Kartierung der Musiklandschaft, weltweit

Dossier über Musikinformationszentren zur Jahrestagung der IAMIC vom 21. bis 26. Mai 2022 in Bonn


(nmz) -
Die Internationale Vereinigung der Musikinformationszentren (IAMIC) ist ein Netzwerk aus derzeit 33 Institutionen, die die Musik ihres Landes oder ihrer Region dokumentieren und fördern. Ihr Aufgabenspektrum variiert und hängt von dem jeweiligen Kontext ab, in dem sie tätig sind. Wie bei vielen internationalen Netzwerken sind die Gemeinsamkeiten der Musikinformationszentren im Hinblick auf ihre Zielsetzungen und Zwecke jedoch deutlich größer als ihre Unterschiede.
Ein Artikel von John Davis

Musik ist eine komplexe Kunstform, die verschiedene Genres und Stile, Aufführungs- und Rezeptionsformen, Ziele und Zwecke umfasst und unterschiedliche Zielgruppen anspricht. Sie ist auch eine Sprache, die Kultur und Identität zum Ausdruck bringt – in einem Spektrum, das von Kunst bis Kommerz reicht, spezifisch für einzelne gesellschaftliche Gruppen und Orte ist oder eine breite Masse anspricht. Wer versucht, sich in der Musiklandschaft zurechtzufinden oder die Musikkultur einer bestimmten Region – ihre Infrastruktur und Entwicklungen, ihre Komponist*innen, Künstler*innen und so weiter – zu erkunden, benötigt eine zuverlässige Quelle. Genau das ist im Kern die Aufgabe eines Musikinformationszentrums. 

Eine kurze Geschichte­ der IAMIC

Während es heute eine Vielzahl von Geschäftsmodellen und inhaltlichen Ansätzen gibt, nach denen Musikinformationszentren in ihren lokalen Kontexten arbeiten, gehen die Ursprünge des Netzwerks auf Musikbibliotheken zurück. Eine dieser Institutionen, New Music USA, das ehemalige American Music Centre, wurde 1939 als Bibliothek gegründet, um Werke amerikanischer Komponisten zu sammeln, darunter Partituren und Aufnahmen.

Andere kamen später hinzu, zum Beispiel 1947 die Gaudeamus Foundation und 1959 das Canadian Music Centre. 1960 fand das erste informelle Treffen von Musikinformationszentren auf der Konferenz der IAML (International Association of Music Libraries) in den Niederlanden statt. Vorausgegangen waren zwei Treffen in den Jahren 1958 und 1960, die André Jurres von der Donemus-Stiftung unter der Schirmherrschaft des Internationalen Musikrates in Amsterdam einberufen hatte. An ihnen nahmen rund zwölf Institutionen teil, die sich mit der Förderung zeitgenössischer (Kunst-)Musik befassten.

Bis 1962 war diese Gruppe zu einem formellen Zweig der IAML geworden und traf sich zum Erfahrungs- und Informationsaustausch weiterhin auf den IAML-Konferenzen. 1986 führten der Aufgaben- und Mitgliederzuwachs der Gruppe zur Gründung der IAMIC, um unabhängig mit eigener Satzung und eigenem Vorstand arbeiten zu können. Der (damalige) Schwerpunkt der Musikinformationszentren hatte sich in einigen Ländern hin zu Förderung und Vermarktung zeitgenössischer Musik entwickelt, sodass ihr Aufgabenspektrum breiter wurde und nicht mehr allein in den Dokumentationsaktivitäten (Bibliothekswesen) der von der IAML vertretenen Institutionen aufging.

Nach intensiven Diskussionen, die sich über mehrere Jahre erstreckten, wurde 1991 die Satzung der IAMIC von rund 40 Musikinformationszentren formell angenommen und damit die direkte Zugehörigkeit zur IAML beendet.

Das Entstehen eines Netzwerks

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Aufgaben einiger Musikinformationszentren bereits erweitert, und sie befassten sich mit Veröffentlichungen (Partituren, Aufnahmen, Texte usw.), Künstlerförderung und Förderprojekten sowie der Präsentation von Musik bei Aufführungen und Festivals.

In den 1990er-Jahren stieg die Mitgliedszahl der IAMIC allmählich an. Ende des Jahrhunderts gab es rund 47 Mitglieder, darunter Neuzugänge aus Österreich, Deutschland, Island, Bulgarien, Georgien und Neuseeland, die neue Sichtweisen und neues Fachwissen mitbrachten. Überdies kamen neue Organisationen hinzu, die aufgrund von geopolitischen, technologischen und soziokulturellen Entwicklungen entstanden waren oder die durch die Bemühungen der IAMIC, globaler und weniger eurozentrisch aufgestellt zu sein, Aufnahme fanden – eine herausfordernde Aufgabe in einem unbeständigen Markt, in dem kreative Ausdrucksformen und Kultur manchmal auch Schwankungen unterworfen sind.

MICs online

Das Aufkommen des World Wide Web in den frühen 1990er-Jahren revolutionierte das Management und die Verbreitung von Informationen. Es führte dazu, dass sich das Denken in nationalen Märkten immer mehr zu einer globalen Perspektive entwickelte. Während viele Musikinformationszentren schon früh Online-Kataloge bereitstellten (eines der ersten war 1993 Australien), begannen Mitte des Jahrzehnts mehrere Zentren mit der Digitalisierung ihrer Sammlungen – die Kanadier und Briten gehörten zu den ersten, die damit anfingen, und andere folgten bald. In den späten 1990er- Jahren konzentrierten sich die Diskussionen der IAMIC zunehmend auf die Frage, wie das Netzwerk die Möglichkeiten, musikbezogene Inhalte online zu verbreiten, am besten nutzen könne und wie sich eine größere Sichtbarkeit dieser Inhalte erreichen ließe.

Zu dieser Zeit initiierte das (damalige) MICA – Music Centre Austria – ein gemeinsames Projekt von acht europäischen IAMIC-Mitgliedern, das sich der Frage widmete, wie sich die Datenbestände aller beteiligten Mitglieder über eine einzige Online-Schnittstelle zugänglich machen ließen. In diesem Projekt wurden wichtige Erfahrungen gesammelt, die an die IAMIC-Mitglieder weitergegeben wurden und die weitere Zusammenarbeit beeinflussten. Die Verlagerung des Schwerpunkts von der Katalogisierung hin zu einem modernen Informations- und Inhaltsmanagement hatte begonnen.

Parallel dazu weiteten einige Musikinformationszentren ihren Schwerpunkt von der zeitgenössischen Musik auf andere Musikgenres aus; andere waren bereits in diesen Bereichen tätig (Österreich, Deutschland, Flandern und die nordischen Zentren). Als Folge dieser Entwicklung, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten noch verstärkt hat, ergab sich vielfach eine Verlagerung von der reinen Dokumentationstätigkeit der Zentren hin zu einer strategischen Ausrichtung auf den Musikexport. Dabei ging es nicht allein um die kulturellen Anforderungen, die die Tätigkeit der Zentren bestimmten, sondern auch um die Anforderungen, die sich für die Zentren und die Musiklandschaft, die sie repräsentierten, in puncto Nachhaltigkeit ergaben. Mit dem Aufkommen des Modells der Musikexportbüros (das zunächst in Schweden auf der Grundlage der sich damals entwickelnden Modelle unter anderem aus Australien eingeführt wurde) begann ein Trend, der sich in den letzten Jahren ausgeweitet hat. Mittlerweile hat der Musikexport die bisherigen Aufgaben vieler Musikinformationszentren zum Teil ersetzt und zum Teil ergänzt.

Während die Abkehr von der Dokumentation von einigen beklagt werden mag, verweist sie andererseits auf die gewachsenen Anforderungen an Musikinfrastrukturen insgesamt (und die der Geldgeber – häufig Verwertungsgesellschaften oder staatliche Stellen). Neben der Kulturdokumentation und -förderung, die die Anfangsjahre der IAMIC prägten, gilt es nun, sich mit Fragen von Nachhaltigkeit, wenn nicht sogar von Überleben, auseinanderzusetzen. Dabei ist, wie bereits erwähnt, jeder geografische Kontext anders, so dass das Modell Musikinformationszentrum in Hinblick auf Selbstverständnis und Aufgaben weiterhin von großen Unterschieden geprägt ist.

Die Verbindungen, die das Netzwerk IAMIC ausmachen, besitzen dennoch weiterhin Relevanz und Gültigkeit. Dies spiegelt sich in der aktuellen Zielsetzung der IAMIC wider, die internationale Zusammenarbeit zu stärken, die Mobilität von Künstler*innen zu fördern und ihre Werke in Umlauf zu bringen und die internationale Wahrnehmung und Verbreitung von Musik aller Genres voranzubringen. Die Mitglieder der IAMIC, die sich mit Musikförderung, -entwicklung und -export, mit Dokumentation, Information und Content Management und mit der Unterstützung von Kreativität und Produktion befassen, bilden eine starke Basis dafür, dass sich dieses Netzwerk auch in Zukunft erfolgreich entwickelt.


  • John Davis ist Ehrenmitglied der IAMIC und war ehemaliger IAMIC-Vizepräsident (1998–2002). Er war CEO des Australian Music Centre (1995–2021) und Präsident der International Society for Contemporary Music (ISCM) (2008–2013).

Übersetzung aus dem Englischen: Karin Stoverock

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