Leerlauf ist keine Option

Die Deutsche Streicherphilharmonie plant Tourneen durch renommierte Konzertsäle


(nmz) -
Auf den noch warmen Stühlen der Wiener Philharmoniker Platz zu nehmen und mit einem eigenen Konzert in deren altehrwürdigem Domizil furios in das neue Jahr zu starten … Warum dieser Traum für die jungen Musikerinnen und Musiker der Deutschen Streicherphilharmonie (DSP) im Januar doch nur beinahe Realität wurde, muss wohl kaum erwähnt werden. Aber neues Jahr verspricht neues Glück. Und so blickt der Streichernachwuchs bereits jetzt erwartungsfroh auf den Januar 2023, in dem die Jubiläumsaktivitäten zum 50. Geburtstag des Orchesters kaum schöner eröffnet werden könnten als mit dem Platznehmen auf noch warmen Stühlen der Wiener Philharmoniker.
Ein Artikel von Brigitte Baldes

Gemeinsam mit der Pianistin SoRyang wird die Deutsche Streicherphilharmonie dann unter Leitung ihres Chefdirigenten Wolfgang Hentrich im Wiener Musikverein unter anderem das Klavierkonzert d-Moll, BWV 1052, von Johann Sebastian Bach zur Aufführung bringen. Die Konzerte des jüngsten Bundesauswahl-orchesters mit SoRyang in dem berühmten Goldenen Saal sind bereits eine schöne Tradition geworden.

Nun freut sich das Orchester sehr auf die Intensivierung der Zusammenarbeit: Anfang April 2022 führt eine Tournee mit der Solistin durch so renommierte Konzertsäle wie das Luxemburger Grand Auditorium (1.4.), die Kölner Philharmonie (3.4.), die Congresshalle in Saarbrücken (4.4.) und die Alte Oper in Frankfurt (5.4.). Eröffnet wird die Tournee mit einem Konzert quasi bei Freunden: Im Zentrum für Kirche und Kultur in Gevelsberg starten die dortige Konzertgesellschaft und die DSP am 31. März ihren dritten gemeinschaftlichen Versuch, das ursprünglich für März 2020 vereinbarte Konzert durchzuführen.

Zu Jahresbeginn war nicht nur – für den Moment jedenfalls – der Traum von Wien geplatzt. Auch ein zweites bedeutendes Projekt der DSP musste aus den bekannten Gründen abgesagt beziehungsweise verschoben werden. Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus war in Kooperation mit der Dresdner Philharmonie ein Konzert der jungen Musikerinnen und Musiker im Dresdner Kulturpalast geplant. Mit dem 9. November 2022 wurde inzwischen ein denkwürdiger neuer Termin für dieses Vorhaben vereinbart.

Viele Pläne, viele Absagen, viel Leerlauf? Keineswegs. Die frei gewordene Zeit im Januar hat die Deutsche Streicherphilharmonie für eine besonders intensive Probenphase mit ihrem festen Dozententeam aus Mitgliedern des Rundfunk-Sinfonieorches­ters Berlin (RSB) und ihrem Chefdirigenten nutzen können. Die Berliner Luft rund um die Unterkunft im Grunewald ist dabei allen sehr gut bekommen und dank konsequenter Abschirmung vom Tag- und Nachtleben der Hauptstadt ist das Orchester nicht nur bestens auf die Frühjahrstournee mit SoRyang vorbereitet, sondern konnte auch die weiteren bevorstehenden Konzertreisen zu Ostern, im Mai und im Sommer probentechnisch gut „einweichen“.

Last but not least wurden so spontane Besuche von drei Berlin-Ansässigen möglich, die der intensiven Probenzeit einen ganz besonderen Mehrwert verliehen: Für Steffen Georgi als Dramaturg des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin war es insbesondere vor dem Hintergrund der gemeinsamen Jubiläumsaktivitäten 2023 (100 Jahre RSB, 50 Jahre DSP) spannend, die gerade mal 11- bis 20-jährigen Musikerinnen und Musiker bei ihrer Probenarbeit mit Wolfgang Hentrich zu erleben. Carola Malter, Musikredakteurin bei Deutschlandfunk Kultur und dem Orchester seit vielen Jahren eng verbunden, beantwortete gerne vielfältige Fragen von Chefdirigent und Orchestermitgliedern zu ihrem beruflichen Werdegang. Und der amerikanisch-deutsche Dirigent Jonathan Stockhammer war beeindruckt vom Können des jungen Ensembles und übernahm kurzentschlossen für einen Satz aus Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ die Probenregie. Sehr zur Freude von Wolfgang Hentrich und dem handverlesenen Hauspublikum, das diesem Ereignis beiwohnen durfte.

Die Chance in der Krise zu sehen und zu nutzen, ist (auch) für die Kultur in diesen Zeiten wahrlich nicht leicht. Plan B (B wie Berlin …) war eine solche Chance.

 

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