Keinerlei Grenzen mehr, auch nicht in den Köpfen

Das Gustav Mahler Jugendorchester feiert 25-jähriges Jubiläum


(nmz) -
Für das Gustav Mahler Jugendorchester ist 2012 ein besonderes Jubiläumsjahr. Vor genau einem Vierteljahrhundert ging sein Gründer Claudio Abbado zum ersten Mal gemeinsam mit Nachwuchsmusikern aus Ost-und Westeuropa auf Tournee. Mehr als zwei Jahre vor dem Mauerfall war diese grenzüberschreitende Initiative von höchster politischer Brisanz. Abbado, damals Generalmusikdirektor in Wien, wollte eine Alternative zu seinem 1978 gegründeten Jugendorchester der Europäischen Gemeinschaft schaffen, der zu dem Zeitpunkt auch Österreich noch nicht angehörte.
Ein Artikel von Corinna Kolbe

Das Orchester macht heute selbst vor den Grenzen der erweiterten EU nicht Halt und steht als gesamteuropäisches Jugendorchester unter dem Patronat des Europarats. Seine Mitglieder, die alljährlich bei Probespielen in 25 europäischen Städten ausgewählt werden, kommen derzeit aus 19 Ländern, darunter auch aus den Nicht-EU-Staaten Russland, Ukraine und Schweiz. Die Sommertournee unter Leitung von Daniele Gatti führte in diesem Jahr von der Residenzstadt Bozen aus unter anderem nach Salzburg, Luzern, Edinburgh und zu den ‚Proms‘ in London. Als Ausbildungsorchester steht das GMJO mittlerweile auf einem so hohen musikalischen Niveau, dass es weltweit von Festival-Veranstaltern gemeinsam mit renommierten Traditionsorchestern eingeladen wird. 

Mehrere Generationen talentierter Musiker haben sich durch ihre Erfahrungen im Gustav Mahler Jugendorchester das Rüstzeug für eine spätere Karriere als Berufsmusiker erworben. Ehemalige spielen inzwischen etwa bei den Berliner Philharmonikern, im Leipziger Gewandhausorchester, bei den Münchner Philharmonikern, im Orchestre National de France, im London Symphony Orchestra, in der Filarmonica della Scala, im Amsterdamer Concertgebouworkest oder bei den Wiener Philharmonikern. Viele sind Mitglieder des von Abbado mitbegründeten Mahler Chamber Orchester, seines Orchestra Mozart und seines Lucerne Festival Orchestra. 

Einer von ihnen ist der Geiger Stefan Arzberger, ehemals stellvertretender Erster Konzertmeister im Gewandhausorchester und inzwischen Primarius im Leipziger Streichquartett. „Von Kommilitonen in Leipzig erfuhr ich von dem Orchester und bestand dann 1990 das Probespiel in Budapest“, erinnert sich der Vogtländer. „Für uns junge Musiker in der DDR war es immer ein Traum gewesen, in ein internationalen Jugend-orchester aufgenommen zu werden.“ Mit Abbado am Pult lernte Arzberger nicht nur Musizieren auf höchstem Niveau kennen, sondern auch eine ganz neue Offenheit im sozialen Miteinander: „Es gab keinerlei Grenzen mehr, auch nicht in den Köpfen. Alle wurden gleich behandelt, ob sie nun aus Frankreich, Österreich, der Ukraine oder Ungarn stammten.“

Schlüsselfigur Abbado

Der Einfluss von Abbado, der mit dem Orchester bis vor einigen Jahren noch regelmäßig auftrat, ist für die meisten Musiker bis heute prägend geblieben: „Wir saßen von Anfang an auf der Stuhlkante und haben alles für ihn gegeben. Das hat sich bis heute erhalten“, sagt Arzberger, der seit der Gründung 2003 auch im Lucerne Festival Orchestra spielt. Die übrigen Kollegen aus seinem Quartett sind inzwischen ebenfalls feste Mitglieder des Klangkörpers, der jeden Sommer mit Abbado am Vierwaldstätter See und an verschiedenen Tournéeorten auftritt. 

Auch andere große Dirigenten wechselten sich im Laufe der Jahre am Pult des Gustav Mahler Jugendorchesters ab. Zu ihnen gehörten Seiji Ozawa, Pierre Boulez und Riccardo Chailly ebenso wie Bernard Haitink, Philippe Jordan, Ingo Metzmacher und Antonio Pappano. Hochkarätige Solisten wie die Pianistin Martha Argerich, der Cellist Yo-Yo Ma, der Bariton Thomas Hampson, Renaud und Gautier Capuçon oder in diesem Jahr der Geiger Frank-Peter Zimmermann haben ihre Erfahrungen weitergegeben.

Nicht zu vergessen sind die Nachwuchsdirigenten, die das Orchester als ein zusätzliches Sprungbrett für ihre weitere Karriere nutzen konnten. Abbados erster Assistenzdirigent im GMJO war Franz Welser-Möst, mittlerweile Generalmusikdirektor an der Wiener Staatsoper. Ihm folgten unter anderem Manfred Honeck, Marc Albrecht, Patrick Lange und jetzt der 29-jährige David Afkham, der in der vergangenen Saison in verschiedenen internationalen Musikzentren in Erscheinung getreten ist. Neben dem klassisch-romantischen Repertoire widmet sich das Orchester auch Zeitgenössischem und brachte bereits mehrere Werke zur Uraufführung. 

 Orchesterakademie

Um der Ausbildung von Orchestermusikern neue Impulse zu geben, arbeitet das Gustav Mahler Jugendorchester mit mehreren Hundert Hochschulen in Europa zusammen. Wie GMJO-Generalsekretär Alexander Meraviglia-Crivelli kritisiert, werden Studenten bisher vorwiegend auf eine Solistenkarriere vorbereitet, ohne das Zusammenmusizieren zu erlernen. Eine von Abbado initiierte Orchesterakademie fördert Musiker seit Mitte der neunziger Jahre durch Stipendien, während eine in Bozen ansässige Stiftung Meisterkurse und andere gezielte Vorbereitungen auf die Profi-Laufbahn anbietet.

Für die Teilnahme an Proben und Konzerten erhalten die Musiker kein Honorar. Dafür werden alle Reise- und Unterbringungskosten übernommen, unter anderem mit Unterstützung der Residenzstädte Wien, Bozen, Lissabon und Interlaken. Größere Zuschüsse kommen zudem vom Staat Österreich sowie von mehreren Stiftungen und Unternehmenssponsoren. Weitere Projektmittel werden von der in München ansässigen Förderstiftung des Orchesters akquiriert, hinzu kommen die Einnahmen aus Konzerten. 

Für seine Verdienste wurde das Gustav Mahler Jugendorchester in diesem Jahr zum Botschafter UNICEF Österreich ernannt. Mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden und ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann wurde außerdem eine Partnerschaft geschlossen. Im November ist in der Frauenkirche ein Konzert mit Musikern aus beiden Orchestern unter Leitung von Vladimir Jurowski geplant.

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