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Klingende Röhren und singende Klassen

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Musikpädagogische Themen und Trends auf der Musikmesse 2008
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Schlenderte man über die diesjährige Ausstellung der Musikverlage, konnte man angesichts der Vielzahl an entsprechenden Spielanleitungen, Arrangements und Handreichungen auf die Idee kommen, dass Musikunterricht in deutschen Klassenzimmern hauptsächlich mittels kurz klingender Plastikrohre praktiziert wird. Der Boomwhacker scheint immer noch zu boomen und verweist einmal mehr auf die erfreuliche Entwicklung innerhalb der schulischen Musikpädagogik hin zum praktischen Musizieren.

So bietet die diesjährige Musikmesse neben einem Fachforum zum Thema Klassenmusizieren vor allem auch Informationen zu zahlreichen neuen Lehrwerken und Materialien für den Instrumentalunterricht und das Musizieren in großen Gruppen. Stellvertretend seien hier genannt: „Die Blockflötenklasse“ von Daniela Utsava Heitz (Edition Peters) für das Klassenmusizieren mit der gesamten Blockflötenfamilie und Klavier von Anfang an, konzipiert für Schüler ab Jahrgangsstufe 5; „An die Saiten – fertig – los!“ von Ingo Brzoska (AMA), ein Lehrwerk für die Zupfinstrumente Gitarre, Mandoline und Mandola, einsetzbar in den Klassenstufen 2 bis 6 und „Streicher sind klasse“ von Birgit und Peter Boch (Schott), das sich zum Ziel gesetzt hat, die Lehrplaninhalte der Sekundarstufe direkt mit einer allgemeinen Musikalisierung und dem fundierten Erlernen eines Streichinstrumentes zu verbinden. Den hohen methodischen und organisatorischen Anforderungen in diesem Bereich versucht man mit Hilfe von zusätzlichem Filmmaterial zum Selbststudium zu begegnen. Ergänzend sei auch auf eine Publikation von Stefan Jäger mit dem Titel „Experimentelle Musik in der Hauptschule. Ausgewählte Ansätze für das Klassenmusizieren“ (Wißner) verwiesen. Der Autor untersucht hier verschiedene Ansätze und Kompositionsmodelle im Hinblick auf die Chancen zur Vermittlung und praktischen Erprobung Neuer experimenteller Musik mit Alltagsgegenständen, Stimme und technischen Geräten als Ausgangspunkt für musikalische Grunderfahrungen speziell in dieser Schulform.

Die Wiederentdeckung des Singens

Parallel zur Entwicklung von instrumentalpädagogischen Konzeptionen für die Schule erlebt das Singen mit Kindern und Jugendlichen derzeit einen Aufschwung. Hier wird vor allem der Bedeutung einer frühen Singförderung im Kindergarten in etlichen Neuerscheinungen Rechnung getragen: Die Stiftung „Singen mit Kindern“ in Baden-Württemberg hat das Handbuch „Singen im Kindergarten“ (Helbling) als Loseblattsammlung von Liedern zum Singen, Spielen und Bewegen für Kindergarten- und Vorschulpädagogen herausgegeben. Im April erscheint voraussichtlich „Felix. Handbuch für das Singen und Musizieren im Kindergarten“ von Gesine Knappe, Markus Lüdke, Beate Quaas und Alexandra Ziegler (Schott) und Michaela Hefele und Mirka YemenDzakis wollen mit ihrem Buch „Jedes Kind kann singen. Stimmbildung in Kindergarten und Grundschule“ Mut machen zu einer selbstverständlichen und gesunden Singkultur im Alltag mit Kindern (Bosse). Ergänzend zu den Handbüchern erscheint auch eine ganze Reihe neuer Liederbücher wie zum Beispiel „Lieder, Spiele, Kanons“ von Andreas Mohr oder „1000 tolle Töne“ von Wolfgang Hering mit Begleitmöglichkeiten für elementares Instrumentarium (Schott) sowie „111 Hits für Kids im Chor“ von Berthold Kloss mit zweistimmigen Versionen bekannter Hits aus der Kinderliedermacherszene, vorzugsweise für die Kinderchorarbeit (Bosse). Fundierte Hinweise zum elementaren Singen und Sprechen mit Kindern im Vorschulalter findet man in der Neuausgabe von „Musik und Tanz für Kinder“ (Schott).

Aber auch für das singende Musizieren mit älteren Kindern und Jugendlichen in Chor und Klassenverband gibt es reichlich neues Material, in dem neben dem traditionellen Repertoire verstärkt Pop- und Jazz-Gesang sowie außereuropäisches Liedgut berücksichtigt wird. So sind in der bekannten Reihe unter dem Titel „Chor aktuell International“ (Bosse) Arrangements von Liedern aus über 30 Ländern und allen Kontinenten erschienen. Bei der richtigen Aussprache hilft eine von Muttersprachlern besprochene Audio-CD. Unter dem Titel „Auftakt“ firmiert das neue Pop-Chorbuch für die Schule (Klett/Schott) für drei- bis vierstimmigen Chor und Klavier, während in der Reihe „Chor in der Schule“ die Titel „Hits supreme“, „Pop Ballads“, „Volkslieder remixed“ und „Wise Guys … and Girls“ neu sind. Grundsätzliches über die Arbeit mit Chören im Popularbereich verspricht das neue Buch von Martin Carbow und Christoph Schönherr „Chorleitung Pop, Jazz und Gospel“ (Schott). Eine Mischung aus Liederbuch und Unterrichtsmaterialien für einen fächerverbindenden Unterricht ab der 8. Klasse bietet „Popularmusik im Kontext“ von Ursel Lindner und Wieland Schmid, Ideen für körperorientiertes, rhythmisches Spielen und Sprechen in der Klasse findet man in „Rhyth:Mix“ von Richard Filz mit zahlreichen Stücken für Stimme und Bodypercussion (Helbling).

Instrumentalpädagogik

Bei der Unterrichtsliteratur für den Instrumentalunterricht liegen Lehrwerke im Trend, die gleichermaßen gemeinsames Musizieren von Anfang an, vielfältige stilistische und klangliche Erfahrungen und fundierten Technikaufbau ermöglichen. Exemplarisch sei an dieser Stelle Michael Dartschs „Geigenkasten“ genannt, der nach dem Erfolg der ersten beiden Teile nun um einen dritten Band zum Thema „Stile, Spieltechnik, Interpretation – ein Gang durch die Jahrhunderte“ erweitert wird (Breitkopf). Ebenso wie die Materialien des „Geigenkasten“ ist auch Eva-Maria Neumanns mit dem Musikeditionspreis 2008 ausgezeichnete „Geigenschule“ für den Einzel- und Gruppenunterricht geeignet (Deutscher Verlag für Musik). Musikschulen, die Orientierungskurse für die Instrumentenwahl anbieten, können auf die Ergänzung der „Schnupperkurs“-Materialien von Elena Marx zurückgreifen. Neu sind hier die Instrumente Akkordeon, Cello, Querflöte, Schlagzeug, Klarinette, Saxophon und Trompete.

Quer durch alle Generationen beliebt, ob zum Singen und Spielen im Unterricht oder beim häuslichen Musizieren, sind nach wie vor Klezmer sowie irische und keltische Folkloremusik. Überschaubar in der Struktur, gleichzeitig aber klanglich reizvoll, bieten sie immer wieder Anlass zum lustvollen gemeinsamen Musizieren und Improvisieren. Beispielhaft seien folgende Ausgaben genannt: „That’s Klezmer“ für 2 Klarinetten und Klavier von Peter Przystaniak (Peters), „The Celtic Piano Book“ von Thomas Peter-Horas und Patrick Steinbach (Peters), „Celtic Violin Duets“ und „Klezmer&More“ von Aleksey Igudesman (Universal Edition).
Für den klassischen Kammermusikbereich und -unterricht gibt es mit den neuen Spielpartituren des Partitura-Verlags eine Alternative zum Spielen und Proben aus Einzelstimmen, die allen Mitspielern das Mitlesen der anderen Stimmen ermöglicht. Durch hervorgehobene Einzelstimmen, kluge Seitenaufteilung und die Verwendung von Ausklappseiten ist mit etwas Leseübung mehr Überblick und Orientierungsmöglichkeit geboten.

Wenig Ausbeute hat die Suche nach Informationen und Materialien zum Thema Musik im späten Erwachsenenalter ergeben. Momentan wird diese immer größer werdende Zielgruppe in Neuerscheinungen nur vereinzelt berücksichtigt. So ist es umso positiver zu bewerten, dass von Theo Hartogh und Hermann Wickel demnächst unter dem Titel „Musizieren im Alter“ ein Ratgeber und Studienbuch für all jene erscheint, die in verschiedenen Arbeitsfeldern mit älteren Menschen musizieren. In diesem Zusammenhang darf auch mit Spannung die Publikation des Psychotherapeuten Helmuth Figdor und des Musikpädagogen Peter Röbke „Das Musizieren und die Gefühle“ erwartet werden, in dem es um die Bedeutung des Musizierens für die Erfüllung psychischer Bedürfnisse und neue Wege im Instrumentalunterricht geht.

Infotainment und Events

Der Sektor des Infotainment, also der unterhaltsam aufbereiteten Vermittlung von fachlich fundiertem Wissen, hat auch in die traditionelle Musikpädagogik Einzug gehalten. Kaum ein Unterrichtswerk kommt inzwischen ohne Audio- und Videomaterial aus, wobei die Qualität und Aussagekraft dieser Medien nicht immer auf höchstem Niveau bleiben. Auch gut durchdachtes Spielmaterial für den Unterricht ist in der Fülle des Angebots nicht immer leicht herauszufiltern. In Anlehnung an die einschlägigen Fernsehsendungen haben Gerhard Wanker, Nikolaus Holzapfel und Bernhard Gritsch „Das große Musikquiz mit Quizmaker“ als Computerspiel konzipiert. Einsetzbar in Schule, Musikschule und Freizeit enthält es neben Fragen zur Musikgeschichte, Musiklehre, zu Instrumenten und Stilen auch die Möglichkeit, eigene Fragen zu entwickeln und einzuspeisen. In einer Kinder und Jugendliche ansprechenden Form bietet es nicht zuletzt die Möglichkeit zur selbstständigen Lernerfolgskontrolle durch die Schüler.

Einen Ausflug zu ungewöhnlichen Instrumenten konnten auch indiesem Jahr wieder Schulklassen und Kindergruppen unternehmen, indem sie die Mitmach-Ausstellung Music4Kids auf der Messe besuchten. Auf verschiedenen Klanginseln durften die Kinder unter Anleitung neben traditionellen Instrumenten auch die Klangskulpturen und aus Alltagsmaterialien gebauten riesigen Instrumente von Michael Bradke ausprobieren. Wichtig wäre aber vor allem, dass eine solche Ausstellung all jene anregt, die als musikpädagogisch Tätige die Nachhaltigkeit eines solchen Events sichern können.

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