Kultur ist Verpflichtung

Lotte Thaler hört auf: In Badenweiler wird über die renommierten Musiktage diskutiert


(nmz) -
Die Musiktage Badenweiler sind in Gefahr, eine Tradition steht auf dem Spiel. Jene hochkarätige Konzertreihe mit (mindestens) nationaler Reputation. Jetzt hat Intendantin Lotte Thaler das Handtuch geworfen. Wie geht es weiter? „Alles fließt“ – das behauptete ein kluger Kopf der griechischen Antike. Im Kurort Badenweiler im Markgräflerland ist derzeit zumindest vieles im Fluss.
Ein Artikel von Johannes Adam

Bei der dortigen Badenweiler Thermen und Touristik GmbH (BTT) geben sich die Geschäftsführer die Klinke in die Hand. Seit Januar 2020 hat die 4400-Einwohner-Gemeinde einen neuen Bürgermeister: Vincenz Wissler (26). Wie dem auch sei: Die Musiktage Badenweiler sind in Gefahr. Intendantin Lotte Thaler bat um Vertragsauflösung. „Mich hat überrascht, dass Frau Thaler kündigen möchte“, sagt Wissler.

„Heut’ und ewig“ lautete das Motto des ersten von Lotte Thaler kuratierten Festivals. Von „ewig“ kann allerdings keine Rede sein: Das Gastspiel war kurz. 2018 hatte die promovierte Musikologin und Musik­journalistin die Festivalleitung von Klaus Lauer übernommen. Lauer galt als Institution. Mit seinen 1973 gestarteten Musiktagen im noblen Hotel Römerbad war es ihm bald gelungen, aus Badenweiler nachgerade einen Wallfahrtsort für (Kammer-)Musikfreunde zu machen. Mit durchdachten, anspruchsvollen Programmen und Spitzeninterpreten. „Ich mute dem Publikum schon etwas zu“, bekannte Lauer. Mit dem Verkauf des Hotels entfielen die Auftrittsmöglichkeiten dort. Mit dem – auch akustisch – wunderbaren Saalachteck im Grand Hotel aber kann der etwas spröde Charme des benachbarten Kurhauses kaum mithalten.

Lotte Thaler trat kein leichtes Erbe an, aber sie wagte es. Und zwar inhaltlich mit Fortüne. Auch wenn sich mit Lauer Teile des – man verzeihe – recht betagten Publikums verabschiedeten. Jetzt kam die Pandemie mit ihren Unwägbarkeiten und Herausforderungen hinzu. Ergebnis: Das für November geplante Festival wurde von der BTT abgesagt. Und das für Frühjahr 2021 gleich mit. Die Seuche als günstige Gelegenheit zum leisen Rückzug? Ein Tod auf Raten? Das vielleicht doch nicht. Die Musiktage sollen einmal pro Jahr beibehalten werden, sagt Bürgermeister Wissler und ergänzt: „Die Tendenz geht zum Spätjahr.“ Die Intendantin, die sich darüber beklagt, trotz mehrerer Nachfragen weder Planungs- noch Budgetsicherheit erhalten zu haben, warf das Handtuch. Auch, weil die bereits weit gediehenen Planungen fürs Frühjahr 2021 Makulatur sind.

Die BTT soll ab 2021 in eine neu zu gründende Gesellschaft für Touristik und Marketing übergehen. „Die Gemeinde will an den Musiktagen festhalten“, betont Doris Räuber, die der BTT seit 1. August vorsteht. Künftig möchte man die Musiktage durch Sponsoren finanzieren. Woher aber sollen die in diesen Zeiten kommen? „Der Spendenanteil muss höher sein“, fordert Bürgermeister Wissler, der anmerkt, dass die Spenden während der Thaler-Intendanz „nicht in entsprechender Größenordnung“ geflossen seien.

Dass Kultur wichtig ist: darüber ist man sich in Badenweiler – zum Glück – offenbar einig. Und darüber, dass sie Geld kostet, auch. Vincenz Wissler: „Die Musiktage sind recht teuer und defizitär.“ Doch: „Kunst und Kultur haben einen unschätzbaren Wert, aber man kann es monetär nicht messen“, sagt der Bürgermeister, der kulturell „eine wahnsinnig breite Palette“ erkennt. Die Idee: „Wir wollen Kunst und Kultur auf eine breitere Basis stellen.“ Und: „Wir legen Wert auf Qualität.“ Die Musiktage 2021 stünden jedenfalls nicht zur Disposition. „Das ist für uns eine wichtige Veranstaltung.“

Klar ist auch der BTT-Chefin Räuber, dass man, zumal im Kurort Badenweiler, verstärkt ein jüngeres Publikum ansprechen muss. Ein neuer künstlerischer Leiter für die Musiktage muss gefunden werden. Ob die Konzerte insgesamt niederschwelliger werden oder gar locker in Richtung Populismus gehen sollen – wer weiß? In Badenweiler ist jetzt eben vieles im Fluss. Kultur aber ist nicht nur Vergnügen. Sie ist in erster Linie Verpflichtung. Ihr haben wir uns zu stellen. Ohne Wenn und Aber.

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