Kirchenmusik im Hier und Heute gestalten

Offener Brief des Allgemeinen Cäcilienverbandes zum Jubiläum von KdL und AGÄR


(nmz) -
Passau/Regensburg, 8. Februar 2022 /
Liebe Professoren Stefan Baier und Franz Danksagmüller, liebe Mitglieder der Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Ausbildungsstätten für Katholische Kirchenmusik in Deutschland (KdL), lieber Godehard Weithoff, liebe Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft der Ämter/Referate für Kirchenmusik der Diözesen Deutschlands (AGÄR)
Ein Artikel von Marius Schwemmer

Der Allgemeine Cäcilienverband für Deutschland (ACV) gratuliert den beiden kirchenmusikalischen Partnergremien sehr herzlich zu ihrem 55- bzw. 30-jährigen Bestehen!

Die Musica sacra 2/1992 veröffentlichte Josef Schneiders sehr umfassendes wie eindrückliches Hauptreferat anlässlich der KdL-Jubiläumstagung am 25. und 26. Januar 1992 in Mainz mit dem Titel „Die Konferenz der Leiter in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ (S. 90–99) sowie Franz A. Steins Beitrag über „Arbeitssitzungen, Festgottesdienst, Festakt und Festschrift“ (S. 99–109) und lieferte damit fundamentale Einblicke in die Arbeit des Gremiums.

In derselben Ausgabe der Musica sacra findet sich die aus der Zeitschrift Gottesdienst übernommene, vom Leiter des Deutschen Liturgischen Instituts Prof. Heinrich Rennings verfasste Mitteilung (S. 109) über „eine wichtige weitere Zusammenkunft […] im Rahmen dieser [KdL-]Jubiläumsveranstaltung“: „Um die Zusammenarbeit der deutschen Bistümer im Bereich der Kirchenmusik zu stärken, wurde auf Weisung der Bischofskonferenz eine ‚Arbeitsgemeinschaft der Leiter der diözesanen Kirchenmusikämter/Referate‘ gebildet. Nachdem lange Zeit auf dem Gebiet der Kirchenmusik kooperierende Überlegungen im Rahmen des Allgemeinen Cäcilien-Verbandes angestellt wurden, trat nach dem Konzil die bischöfliche Verantwortung für Gesang und Musik in der Liturgie der Diözese hervor. So richteten die meisten Bis­tümer Diözesanstellen ein zur Förderung aller Formen der Kirchenmusik, zur Fortbildung der Kirchenmusiker und zur Schulung von Kantoren, Chorsängern und Instrumentalisten. Bei der Neufassung der Statuten des ACV wurde dieser Entwicklung insofern Rechnung getragen, als die Leiter der Ämter und Referate nicht mehr alle zum ACV gehören, sondern nur als Gremium noch darin vertreten sind.“

Das 55-jährige Jubiläum der KdL und das 30-jährige der AGÄR fallen in ein Jahr, in dem die BILD-Zeitung infolge der Veröffentlichung des Münchner Gutachtens über die Missbrauchsfälle in Großdruck „Der Kirchen-Apparat ist gescheitert“[1] kommentiert bzw. der Kirchenrechtler Thomas Schüller gegenüber dem Bayerischen Rundfunk formuliert: „Diese soziale Ausgestaltung von Kirche wird sterben, und nicht wieder auferstehen. Sie ist zum Tode verurteilt.“[2]

Die beiden Jubiläen fallen des Weiteren in eine Zeit, in der sich die Annahme des Mainzer Bischofs Dr. Peter Kohlgraf vom Dezember 2020 als richtig erwiesen hat, dass „die Corona-Pandemie Prozesse der Distanzierung von Kirche beschleunigt.“[3] Gleichzeitig erleben wir entgegen den bisherigen Vorhersagen, dass dennoch mehr Finanzmittel für Sach- und Personalkosten zur Verfügung stehen als bei dieser Zahl von Kirchenmitgliedern ehemals angenommen.

Lebenswirklichkeiten

Die Jubiläen fallen aber auch mit einem historischen Ereignis zusammen: Vor 65 Jahren, 1957, verlieh Angelo Giuseppe Kardinal Roncalli als Patriarch von Venedig bei einer Provinzialsynode dem Terminus „Aggior­namento“ zum ersten Mal einen neuen, kirchlich-pastoralen Akzent.[4] Als Papst Johannes XXIII. wurde dieses „Heutigwerden des Glaubens“, diese „lebendige Übersetzung des Evangeliums für den Menschen, für die Welt und Zeit von heute“[5] sein grundlegendes Anliegen für das Zweite Vatikanische Konzil.

Das Heute gilt es für die Kirche – und damit auch für die Kirchenmusik und ihre Verantwortlichen – in den Blick zu nehmen: die Welt von heute, die heutigen Lebenswirklichkeiten, die postmoderne Gesellschaft, die Menschen von heute und ihre Lebenswelten. Das bedeutet kein Gefangensein in der – vielleicht sogar verklärten – Vergangenheit oder selbst konstruierten Tradition, kein Vertrösten auf morgen oder ein Sich-Verlieren in durch Ressourcenmangel begründeten Strukturplänen – und schon gar kein generelles Verteufeln des Zeitgeistes. Denn die „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute“ sind der Auftrag der Kirche (vgl. GS 1). Kirchenmusik ist natürlich nicht die Lösung aller kirchlichen Probleme. Aber (Kirchen-)Musik ist zweifelsohne für viele Menschen ein erster spiritueller Anknüpfungspunkt zur Kirche und ihrer Frohen(!) Botschaft und heute für eine steigende Zahl von Menschen der letzte Verbindungsfaden dorthin. Sie ist nicht nur notwendiger und wesentlicher Bestandteil einer feierlichen Liturgie (vgl. SC 112,1), sondern auch der heutigen Übersetzung des Evangeliums, einer zeitgemäßen Verkündigung der Frohen Botschaft. Sie kann als Kunst- und Kulturäußerung neue Räume erkennen und erschließen sowie alte Räume fes­tigen, die Orte der Begegnung und Verkündigung sind: Orte für christlich-spirituelle Lebensdeutungsangebote, Orte, die offen sind für die Fragen suchender Menschen, welche hier im Glauben und in der Liebe Gottes als Prinzip, das den Glauben trägt, mitgenommen werden. Bei all diesen Potenzialen von Kirchenmusik darf man selbstverständlich zugleich nicht der Gefahr erliegen, die Kirchenmusik als Ganze zu isolieren oder mit einem bestimmten Repertoire kirchenpolitisch zu instrumentalisieren.

Zentrale Fragen

So lauten für mich derzeit die zentralen Fragen:

Was braucht es, damit vor Ort Spiritualität gelebt werden kann als geistliche und geistgewirkte Lebenspraxis, in der Anthropologie und Theologie ineinandergreifen und so Wachstum und Verheimatung möglich werden bzw. möglich sind? Was kann die Kirchenmusik dazu beitragen? Wie erschließt sie heutige Zugänge zum Glauben? Welches Gottes-, Menschen- und Kirchenbild vermittelt sie?

Wie können/sollen in der jetzigen, oben beschriebenen Situation (hauptamtliche, nebenberufliche und ehrenamtliche) Kirchenmusiktätige mit Gemeinden Musik zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen machen?

Wie kann die Kirchenmusik die liturgisch-musikalische Rolle der gottesdienstlich versammelten Gemeinde stützen und profilieren und so einen Dienst an der „singenden Glaubensgemeinschaft“ leisten?[6]

Wie muss also die Kirchenmusik beschaffen sein, um Räume für mündige Gläubige in einer Gemeinschaft – statt individualisiert und isoliert – für alle gottesdienstlichen Formen zu (er-)öffnen?

Wie kann wesentlich dazu beigetragen werden, dass die Nähe, die (nicht nur Kirchen-)Musik entstehen lässt und gleichzeitig auch braucht, respektvoll bleibt und nicht missbraucht und pervertiert werden kann?

Welche Ausbildung und welche Voraussetzungen bzw. Rahmenbedingungen benötigen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker, damit ihnen das alles gelingt?

Und was brauchen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker, um ihre Berufung spirituell und künstlerisch wachsend leben sowie andere für die Kunst und die christliche Botschaft begeistern und inspirieren zu können?

Welche Aspekte der „Leitlinien zur Erneuerung des Berufsbildes ‚Kirchenmusikalische Dienste‘“ von 1991, die sich im Kontext des oben genannten Berichts in der Musica sacra so lesen lassen, als seien sie aus der Arbeit der KdL heraus entstanden und gleichzeitig KdL, AGÄR und dem ACV zum Arbeitsauftrag gegeben, gilt es für die heutige Gestalt der Kirche fortzuschreiben?

Den Gründungsauftrag mit Leben erfüllen

Dies sind meiner Meinung nach Fragestellungen, die jedes Gremium – ob ACV, AGÄR oder KdL – zum einen unter je eigenem Blickwinkel und hinsichtlich der Frage, wie der jeweilige Gründungsauftrag heute mit Leben gefüllt werden kann, für sich selbst beantworten muss. Dennoch bin ich zum anderen davon überzeugt, dass diese Fragen auch gemeinsam für die Kirchenmusik in Deutschland bearbeitet werden müssen. Der ACV behält diese Fragen bei seinem nun begonnenen Innovationsprozess, der bei der letzten Mitgliederversammlung im November in Mainz programmatisch mit meiner Rede und strukturell mit der Satzungsänderung seinen Auftakt nahm, fest im Blick und ringt um Antworten darauf.

In diesem Sinne: Alles Gute der KdL zu ihrem 55- und der AGÄR zu ihrem 30-jährigen Bestehen in der Hoffnung, dass wir uns weiterhin gemeinsam aus unseren Gründungsaufträgen heraus dafür einsetzen, die Kirchenmusik in Deutschland im Hier und Heute zu gestalten.

Für den Allgemeinen Cäcilienverband für Deutschland Diakon KMD Dr. Marius Schwemmer, Präsident


Anmerkungen:

[1] 20.01.2022, Online-Ausgabe, https://www.bild.de/politik/inland/…, zuletzt abgerufen am 08.02.2022.

[2] BR24 vom 27.01.2022, https://www.br.de/nachrichten/bayer…, zuletzt abgerufen am 08.02.2022.

[3] Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 23.12.2020, Online-Ausgabe, https://www.sueddeutsche.de/panoram…, zuletzt abgerufen am 08.02.2022.

[4] Vgl. Giuseppe Alberigo, Art. „Aggiornamento“, in: LThK 3/2006, Bd. 1, Sp. 231.

[5] Heinrich Fries, Der Sinn von Kirche im Verständnis des heutigen Christentums, in: HFTh 2/2000, Bd. 3, S. 1–10, 6 bzw. 5.

[6] Vgl. Stefan Klöckner, Aktuelle Empörung – geschichtliche Geduld. Von der bleibenden Herausforderung des II. Vatikanischen Konzils, in: Marius Schwemmer/Joachim Werz (Hgg.), „Bleibt österlich gestimmt!“ Gedenkschrift für Msgr. Prof. Dr. Wolfgang Bretschneider (1941–2021), Münster 2021, S. 39–55, 48f.

 

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