Hofnarr, König Drosselbart und Stadtmusikanten

Eine Neuerscheinung soll ins szenische Spiel mit Musik einführen


(nmz) -

Manuela Widmer: Spring ins Spiel. Elementares Musiktheater mit schulischen und außerschulischen Gruppen. Ein Handbuch, Fidula, Boppard am Rhein 2004, 264 S., CD, € 34,80, ISBN 3-8722-6925-9

Ein Artikel von Corinna Vogel

Die Veröffentlichung „Spring ins Spiel“ von Manuela Widmer „möchte allen Pädagoginnen und Pädagogen Mut machen, (…) den Sprung ins szenische Spiel mit Musik, Bewegung, Sprache sowie Bühnen- und Kostümherstellung zu wagen.“ (Vorwort)

Um dafür umfassende Ideen, Hilfestellungen und Anleitungen zu geben, gliedert sich das Buch in fünf große Kapitel: I. Die Wegbeschreibung ins Spiel, II. Die Spielelemente, III. Der Entwicklungsprozess, IV. Spielskizzen und V. der Blick hinter die Kulissen.

Im I. Kapitel wird die Stoffauswahl anhand allgemeiner Vorüberlegungen zu Spielformen, der Gruppe und der Arbeitssituation, zur Rollenbesetzung und zur Ausstattung, sowie die äußeren und inneren Rahmenbedingungen kurz vorgestellt. Im II. Kapitel werden die Spielelemente: Bewegungs- und Tanzgestaltung, instrumentale Gestaltung, Singen und Sprachgestaltung, Bühnengestaltung sowie Kostüm- und Requisitenherstellung erörtert. Das III. Kapitel stellt den Entwicklungsprozess von einer Geschichte oder Bilderbuchvorlage zu einer konkreten Aufführung anhand der Aktionen Erspielung (Darstellung kleiner Theatersequenzen, Übungen zur Darstellung, Umsetzung von Kurzgeschichten), Erarbeitung (Textanalyse, Rollen finden, Ideen sammeln), Erprobung (Entwicklung von Szenen, Wiederholen/Üben) und Aufführung dar. Im IV. Kapitel werden vier konkrete Spielbeschreibungen vorgestellt: Der beste Hofnarr, König Drosselbart, Ferdinand (eine Geschichte von einem ungewöhnlichen Stier), Bremer Stadtmusikanten. Diese Spielskizzen stellen ausgearbeitete Spielabläufe zum Nachspielen dar, inklusive Liedern und Instrumentalsätzen, Tipps zur Ausstattung und einer differenzierten Szenenabfolge mit wörtlicher Rede. Den Abschluss bildet Kapitel V, in welchem theoretische Hintergründe zur Gruppenzusammensetzung, der Gruppenleitung, dem Individuum, und zum EMT als „kreativem Feld“ unter Zuhilfenahme von Erklärungsmodellen aus der TZI, der Gestaltpädagogik und dem Konstruktivismus skizzenhaft dargelegt werden.

Insgesamt können die vorgestellten Spielideen, Klang- und Musikvorschläge, Bewegungs- und Tanzanregungen als sehr konventionell und in weiten Teilen als klischeehaft bezeichnet werden. Die Gestaltungsvorschläge sind häufig sehr einfach und konkret, eine Möglichkeit der Variation, Weiterentwicklung oder Hinterfragung wird kaum angeregt. So wird zum Beispiel für die Darstellung des Gefühls Trauer aufgeführt: „Trauer-Motiv mit den Bewegungen und Lauten:

• beide Arme zur Seite strecken und dann das Gesicht bedecken
• Oberkörper nach vorne beugen
• Jammer-, Klage-, Seufzerlaute“

Auch die Tier- und die Menschendarstellungen bieten wenig interessante, geschweige denn kritische oder tiefgründige Auseinandersetzungsmöglichkeiten.
Unter der Überschrift „Menschen und ihre Charakterisierung durch Bewegung“ findet sich folgende Beschreibung, die als beispielhaft gelten kann: „Der Minister/die Hofdame: Haltung/Fortbewegung: gerade aufgerichtet, stolzieren, marschieren, Gesten: bestimmend, sich unterwürfig verbeugend, Mimik: ernst, hochmütig“ (S. 37) Der Zusatz, dass diese Charaktere je nach Geschichte sehr unterschiedlich sein können, hilft nicht darüber hinweg, dass diese Beschreibungen äußerst dürftig und oberflächlich sind. Wie sieht es aus mit nervösen, frechen intelligenten Hofdamen, die den Verlauf einer Geschichte erfrischend unkonventionell beeinflussen könnten? Die Tierdarstellungen sind ähnlich einfach. Zum Beispiel wird die Haltung/Fortbewegung von Stieren beschrieben mit: „gebeugt auf zwei Beinen; stampfen (eher am Platz), galoppieren (im Raum)“.

Auch die Ideen und Vorschläge zur instrumentalen Gestaltung bleiben sehr oberflächlich und provozieren keine Auseinandersetzung mit Klängen und Instrumenten, die aufgeführten Lieder und Begleitsätze sind extrem simpel und beschränken sich auf teilweise kindertümelnde Melodien und Texte sowie instrumentale Begleitsätze von größter Einfachheit. Hinweise, wie Kinder selber zum Musizieren, Komponieren und Texten angeregt werden könnten, finden keine Erwähnung. Die ab Seite 51 aufgeführten Schallspiele werden etwa nicht produktorientiert fortgeführt, sondern stagnieren als Übungen im Prozesshaften. Die Kostümvorschläge beschränken sich auf Tücher, Kleidungsstücke und Basteleien, die nicht wirklich die Bezeichnung Kostüm im Sinne einer Theateraufführung verdienen.

Das Buch ist eher unübersichtlich aufgebaut und eine Fülle von Ideen werden lediglich angerissen. Das Nachspielen der Spielskizzen erfordert ständiges Blättern und Suchen, Querverweise zu anderen Kapiteln lassen sich teilweise weder im Inhaltsverzeichnis noch in den einzelnen Kapiteln wiederfinden. Vergeblich sucht man die auf der Seite 195 angegeben „Kampf-Schau-Tänze“ der Stiere im Materialangebot. Die „Erspielung“ ist eine Aneinanderreihung von Elementen ohne seriöse didaktisch-methodische Aufarbeitung.

Auch wenn sich die Veröffentlichung an Laien richtet, welche wiederum Laien im elementaren Musiktheater unterrichten (eine per se fragwürdige Situation) so sollten gewisse Qualitätsstandards berücksichtigt bleiben, zumal die Autorin im Vorwort darauf hinweist, dass das Buch Hinter- und Beweggründe bietet, was allerdings nicht eingelöst wird.
Die wenig sachliche Sprache ist der Sache nicht dienlich, oftmals sind die Beschreibungen wenig fokussiert und die immer wieder geäußerte Theoriefeindlichkeit der Autorin mutet merkwürdig an. Tatsächlich würde es der Veröffentlichung gut tun, neben dem ganzen Angebot zum Tun, die Lernziele, die Vorgehensweise und auch die verantwortungsvolle Integration von Ideen der Kinder zu analysieren und zu hinterfragen. So ist das Buch eine Anleitung zum (lehrergeleiteten) Aktionismus, der auch durch die (unangemessen anspruchsvollen) theoretischen Zusammenhänge in Kapitel V nicht nivelliert wird. Die dem Buch beiliegende CD entspricht zu großen Teilen dem kindertümelnden Gestus des Buches, insbesondere die Passagen des „singenden Erzählens“ und einige der „Instrumentalstücke“ lassen die üblichen musikalischen Qualitätsstandards vermissen. Abschließend kann festgestellt werden, dass die Veröffentlichung keinen erkennbaren ästhetisch-künstlerischen Anspruch in der Gestaltung von Musiktheaterstücken erkennen lässt, welcher die künstlerisch-kreativen Potentiale der Kinder, der Teilnehmer insgesamt zu fördern bestrebt ist. Ein Aspekt, der auch im elementaren Musiktheater mit Kindern und Laien seriös zu berücksichtigen ist.

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