Mit gespitzten Ohren

Ein musikalischer Präferenz-Test mit den Wiener Sängerknaben


(nmz) -
Ein besonderer Moment für die weltbekannten Wiener Sängerknaben: Kein Konzert, keine Fernsehaufnahmen, kein Unterricht. Zwar sitzen sie auf ihren gewohnten Schulbänken im eigenen Wiener Gymnasium. Doch statt auf den Lehrer zu hören, lauschen sie heute der musikalischen Märchen-CD mit Prinz Rockys Abenteuern.
Ein Artikel von Daniela Willimek

Prinz Rocky – so heißt der Held des Märchens. Und der hat nichts anderes im Sinn, als möglichst schnell zu seiner Angebeteten „Dornröschen“ zu gelangen. Aber das geht nicht so einfach. Nach einer langen, beschwerlichen Reise zum Königsschloss wartet schon der nächste Schock: Muss er doch mit ansehen, wie andere Freier von den Dornenzweigen rund um das Schloss grausam malträtiert werden. Doch statt im Mitgefühl zu zerfließen, greifen die Sängerknaben zum Stift. Ein Blick auf den Fragebogen und schnell ein Kreuz gesetzt.

Nur das Musikbeispiel mit dem verminderten Septakkord passt zur Verzweiflung der tapferen Männer. Die Märchenszenen, die die Wiener Sängerknaben intuitiv mit den Musikbeispielen in Verbindung bringen, stammen aus einem musikalischen Präferenz-Test. Die Probanden sollen dabei Märchenszenen mit bestimmten Musikbeispielen verbinden. Hintergrund dieses Tests ist die sogenannte Strebetendenz-Theorie von Bernd Willimek, mit Hilfe derer die emotionale Wirkung von Musik untersucht und erklärt werden soll. Und so werden in diesem Test Emotionen musikalisch dargestellt und mit verschiedenen Hörbeispielen verknüpft. Das Märchen zum Test, „Dornröschen und Prinz Rocky“, wurde mit acht Szenen ausgestattet, die jeweils eine bestimmte Emotion thematisieren, beispielsweise Mut, Freude, Einsamkeit, Verzweiflung oder Wehmut. Zu jeder Szene erklingen zwei Musikbeispiele. Das eine Beispiel verwendet Harmonien, die im Sinne der Strebetendenz-Theorie als mit der jeweiligen Emotion korrelierend angesehen werden können. Das andere ist in der Faktur ähnlich, zuweilen identisch, beinhaltet aber diese Harmonien nicht. Die Probanden hören das Märchen auf CD und kreuzen auf einem Testbogen das Beispiel an, das sie als passend zur Stimmung der Szene empfinden.

Über 86 Prozent der bislang fast 1.600 Probanden an Gymnasien in Deutschland, Österreich, China, Japan und Thailand entschieden sich für die Musikbeispiele, die im Sinne der Strebetendenz-Theorie konzipiert sind. Die zusätzlich erfassten Parameter Alter, Geschlecht und Spielen eines Musikinstruments spielten bei der „Trefferquote“ keine Rolle, insgesamt wählten jedoch die Schülerinnen und Schüler von speziellen Musikgymnasien signifikant öfter die passenden Beispiele. Der Test wird derzeit an den deutschen Schulen in Sidney, Stockholm, Helsinki und Rio de Janeiro durchgeführt.

Ähnliche Artikel