgabe des Beethoven’schen Violinkonzerts erschienen. Man kann nicht umhin, zu sehen, dass es sich bei den hier gewonnenen Erkenntnissen letztlich um Marginalien handelt, davon allerdings eine gigantische Menge, wie der Umfang des Kritischen Berichts (der nur in englischer Sprache erschienen ist) ausweist. Das ist durchweg exzellent erarbeitet und dargelegt, und nirgendwo ist mehr zu all den vertrackten Detailfragen zu finden als hier. Wer sich ernsthaft damit befassen möchte, möge ohne Zögern zugreifen. Überdies ist natürlich auch ein neuer Klavierauszug erschienen, mit Solostimme im Urtext und in Einrichtung von Detlef Hahn. Dazu wird ein Leckerbissen angeboten, den sich kein Geiger entgehen lassen dürfte: ein Band mit 37 gesammelten „public domain“-Kadenzen zum Konzert von Joseph Joachim, Leopold Auer, Louis Spohr, Ferdinand Laub, Henri Vieuxtemps, Ferdinand David, Bernard Molique, Jacob Dont, Camille Saint-Saëns, von Henryk Wieniawski und Eugène Ysaÿe (beide als Erstdruck zum 1. Satz) sowie Ottokar Novácek (Violinfassung von Beethovens Klavierkadenzen zum 1. und 2. Satz) und Martin Wulfhorst (Transkription der Beethoven-Kadenz zum Finale). Außerdem sind von Wulfhorst beziehungsweise Auer/Wulfhorst drei kleine Soli zu den weiteren möglichen Kadenzpunkten enthalten. Großartig ist insbesondere die machtvoll inspirierte Kadenz Ysaÿes im Stil seiner Solo-Sonaten. Was ich einzig nicht verstehe, ist, dass man die fantastischen Beiträge Ferruccio Busonis unberücksichtigt ließ.

Nun hat man sich bei Bärenreiter glücklicherweise nicht mit einer Neuauflage des Violinkonzerts zufriedengegeben und eine überfällige editorische Tat gleich mit in Del Mars Hände gegeben: die erste kritische Ausgabe – und überhaupt den ersten ordentlichen Partiturdruck – der von Beethoven selbst stammenden, auf Anregung Muzio Clementis entstandenen Klavierkonzert-Fassung des Violinkonzerts, wofür Beethoven ja auch die Solokadenzen schrieb, die man seither so verzweifelt auf die Geige zu übertragen suchte. Hier gibt es überhaupt keine Alternative zu dieser Edition, und das ohnehin auch von der pianistischen Prominenz schon viel gespielte Konzert dürfte dadurch einen enormen Aufführungsschub erfahren. Dazu gibt es die Fassung für zwei Klaviere sowie separat die Solostimme im Urtext und in der Einrichtung durch Yuriko Murakami. Der Kritische Bericht zu beiden Versionen des Konzerts ist in einem Band zusammengefasst, was effizient und absolut sinnvoll ist. Ein Vorwort, das die Entstehungsgeschichte der Klavierfassung beleuchtet und auf die Differenzen zum Original Bezug nimmt, steht noch aus und wird in der Studienpartitur, deren Veröffentlichung in geraumer Zeit ansteht, nachzulesen sein.

Wieder einmal, wie schon beim Erstdruck der abweichenden Fassungen Mendelssohn’scher Orchesterwerke, ist Bärenreiter damit der Dinosaurierwelt der Gesamtausgaben vorausgeeilt, was deren Absatzmärkte empfindlich trifft. Aber wer will schon Jahrzehnte warten, um endlich zu erfahren, was von Meisterhand stammt, wenn sich die Lücken mit mobileren und mindestens ebenso verlässlichen Unternehmungen  bereits jetzt schließen lassen.
  

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