Multitalente mit großer Begabung

Die Bayerischen Kunstförderpreise 2006 wurden vergeben –


(nmz) -

Die mit je 5.000 Euro dotierten Bayerischen Kunstförderpreise in den Sparten Musik und Tanz, Darstellende Kunst, Bildende Kunst und Literatur wurden von Kunstminister Thomas Goppel in München bekanntgegeben. „Der Bayerische Kunstförderpreis ist Anerkennung für das bisher Geleistete und soll zugleich Ansporn und Unterstützung in ideeller und materieller Hinsicht für den eingeschlagenen künstlerischen Werdegang der jungen Preisträger sein“, betonte der Kunstminister. Die Preisträger müssen über eine außergewöhnliche Begabung verfügen und durch hervorragende Leistungen hervorgetreten sein.

Ein Artikel von Manfred Elsberger

Die Preise in der Sparte Musik und Tanz gehen in diesem Jahr an Alessandro Pereira, Claus Raible, Laura Konjetzky und Marko Zdralek. Der Tänzer Alessandro Pereira aus Brasilien studierte klassisches Ballett sowie Jazz und Contemporary-Dance. Er tanzte als Solist unter verschiedenen international bekannten Choreographen. Mit Bravour meistert er die unterschiedlichen Anforderungen sowohl im klassischen Ballett als auch im Bereich des modernen Tanzes und setzt sie jeweils im Sinne des Choreographen ideal um. Seit der Spielzeit 2003/2004 tanzt er im Ensemble des Staatstheaters am Gärtnerplatz. Der Pianist, Arrangeur und Komponist Claus Raible studierte Jazzklavier an der Musikhochschule Graz.

Sein Klavierspiel ist geprägt von einer sehr farbigen Harmonik, klaren Melodielinien und einer kraftvollen Rhythmik. Er geht damit jenseits modischer Strömungen des heutigen Jazzklaviers einen eigenen Weg, der ihm auch international schon viel Anerkennung eingebracht hat. Die in München geborene Pianistin Laura Konjetzky hat insbesondere als Pianistin und Interpretin zeitgenössischer Musik sowie als Improvisatorin und Komponistin auf sich aufmerksam gemacht. Dabei sucht sie stets ungewöhnliche Aufführungsorte und Mittel, die über das normale Klavierspiel hinausgehen, wie z. B. Präparationen und Performance-Elemente. Mit Laura Konjetzky wird eine Künstlerin gefördert, die den Mut hat, eigene und riskante Wege zu gehen. Der Komponist Marko Zdralek studierte an der Hochschule für Musik München und an der Hochschule für Musik in Würzburg. Zdraleks Kompositionen sind immer von großer Ernsthaftigkeit geprägt. Sein an Gehalt reiches Oeuvre umfasst Kammermusik, Orchesterwerke ebenso wie elektronische Werke und Vokalwerke. Die Preise in der Sparte Darstellende Kunst gehen an die Schauspieler Marina Galic und Maximilian Brückner sowie die Sängerinnen Silke Evers und Daniela Sindram.

Die Jury würdigt bei Marina Galic, die zur Spielzeit 2002/2003 an das Bayerische Staatsschauspiel kam, besonders ihre aufregende Sperrigkeit, die dem Zuschauer Gelegenheit zur Auseinandersetzung bietet. Ihr ungewöhnliches Talent macht sie zu einer wichtigen Schauspielerin im Ensemble des Bayerischen Staatsschauspiels. Maximilian Brückner, seit 2003 am Münchner Volkstheater, hat sich dort kontinuierlich zu einem Schauspieler entwickelt, der es versteht, in jeder Rolle auf neue Art und Weise zu überraschen und zu fesseln. Er erkennt in jeder Figur ihre Besonderheit.

Die Sopranistin Silke Evers kam zur Spielzeit 2003/2004 an das Mainfranken Theater Würzburg. Die besondere stimmlich-sprachliche Gestaltung ihrer Gesangspartien gepaart mit ihrem schauspielerischen Talent und ihrer unaufdringlichen Intensität macht sie zu einer ebenso intelligenten wie eindrucksvollen Darstellerin. Bei Daniela Sindram (seit 2003 Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper) hebt die Jury neben ihrer Stimme ihren besonderen Mut hervor.

Die Sängerin hat an der Bayerischen Staatsoper in der letzten Zeit auch in größeren Rollen zunehmend auf sich aufmerksam gemacht. Ihre weitere Entwicklung sei viel versprechend. In der Sparte Bildende Kunst werden die Künstlerinnen und Künstler Ingrid Floss, Christian Hiegle, Michael Schrattenthaler, Veronika Veit und Florian Tuercke ausgezeichnet. Die Malerin Ingrid Floss wurde 1970 in Köln geboren, studierte an der Akademie in München und legte dort ihr Diplom als Meisterschülerin ab. Seit 2000 hat sie an Ausstellungen im In- und Ausland mitgewirkt. Sie ist eine Malerin, die gegenstandslos arbeitet und nach der puren Form der Farbe strebt. Sie formuliert auf sehr persönliche Weise grundlegende visuelle Themen, die in der malerischen Tradition des letzten Jahrhunderts in München und Bayern liegen. Christian Hiegle wurde 1973 in Landau in der Pfalz geboren und studierte an der Nürnberger Akademie Malerei, wo er als Meisterschüler abschloss. Seine Bilder sind keine verschlüsselten Pinselgrübeleien, sondern Bilder, die ohne Gags oder modische Tendenzen auskommen. Sie sind sicher, einfach, dicht und souverän gemalt. Der in Kufstein geborene Künstler Michael Schrattenthaler studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München und tritt seit 1990 mit installativen Großprojekten an die Öffentlichkeit. In diesen zeigt sich seine außergewöhnliche Fähigkeit, mit sparsamen Mitteln Räume völlig neu zu definieren, dabei vielfältige Assoziationen freizusetzen und die Wahrnehmung der Betrachter zu schärfen. Schrattenthalers Installationen markieren vor dem Hintergrund einer extrem bildlastigen Kunstszene einen bewusst kargen, asketischen Gegenpol. Die in München geborene Bildhauerin Veronika Veit hat ebenfalls an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert. Sie greift in ihren Werken mit Vorliebe gewöhnliche Dinge der Alltagswelt auf und formt sie in Skulpturen, Installationen und Fotografien zu Objekten einer künstlichen Modellwelt um, wobei sie in der digitalen Bildwelt ebenso zu Hause ist wie im traditionellen Bildhauerhandwerk. Florian Tuercke erhält den Preis im Spezialfach Performance. Er wurde 1977 in Nürnberg geboren und studierte an der Nürnberger Akademie, wo er als Meisterschüler abschloss. Tuercke schafft Klanginstallationen, bei denen drei Komponenten zusammenwirken: der jeweilige Ort der Aufführung und der skulptural ausgebildete Klangkörper, der auf der exakten Mitte von durch den Raum gespannten Klaviersaiten balanciert. Als dritte Komponente kommt die klangliche Struktur, der performativ-klangliche Eingriff in den Raum, hinzu. Alle drei Aspekte ergänzen sich zu einer Einheit, akustische und visuelle Ästhetik fließen ineinander.

In der Sparte Literatur gehen drei Preise, einer davon dotiert von der Kester-Haeusler-Stiftung, Fürstenfeldbruck, an die Lyrikerin Nora Gomringer, die Autorin Katja Huber und den Dramatiker Nuran Calis. „Die Texte der diesjährigen Kunstförderpreisträger thematisieren auf individuelle und intensive Weise die Suche junger Menschen nach ihren Wurzeln, nach Identität und Zugehörigkeit. Aus oft überraschenden Blickwinkeln, in sehr unterschiedlichen Tonlagen werden Lebensfragen gestellt, die für die junge Generation typisch sind,“ sagte Kunstminister Thomas Goppel zu den Vorschlägen der Jury. Eine Sprachkünstlerin mit Geist und Witz ist die 1980 geborene Lyrikerin Nora Gomringer. Schon im Gedichtband „Silbentrennung“ von 2002 präsentierte sich eine selbstbewusste lyrische Stimme, vielseitig begabt, experimentierfreudig und reflektiert. Innerhalb der deutschen Poetry-Slam-Szene, aber auch darüber hinaus hat Nora Gomringer als aktive Literaturvermittlerin und mehrfache Preisträgerin längst einen Namen. In der Sprechtextsammlung „Sag doch mal was zur Nacht“ (2006) ist auf einer CD die stimmgewaltige Ausdruckskraft der Autorin zu hören, die sie auf der Bühne schon oft unter Beweis gestellt hat. Der Poetry Slam, den Nora Gomringer repräsentiert, stellt eine in der bayerischen Literaturszene besonders lebendige und produktive Strömung dar. Die Autorin Katja Huber, Jahrgang 1971, wird für ihren ersten Roman „Fernwärme“ (2005) ausgezeichnet. Katja Huber zeigt in diesem Roman ihre Fähigkeit zum vielschichtigen, nuancierten Erzählen. Wie ein Kaleidoskop fächert der Text die Stationen einer Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg auf, die sich zwischen Deutschland und Russland bewegt. Ihre Versiertheit mit dem Metier des Hörspiels bringt Katja Huber in humorvollen, pointierten Dialogszenen zur Geltung. Nuran David Calis, geboren 1976, hat in der deutschen Theaterszene schon vielfach Beachtung erfahren. Seine Stücke, häufig angesiedelt in Erfahrungsräumen randständiger Jugendkultur, verarbeiten in authentischer, zum Teil auch provokativer Weise soziale Realitäten und verweisen auf entstehende Parallelgesellschaften. Die Menschen in Calis’ Stücken „Dogland“, „Dog Eat Dog“ „Café Europa“ und „Schwarz“ suchen nach Heimat, Zugehörigkeit und einer lebbaren Zukunft. Calis’ Stücke zeichnen sich durch temporeiche Szenenmontage und eindringliche Dialogführung aus. Die Grenzen zum Surreal-Traumhaften oder zur Groteske sind häufig fließend.

Kunstminister Thomas Goppel wird die Bayerischen Kunstförderpreise am 16.11.2006 um 18.00 Uhr im Kaisersaal der Münchener Residenz überreichen.

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