Großer Mensch am kleinen Instrument

Erinnerung an den Komponisten, Pianisten und Pädagogen Bernd Wiesemann (1938–2015)


(nmz) -
Wann immer man ihm begegnete, schaute man in ein freundliches Gesicht. Eines, das den Schalk nicht verleugnen wollte. Gelegenheiten gab es zuhauf. Bernd Wiesemann, dieser entschiedene Fürsprecher einer neuen Musik, ging nun einmal gern und oft auch in klassische Konzerte, Alte Musik eingeschlossen. Also traf man sich heute bei Cage und Kagel, morgen bei Bach und Mahler, tauschte sich aus, schätzte solcherart unerwartete Begegnungen. Und freute sich an seiner Offenheit, an der Zugewandtheit, der immer ein Moment von Stille eingeschrieben war. Ein Wesenszug, der ihn vielleicht am klarsten mit John Cage verbunden hat, diesem für ihn nach Mauricio Kagel sicher wichtigsten Komponisten. Den wohl aufrechtesten Anwalt, den sich Cage in Bezug auf die Musikszene der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt denken konnte, hatte der amerikanische Übervater in Bernd Wiesemann.
Ein Artikel von Georg Beck

Letzterer machte kein Aufhebens darum. Alle Energie ging bei ihm sowieso in die Erfüllung seines Anspruchs, der Idee einer heiteren Kunst. Man spürte es als Hörer: der ganze große Kunsternst, aufgehoben in Leichtigkeit. Und wer als Musiker mit ihm auf dem Podium stand, spürte es nicht minder: stets ein Miteinander, zu keinem Zeitpunkt ein Regiment. Alles Dogmatische, das man so gern mit einer groß geschriebenen Neuen Musik verbindet, war ihm fremd. Ohnehin hielt es Bernd Wiesemann mit der Kleinschreibung, mit den kleinen Formaten, weshalb es eigentlich auf der Hand liegt, dass ihm das von Cage eingeführte Toypiano zu seinem Instrument geworden ist. Er hatte ein Faible für die skurrile Theatralik dieser Auftritte: Großer Mensch am kleinen Instrument. Im Laufe der Jahre ist er darin zum Experten geworden, schrieb Stücke und lud andere Komponisten ein, ihrerseits Stücke zu schreiben. Es ist eine Geschichte daraus geworden. Nachhörbar, aufbewahrt beim Label Cybele.

Rückblickend erscheint der Weg dieses Musikers zur Musik wie ein Traum, den er sich erfüllt hat. Als Jahrgang 1938 (4. August) fällt seine Kindheit freilich zunächst in den Albtraum von Krieg und Nazizeit; seine Jugend in die Kargheit der Trümmerrepublik. Ist da Platz für Vision, für Utopie? Also, wünscht die Familie, bitte erst die sichere Bank eines Werbekaufmanns. Erst mit Siebzehn, unendlich spät, kommt Bernd Wiesemann zum Klavier. 1960, am damaligen Robert-Schumann-Konservatorium, beginnt er ein Studium der Musikpädagogik; ab 1963 ein Klavierstudium beim Walter Gieseking-Schüler Alexander Kaul, dem er den entscheidenden Fingerzeig auf die Neue Musik verdankt.

Einen Wink, den er umgesetzt hat, wo er nur konnte: In seinem Brotberuf als Dozent und pädagogischer Leiter der städtischen Clara-Schumann-Musikschule Düsseldorf; aber auch, beginnend 1974, in zwei großen Konzertreihen zur Musik des 20. Jahrhunderts. Nicht viel später entstehen erste Kompositionen, inspiriert aus dem Geist des Happenings. Ab Mitte der 90er-Jahre erweitert er mit Klavier/Saxophon-Stücken für das Wiesemann-Leis-Duo. Konzertreisen nach Frankreich, Irland, in die Niederlande schließen sich an, ebenso CD- und Rundfunkproduktionen. Im Musik- und Konzertleben der Stadt blieb er präsent bis zuletzt – freundlich, still.

Am 10. August 2015 ist Bernd Wiesemann nach kurzer schwerer Krankheit in Düsseldorf gestorben.

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