Klare Botschaften: die ersten Veröffentlichungen des CD-Labels BR-KLassik


(nmz) -
Ein gutes halbes Jahr ist es nun her, dass die Erbsenzähler vom Bayerischen Obersten Rechnungshof den gloriosen Vorschlag unterbreiteten, „insbesondere“ das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mittelfristig aus dem BR auszugliedern und damit suggerierten, auch beim Rundfunkorchester und dem BR-Chor würde eine solche Prozedur nicht schaden (die nmz berichtete und kommentierte).
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Da wirkte es wie eine wohlkalkulierte Antwort, als die Rundfunkverantwortlichen im Herbst mit BR Klassik nicht nur einen neuen Namen für das vierte Programm präsentierten, sondern auch die ersten CDs des hauseigenen Labels, die auf der Basis von BR-Live-Mitschnitten von der (ausgegliederten) BRW-Service GmbH produziert und von der Kölner Arion GmbH betreut werden.

Die Botschaft ist klar: über die (vom Rechnungshof als überflüssige Kür kritisierten) Reisetätigkeiten hinaus sollen Qualität und Repertoirebandbreite der hauseigenen Klangkörper überregional demonstriert werden und so zeigen, was auf dem Spiel stünde, wenn hier kommerziellen Gesichtspunkten nachgegeben würde. Freilich zeigen die ersten CD-Serien, dass es gerade auf dem zusammenbrechenden Tonträgermarkt ohne einen kalkulierten Seitenblick auf potenzielle Käuferschichten nicht geht.

So schielt man mit Klavierkonzerten Beethovens und Mozarts auf diejenigen, die mit einiger Berechtigung bei jeder neu erhältlichen Aufnahme Martha Argerichs mit freudiger Erregung zugreifen. Sie werden insbesondere beim 1983 aufgenommenen C-Dur-Konzert Beethovens nicht enttäuscht werden, wo Seiji Ozawa das BR-Symphonieorchester stärker für den konzertierenden Dialog zu animieren weiß, als zehn Jahre zuvor Eugen Jochum im B-Dur-Konzert KV 456.

Mit Symphonien von Mahler und Bruckner werden ebenso wenig Aufsehen erregende Repertoire-Meilensteine gesetzt. Die technisch ausgezeichneten SACD-Einspielungen dienen vor allem der Zurschaustellung des orchestralen Leistungsstandes, den das Symphonieorchester des BR unter seinem Chef Mariss Jansons erreicht hat. Der ist zweifellos blendend, doch bleiben Restzweifel, ob Jansons in diesem Repertoire ähnlich viel zu sagen hat, wie das bei seinen Vorgängern Jochum in Sachen Bruckner und bei Kubelik in Sachen Mahler der Fall war. Sein Versuch, Mahlers sybillinischer Siebter auf dem Mittelweg zwischen einem Auskosten der Extreme und distanzierender Analyse Herr zu werden, wirkt mutlos. Ein rückhaltloses Hineinstürzen in Mahlers Klangwelt findet ebenso wenig statt wie ein Vorausblick auf das, was die Wiener Schule als sein Erbe verstand und weitertrug.

Etwas mehr wagt Jansons mit Bruckners Siebter, wo er im ersten Satz die zur Tradition gewordenen, von der Partitur nicht durchweg gedeckten Temposchwankungen mit Beginn der Durchführung auf die Spitze treibt. Die Formteile bringt er damit aber in keine tragfähige Relation zueinander, wie er auch die Steigerungswellen, denen er sich nicht vorbehaltlos hingeben mag, nicht zu zwingender Größe aufbaut. Wunderbar federnd und klar gelingt ihm gleichwohl das Finale.

Der zu basslastig geratene Mitschnitt aus der Basilika Waldsassen (der Optik wegen auch auf DVD erhältlich) mit Haydns Symphonie Nr. 88 schließlich zeigt Jansons und sein Orchester nicht auf der Höhe mit der historisierenden Konkurrenz oder dem HR-Klangkörper, der unter Hugh Wolff (ebenfalls bei einem hauseigenen Label) wunderbar inspirierte und durchsichtige Haydn-Interpretationen vorgelegt hat. Die Leistungsfähigkeit des BR-Chors unter seinem Chef Peter Dijkstra, der hier Haydns Harmoniemesse mit kompakter Zuverlässigkeit abliefert, ist überzeugender und mit interessanterem Programm auf einer Scheibe mit A-Cappella-Werken Frank Martins, Zoltán Kodálys und Francis Poulencs zu hören. Sehr gelungen ist außerdem Wieland Schmids Werkeinführung zur Bach’schen Matthäuspassion. Schade nur, dass die Möglichkeit analysierender Klangbeispiele nicht noch ausführlicher genutzt wurde, auch die Gesamteinspielung, wenigstens in Form von MP3-Dateien, wäre hochwillkommen gewesen.

Als Dritter im Bunde liefert das Münchner Rundfunkorchester seine Visitenkarte ab und zeigt sein in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegenes Niveau und seine programmatische Neugier mit einer Einspielung von Leonard Bernsteins frühem Bühnenwerk, jener „Trouble in Tahiti“ genannten Petitesse, die später in der größer angelegten Oper „A Quiet Place“ aufging. Besser gesungen als jene, reicht sie in der Lockerheit der Broadway-Anklänge allerdings nicht ganz an Bernsteins eigene Aufnahme von 1973 heran.

Mit Karl Amadeus Hartmanns „Simplicius Simplicissimus“ legt Chefdirigent Ulf Schirmer dann aber das Glanzstück der ersten Veröffentlichungsserie ab. Das liegt zum einen an der exquisiten Besetzung (nur Camilla Nylund vermag in der Titelrolle der wunderbaren Helen Donath aus der Wergo-Aufnahme unter Heinz Fricke nicht ganz das Wasser zu reichen), zum anderen aber an dem überzeugenden Rückgriff auf Hartmanns erste, schlanker und härter instrumentierte Fassung des Werkes (1936). Über das Zustandekommen dieser Rekonstruktion hätte man allerdings gerne mehr erfahren. Das Booklet sagt kaum etwas dazu und auch Wilfried Hiller bleibt im beigegebenen Interview eher vage. Dass diese Einspielung die einzige (außerdem nur indirekte) Verbindung zur Konzertreihe musica viva darstellt, wirft im Übrigen ein zwiespältiges Licht auf den Stellenwert, den das Zeitgenössische beim BR genießt.

Neben diesen ersten acht CDs hat das BR Klassik Label noch eine Box zum 60. Geburtstag des Symphonieorchesters des BR herausgebracht und damit den fünf Chefdrigenten des Klangkörpers ein schönes Denkmal gesetzt. Eugen Jochum ist nicht mit Bruckner vertreten, verleiht Wilhelm Furtwänglers weit ausladender zweiter Symphonie aber durchaus Bruckner’sche Größe. Nicht Mahler, sondern Bruckners Achte steuert Rafael Kubelik bei, ein zügiger, auf einer CD Platz findender Mitschnitt mit überraschend hell durchfluteten, von der etwas stumpfen Aufnahmetechnik jedoch unter Wert verkauften Gipfelpunkten.

Auch von Colin Davis ist kein nahe liegender Berlioz zu hören (hier hätte man sich in doppelte Konkurrenz mit seinen alten Philips-Aufnahmen und den neueren Interpretationen für das Label des London Symphony Orchestra begeben), dafür aber – neben Elgars Enigma-Variationen – ein vitales Plädoyer für den Symphoniker Ralph Vaughan Willliams und dessen sechsten Beitrag zur Gattung. Drei kleine aufnahmetechnische Schnitzer ausgerechnet im desolaten Dauer-Pianissimo des Epilogs trüben die Freude da-rüber ein wenig.

Die stetig gewachsene Orchesterkultur dokumentieren schließlich die Mitschnitte mit Lorin Maazel und Mariss Jansons am Pult. Maazels Strawinsky (Feuervogel-Suite und Sacre) funkelt in prächtigen Farben und hat gleichzeitig scharfen rhythmischen Biss, Jansons’ Strauss (Rosenkavalier Suite, Till Eulenspiegel) findet eine hier durchaus überzeugende Balance zwischen orchestraler Opulenz und nüchterner Klarheit. Die Eröffnung von „Im Abendrot“ aus den Vier letzten Liedern gerät allerdings eine Spur zu ausdrucksneutral, Anja Harteros ist als klangsinnliche Solistin weich in die Orchesterfluten eingebettet, die Nuancierung des Textes könnte prägnanter sein.

Das ultimative Argument für einen Kauf der kompletten 60-Jahre-Sammlung (anders als die von Naxos vertriebenen Einzelveröffentlichungen ist die Box über den Shop der Süddeutschen Zeitung erhältlich) liefert allerdings Kyrill Kondraschin, der als nominierter Chefdirigent starb, bevor er die Nachfolge von Kubelik antreten konnte: 1980 dirigierte er eine Franck-Symphonie, die an Innenspannung und warm timbrierter Leuchtkraft ihresgleichen sucht.

Schließlich noch einige Bemerkungen zur Ausstattung: Die Booklets lassen mitunter einiges an Informationsgehalt zu wünschen übrig; dass nicht der komplette Feuervogel, sondern die Suite von 1919 zu hören ist, verrät erst der zweite Blick; im Simplicius-Libretto fehlen Trackzuordnungen; für Zeitangaben muss man die CDs erst aus den entbehrlichen Kartonschubern und dann die Booklets aus den Hüllen holen. Kleinigkeiten gewiss, die in Verbindung mit dem guten Gesamteindruck des Labelstarts aber störend auffallen.

Einzel-CDs BR Klassik
(Vertrieb: Naxos)

  • Beethoven: Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur, Mozart: Klavierkonzert Nr. 18 B-Dur; Martha Argerich, SO des BR, Seiji Ozawa, Eugen Jochum (1983/1973), 403571900701 (CD)
  • Mahler: Symphonie Nr. 7; SO des BR, Mariss Jansons (2007) 403571900101 (SACD)
  • Bruckner: Symphonie Nr. 7; SO des BR, Mariss Jansons (2007) 403571900100 (SACD)
  • Haydn: Sinfonia D-Dur, Symphonie Nr. 88 G-Dur, Messe B-Dur „Harmoniemesse“; Chor und SO des BR, Mariss Jansons (2008) 403571900102 (SACD), alternativ auch als DVD: 403571900103
  • Martin: Messe für Doppelchor, Kodály: Missa Brevis, Poulenc: Litanies à la Vierge Noire; Chor des BR, Peter Dijkstra (2007/2008) 403571900500 (SACD)
  • Bach: Matthäuspassion. Werkeinführung von Wieland Schmid; Chor und SO des BR, Regensburger Domspatzen, Peter Dijkstra, 403571900900 (2 CDs)
  • Bernstein: Symphonische Tänze aus „West Side Story“, Trouble in Tahiti; Kim Criswell, Rod Gilfry u.a., Münchner RO, Ulf Schirmer (2008) 403571900300 (CD)
  • Hartmann: Des Simplicius Simplicissimus Jugend; Camilla Nylund, Christian Gerhaher, Michael Volle u.a., Die Singphoniker, Münchner RO, Ulf Schirmer (2005) 403571900301

60 Jahre Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
(BR KLassik, Vertrieb: Süddeutsche Zeitung, 900708)

  • Furtwängler: Symphonie Nr. 2; Eugen Jochum (1954), 2 CDs
  • Bruckner: Symphonie Nr. 8; Rafael Kubelik (1977)
  • Elgar: Enigma-Variationen, Vaughan Williams: Symphonie Nr. 6; Colin Davis (1983/1987)
  • Rimsky-Korsakow: Russische Ostern, Franck: Symphonie d-Moll; Kyril Kondraschin (1980)
  • Strawinsky: Feuervogel-Suite (1919), Le sacre du printemps; Lorin Maazel (1999/1998)
  • Strauss: Rosenkavalier-Suite, Till Eulenspiegels lustige Streiche, Vier letzte Lieder; Anja Harteros, Mariss Jansons (2006/2009)

 

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