In mehreren musikalischen Kulturen zuhause sein

Vielfache Musikbürgerschaft – Chancen einer interkulturellen Musikpädagogik · Von Dorothee Barth


(nmz) -
Das Musikleben in Deutschland ist bunt und vielfältig. Zeugnis dafür liefern in jüngster Zeit nicht zuletzt die Eröffnungskonzerte der Elbphilharmonie in Hamburg, in denen neben einer Vielzahl von Konzerten mit klassischer Kunstmusik ebenso Punk, Pop, HipHop, viele Spielarten des Jazz, experimentelle und orientalische Musik zu hören waren. Und nicht nur dort ist zu beobachten, dass sich musikalische Stilistiken, Genres und Kulturen immer weiter verzweigen, ausdifferenzieren und sich mitunter weltweit mischen in stets neuen Fusionen und Crossovers. Dabei entstehen Wechselwirkungen zwischen lokalen Traditionen, die globale Trends bearbeiten, und globalen Entwicklungen, die Lokales aufnehmen und weiterentwickeln.
Ein Artikel von Dorothee Barth

Auf den Wert und den Schutz musikkultureller Diversität hat auch der Deutsche Musikrat bereits in seinem 2. Berliner Appell aus dem Jahr 2005 hingewiesen, in dem er sich unter anderem verpflichtete dazu beizutragen, „die Kulturelle Vielfalt als Reichtum und nicht als Bedrohung in den Köpfen und Herzen der Bürgerinnen und Bürger bewusst zu machen.“ Auch der Bundesverband Musik­unterricht, der sich dem musikalischen Leben an allen Schulen verpflichtet fühlt, betont in seinem Grund­satzpapier „Für musikalische Bildung an Schulen. Agenda 2030“1 die Vielfalt des Musiklebens, das sich „zwischen Pflege, Bewahrung und Aktualisierung musikalisch-kultureller Traditionen auf der einen und der Innovation von Stilistiken, Distributionsmechanismen und Musizierhaltungen auf der anderen Seite“ entfalte. Seine Aufgabe sieht der BMU folglich darin, Orientierungen zu schaffen: Die Schülerinnen und Schüler sollen unterschiedliche musikalische Stilistiken, Genres und Kulturen erleben und reflektieren, „um begründete Entscheidungen für Verortungen zu treffen.“ Der Musikunterricht an den allgemeinbildenden Schulen soll also auf eine mündige Teilhabe und Gestaltung des vielfältigen Musiklebens in Deutschland vorbereiten. Doch wenn dieses Ziel den Unterricht leitet, kann über eine fachimmanente Bildung hinaus noch viel mehr erreicht werden.

In besonderer Weise hat sich in den letzten Jahren die Interkulturelle Musikpädagogik mit der alten, immer wieder neuen und auch zum jetzigen Zeitpunkt hochaktuellen (Heraus-)Forderung auseinandergesetzt, wie die deutsche multikulturelle Gesellschaft gestaltet werden kann, damit sie für alle Mitglieder eine Heimat sein kann. Und damit allen Mitgliedern die gleichen Chancen zum gelingenden Leben eröffnet und als unverzichtbare Bedingung einer Demokratie konsequent Möglichkeiten, Orte und Räume zum Dialog und zum gedanklichen Austausch angeboten werden. Als kleine Disziplin kann die Interkulturelle Musikpädagogik im Kontext dieser gro­ßen Themen wesentliche Orientierungspunkte liefern.

Musikalische Identität(en)

Denn anders als die unseligen Debatten, wie etwa um die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft, um das „Ja oder Nein zu Erdogan“ oder neuerdings wieder um die deutsche Leitkultur, die die Gesellschaft polarisieren und spalten, ist es schon lange ein wichtiges Ziel der Interkulturellen Musikpädagogik, allen Kindern und Jugendlichen und gerade auch denen mit einem Migrationshintergrund deutlich zu machen: Ihr müsst euch nicht entscheiden! Ihr könnt in mehreren unterschiedlichen musikalischen Kulturen eine Heimat finden – sowohl in der westlichen klassischen Musik als auch in der türkischen Volksmusik, dem arabischen oder amerikanischen HipHop, dem Heavy Metal oder der italienischen Oper. Denn – so weiß man – stabile Identitäten in globalisierten und multikulturellen Gesellschaften müssen in der Lage sein, diese Integrationsleistungen zu vollbringen. Dass eine solche Fähigkeit nicht nur für das eigene Wohlbefinden, sondern auch für berufliche und soziale Anerkennung sorgen kann, zeigen Untersuchungen, in denen nachgewiesen wurde, dass Menschen mit einem hohen sozialen Status und gesellschaftlichem Ansehen ohnehin eher zu den sogenannten „musikalischen Allesfressern“ zählen. Damit sind Menschen gemeint, die ihre musikalisch-kulturellen Identitäten aus einem breiten Angebot musikalischer Kulturen und Stilistiken selbstbestimmt ausbilden und sich dabei auch stark voneinander unterscheiden können.2

Schließlich sind auch etliche Musiker­innen und Musiker, die dieses Land bespielen, wie auch viele Hörerinnen und Hörer in verschiedenen Musikkulturen zu Hause: So kann eine Person heutzutage einigermaßen widerspruchsfrei klassische Musik auf dem Klavier spielen, auf dem Weg zur Arbeit Elektro hören, Mitglied in einer Capoeira-Tanzgruppe sein, mit syrischer Volksmusik die neuen Nachbarn kennenlernen, „atemlos“ durch den Park joggen und Abonnentin der Konzertreihe eines Sinfonieorchesters sein.

Die unterschiedlichen musikalischen Interessen und Vorlieben mögen auf den ersten Blick beliebig erscheinen, doch tatsächlich sind sie etwas viel Wesentlicheres: Sie bilden die einzigartige musikalische Identität eines Menschen, dessen großartige Leistung es ist, diese musikalische Identität auszubilden, zu reflektieren und zu erweitern. Dabei wird er sich einmal vollkommen auf die eine musikalische Praxis konzentrieren und ein anderes Mal ganz andere Prioritäten und Schwerpunkte setzen. Und sich auf keinen Fall verunsichern lassen durch unterschiedliche oder sogar gegensätzliche musikalische Vorlieben, Aneignungen und Bewertungen, sondern sie zusammen denken und zu einem Gesamtbild integrieren.

Der Sorge, dass in dieser Vorstellung von musikalischer Identität Musiken ungeachtet ihrer „Qualitäten“ gleichberechtigt nebeneinander stehen können, kann ein guter Musikunterricht mit einer Thematisierung der jeweiligen Qualitätskriterien begegnen. Unhintergehbar muss er sich in seiner Themensetzung an dem vielfältigen musikalischen Leben in Deutschland orientieren und nicht – angetrieben durch eine vermeintliche Höherwertigkeitsvorstellung der klassischen Kunstmusik – an der persönlichen Sozialisation einzelner Musiklehrkräfte.

Die oben vorgenommene Beschreibung einer musikalischen Identität ist angelehnt an eine Stelle aus dem Buch „Die Identitätsfalle“ von Amartya Sen. Dort heißt es: „Eine Person kann ganz widerspruchsfrei amerikanische Bürgerin, von karibischer Herkunft, mit afrikanischen Vorfahren, Christin, Liberale, Frau, Vegetarierin, Langstreckenläuferin, Historikerin, Lehrerin, Roman­autorin, Feministin, Heterosexuelle, Verfechterin der Rechte von Schwulen und Lesben, Theaterliebhaberin, Umweltschützerin, Tennisfan, Jazzmusikerin (…) sein.“ Mit diesem anschaulichen Beispiel will Sen deutlich machen, dass die Identität eines Menschen nicht auf seine Herkunft oder Staatsangehörigkeit reduzierbar ist, sondern sich aus vielen Aspekten zusammensetzt. Diese wiederum können  mit unterschiedlichen Menschen innerhalb und außerhalb des Landes, in dem man lebt, kulturelle Schnittmengen entstehen lassen. Aber so leicht es nachzuvollziehen ist, dass eine musikalische Identität nicht das Bekenntnis zu einer Musikkultur verlangt, so verlockend scheint es neuerdings manchen Politikern, von Menschen mit einem Migrationshintergrund das Bekenntnis zu einer Staatsangehörigkeit zu fordern.

Hier wie da verhindern polarisierende Entscheidungserzwingungen notwendige Integrationsleistungen und befördern das extreme „Kippen“ auf die eine oder andere Seite. Wer einseitige Entscheidungen für etwas einfordert, nimmt in Kauf, dass diese Entscheidung auch gegen etwas gefällt wird. Viele türkischstämmige Jugendliche in Deutschland beispielsweise möchten sich nicht entscheiden, denn sie schätzen ihre deutsche und ihre „orientalische“ Seite und sind gut in der Lage, diese zu integrieren. Weder wollen sie sich gegen das Land ihrer Vorfahren entscheiden noch gegen das Land, in dem sie aufgewachsen sind und in dem sie ihre Zukunft sehen – wohl aber für beide Länder. Kein geringerer als Kofi Annan warnte bereits im Jahre 1997 in der Funktion als UNO-Generalsekretär vor einer falsch verstandenen Identitätspolitik als einer „Bedrohung des Friedens und des Fortschritts des gegenwärtigen Zeitalters“.

Mündige Teilhabe

Damit sich Jugendliche mit verschiedenen Musiken und ihren eigenen musikalisch-kulturellen Identitäten in einer reflektierenden, vermittelnden oder forschenden Haltung explizit beschäftigen können, werden für den Musikunterricht unter anderem Unterrichtsprojekte empfohlen, in denen Erfahrungsräume für die Wahrnehmung von Musik geöffnet und ein kreatives Arbeiten ermöglicht werden – zum Beispiel die Erstellung eines Klassensongs, das Komponieren von thematischen Klangcollagen am Computer oder das Malen, Bewegen und sogar Schreiben zur Musik.3 Und auch bei allen anderen Orientierungen oder exemplarischen Vertiefungen sollten die Schüler verstehen, dass ihnen – vermittelt durch die „Sache“ Musik – Identitätsangebote gemacht werden, die sie annehmen können, aber nicht müssen. In der Regel zeigen Schülerinnen ihrerseits dann auch die grundsätzliche Bereitschaft, sich auf verschiedene Musiken vertieft einzulassen, um herauszufinden, welche davon sie sich zu eigen machen möchten.

Eine Interkulturelle Musikpädagogik bereitet auf eine mündige Teilhabe und eine aktive Gestaltung des vielfältigen Musiklebens in Deutschland vor und aktiviert so exemplarisch zu mündiger Teilhabe an und aktiver Gestaltung von unserer multikulturellen Gesellschaft überhaupt. Beide Aufgaben kann sie alleine natürlich nicht bewältigen – selbst wenn Musikunterricht überall im Land von der 1. bis zur 13. Klasse in diesem Sinne stattfände. Aber sie liefert ein Mosaiksteinchen dafür und vielleicht sogar ein besonders leuchtendes: Denn Musik spielt für Jugendliche bei ihrer Identitätskonstruktion eine tragende Rolle und Musik als Schulfach kann mehr als andere Fächer Spielräume eröffnen, individuelle Stärken fördern und eine Persönlichkeitsentwicklung unterstützen. Wie so oft, wäre es auch hier schön, Politiker würden von dem Musikleben in Deutschland und der Interkulturellen Musikpädagogik lernen.

Anmerkungen

1 http://www.bmu-musik.de/publikation…
2 Michael Parzer: Cultural Variety as a Resource? Musical Taste and Social Distinction in Contemporary Cultural Sociology. In: Gies/Heß(Hg.): Kulturelle Identität und soziale Distinktion. Herausforderungen für Konzepte musikalischer Bildung. Esslingen 2013, S. 59–71
3 Barth, Dorothee: Was verbirgt sich im Trojanischen Pferd? Eine Analyse von Unterrichtsmaterialien zur Interkulturellen Musikpädagogik, in: Niessen, Anne/Lehmann-Wermser, Andreas (Hg.): Aspekte Interkultureller Musikpädagogik. Ein Studienbuch, Augsburg 2014, S. 73–92.

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