Gegen die Geschichtslosigkeit

Orchestermusik von Sibelius bis Eisler in Neu- und Gesamtausgaben


(nmz) -
In unvorhersehbarer Weise schreitet die Jean Sibelius-Gesamtausgabe bei Breitkopf & Härtel voran, und aller Augen sind schon gerichtet auf die hoffentlich bald erscheinende Erstfassung der Fünften Symphonie. Hochinteressant ist aber auch die letzte Neuerscheinung, die „sämtliche Werke für Streichorches­ter“ umfasst – was insofern irreführend ist, als da nicht die Theatermusiken dazu gezählt werden, mithin also das interessanteste und ambitionierteste Streichorchesterwerk des Meisters, die zweisätzige Musik zur „Eidechse“, nicht enthalten ist.
Ein Artikel von Christoph Schlüren

Die Streichermusiken umspannen fast die gesamte Schaffenszeit von dem frühen, aus dem Streichquartett op. 4 extrahierten Presto-Scherzo, das bereits mit eigenem Tonfall besticht, bis zu der wunderbaren ‚geheimen Nationalhymne‘, dem Andante festivo (dem einzigen Werk, von welchem eine Aufnahme unter Leitung des Komponisten existiert). Dazwischen gibt es alle drei Fassungen des Impromptu, die den Werdegang vom Klavieroriginal zum vollkommen eigenständigen Geniestreich für Streicher, der wie originär so erfunden erscheint, dokumentieren; die frühe und die späte Streicherfassung des „Rakas­tava“; sowie die berühmte Romanze und die drei kleinen Suiten op. 98 a & b und op. 100. Das alles mit einem erschöpfenden, reich belegten Vorwort von Tuija Wicklund, das viele Fragen beantwortet, und einem so minuziösen wie das Studium lohnenden kritischen Bericht im Anhang.

Viel schneller ist die Eduard Tubin-Gesamtausgabe vorangekommen, aber auch längst nicht mit einer vergleichbaren wissenschaftlichen Genauigkeit. Aber hier kam es ja zuerst einmal darauf an, endlich ordentliche praktische Ausgaben der Musik des bedeutendsten estnischen Symphonikers zu bekommen. Und so liegen jetzt mit dem dritten Band, der die meistgespielten Symphonien Nr. 5 und 6 enthält, endlich alle Symphonien Tubins in verlässlichen Neuausgaben in schönem dunkelblauem Hardcover vor. Tubins Symphonien Nr. 4 bis 8 sollte jeder kennen, der die freitonale Symphonik des 20. Jahrhunderts im Auge hat, und unbedingt sollten die Dirigenten Kenntnis davon nehmen und die Musik des in Schweden heimisch gewordenen Exilanten nicht den Esten alleine überlassen (alle Informationen via www.tubinsociety.com).

Beim schwedischen Gehrmans-Verlag erscheinen nach und nach alle Orchesterwerke von Allan Pettersson in käuflichen, neu gesetzten Ausgaben. Nun ist auch der „Symphonische Satz“ als Studienausgabe erhältlich, der mit seinen etwa elf Minuten vielleicht einfacher in Programme zu integrieren ist als die großen Symphonien. Und noch mit einem besonderen Meisterwerk wartet Gehrmans auf: mit der episch angelegten Sinfonia concertante (1940–44) von Gösta Nystroem (1890–1966) – diese ist eines der attraktivsten Cellokonzerte des 20. Jahrhunderts, eine wunderbare Alternative zum Symphonischen Konzert des gleichaltrigen Prokofieff.

Bei Ries & Erler ist erstmals die frühe Lustspiel-Ouvertüre von Alexander Zemlinsky in einer kritischen Ausgabe von Peter P. Pachl erschienen, mit einem kenntnisreichen Vorwort, das sich lustvoll auch Nebenschauplätzen widmet. Komponiert 1895 und uraufgeführt 2017, erweist sich Zemlinsky schon hier als zauberhafter Instrumentator.

Demgegenüber ist die zweite Folge der Kritischen Ausgabe der Werke von Richard Strauss (Schott) ein ‚Superschwergewicht‘, denn nach der sensationellen Ausgabe der beiden Fassungen seines „Macbeth“ liegt nun mit dem „Don Juan“ einer seiner zwei größten Orchesterhits in einer definitiven Ausgabe vor. Das ausgezeichnet informierende Vorwort von Walter Werbeck leidet lediglich unter der heute üblichen Überschätzung der Bedeutung von Metronom­angaben, der kritische Bericht listet eine Unmenge Flüchtigkeitsfehler auf und beweist zugleich im Nachhinein, dass die bisherigen Ausgaben gar nicht so mangelhaft waren, lässt aber auch keine Zweifel offen, dass für seriöse Musiker jetzt nur noch diese eine Ausgabe in Frage kommen kann.

Eine gewichtige Neuerscheinung hat auch die Arnold Schönberg-Gesamtausgabe (Schott/Universal Edition) zu vermelden: hier ist die „Jakobsleiter“ endlich als Erstdruck in der zwecks Lesbarkeit in weitere Systeme aufgefächerten Particell-Originalfassung erschienen (die bisher erhältliche Studienpartitur des unvollendeten Werks beinhaltet die praktische Aussetzung für den Orchesterapparat von Winfried Zillig, die hierdurch in ihrem Wert keineswegs gemindert und auch nicht verzichtbar gemacht wird). Diese Particell-Ausgabe sei all denen ans Herz gelegt, die verstehen wollen, wie Schönberg ‚tickte‘. Sie bietet einen erstaunlich tiefen Einblick in seine Komponierwerkstatt. Und gerade in Kombination mit der Zillig’schen Aussetzung der Orchestration wird es so auch leichter, das komplexe Werk studierend zu begreifen. Mag der eine diese Edition für einen Luxus halten, der andere wird sie als dringend benötigtes Hilfsmittel für ein authentisches Verstehen begreifen.

Auch die Paul Hindemith-Gesamtausgabe (Schott) schreitet weiter fleißig voran. Diesmal gibt es Bearbeitungen eigener Werke für Orchester, und die sind häufiger zu hören als die Originalwerke, denen sie entstammen: die Nusch-Nuschi-Tänze, die Dämon-Suite, die Ouvertüre mit Konzertschluss „Neues vom Tage“ und die berühmte Nobilissima Visione-Suite. Der kritische Bericht verweist für die Details auf die kritischen Berichte der jeweiligen Originalwerke, das Vorwort ist wie stets sehr inhaltsreich und exzellent dokumentierend. Und erstmals ist jetzt die fesselnde Dämon-Konzertsuite dem Leihlager-Dasein entrissen.

Bleibt last not least die Hanns Eisler-Gesamtausgabe (Breitkopf) mit einem essentiellen Orchesterband: Kleine Sinfonie, Scherzo mit Solovioline, Fünf Orchesterstücke und Thema mit Variationen „Der lange Marsch“. Im hervorragenden Vorwort von Herausgeber Knud Breyer erfährt man so gut wie alles über die verwickelte Genesis der viel zu selten zu hörenden Werke und ihre gebrauchsmusikalischen Vorlagen, und der akribische kritische Bericht enthält auf 60 Seiten unzählig Bemerkenswertes. Das Lesen offenbart wieder einmal, welch ein Großmeister Eisler war und dass die Vernachlässigung seines Schaffens von fataler Geschichtslosigkeit zeugt.

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