Kolumne


(nmz) -
Ein Artikel von Edmund Wächter

Wir sind doch nunmehr ganz,
ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar,
die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwert,
die donnernde Karthaun
Hat aller Schweiß und Fleiß
und Vorrat aufgezehret.

Die Türme stehn in Glut,
die Kirch‘ ist umgekehret.
Das Rathaus liegt im Graus,
die Starken sind zerhaun,
Die Jungfern sind geschänd‘t,
und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer, Pest und Tod,
der Herz und Geist durchfähret.

Hier durch die Schanz und Stadt
rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr,
als unser Ströme Flut,
Von Leichen fast verstopft,
sich langsam fort gedrungen.

Doch schweig ich noch von dem,
was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest,
und Glut und Hungersnot,
Dass auch der Seelen Schatz
so vielen abgezwungen. *

Gryphius‘ Wortgewalt erschüttert auch nach vierhundert Jahren und rüttelt uns wach angesichts des brutalen Überfalls auf die Ukraine. Wieder Krieg im zivilisierten Europa – vor kurzem noch undenkbar! Wut überkommt uns angesichts des Zynismus, mit dem Putin und seine Führungsriege Mord und Zerstörung rechtfertigen.

Kämpfen wir um „der Seelen Schatz“… Das ist die Herausforderung an uns Künstler*innen, Pädagog*innen– an uns Menschen! Kämpfen wir gegen Gleichgültigkeit und Abstumpfung, für Freiheit, persönliche Entfaltung, friedliches konstruktives Miteinander und menschliche Würde, kämpfen wir für das Leben – für das, was wir in guten Zeiten allzu leicht für selbstverständlich nehmen.

Wir Künstler*innen sind im Geiste Weltbürger*innen, schätzen die kulturelle Vielfalt unterschiedlicher Nationen und schöpfen daraus Inspiration. In vielfältiger Weise sind wir mit Kolleg*innen aus aller Welt verbunden und hoffen, dass keine unüberwindlichen Gräben aufgerissen werden und wir gemeinsam für Frieden und Freiheit stehen. Kämpfen wir um „der Seelen Schatz“!
  

*Andreas Gryphius (1616–1664):
Tränen des Vaterlandes

 

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