Musik zum Standhalten, nicht zur Weltflucht

Das Forum neuer Musik beim Kölner Deutschlandfunk dekliniert das Anthropozän


(nmz) -
Das war überraschend. So nicht planbar. Und doch schien dem Festival um- so mehr Plausibilität zuzuwachsen, je mehr es sich mit seiner Programmatik an der Wirk­lichkeit rieb. Mit einem Thema, das wie kein anderes in die Politik gehört, von dieser freilich nur mehr unwillig angefasst wird, da es als ziemlicher Stimmungskiller wirkt, was Politiker gar nicht mögen. Parallel mit dem ersten April-Wochenende, traditionell der Termin fürs Kölner Forum neuer Musik, waren in der Domstadt denn auch nicht nur die Frühblühter raus.
Ein Artikel von Georg Beck

Was vor allem blühte, war die menschelnde Wahl­werbung der Parteien zur bevor­stehen­den Landtagswahl. Die Ausfallstraßen zu und von den Veranstal­tungs­orten zuge­stellt mit den Sorglosgesichtern von Politikern, die über Partei­grenzen hinweg ihrer Lieblingsstrategie frönten: Bloß nicht politisch werden! Weswegen das große Mensch­heits­­(überlebens)thema, das an diesem Kölner Festival-Wochenende tatsächlich rundum­beleuchtet wurde, irgendwie an die Verzweiflung eines Walter Benjamin erinnerte: Gegen die Ästhetisierung der Politik, des politischen Raums sieht sich die Kunst zwangsläufig in die Politisierung getrieben. Bedeutet hier und heute: Außermusi­ka­lisches bleibt nicht außen vor, was außerhalb des Konzertsaals vor sich geht, lässt sich der Komponist, lässt sich die Komponistin zu Herzen gehen. Zumindest, wenn sie als Künstler beim Forum neuer Musik beteiligt sind.

Unterwasser-Register

Man spürte, man hörte es. Etwa in „melting away“, einer Art Endzeitstück für Tonband, Schlagwerk und Orgel von Gerald Eckert, einem Nikolaus A. Huber-Schüler mit sublimer Psychologie als Signalbild auskom­poniert fürs Ineinander von Erderwärmung und brechen­den Eisklippen, ausgestattet vor allem aber mit Drift. In der mussten alle mit. Als ob der Komponist im Kirchenschiff von St. Peter ein Floß gezimmert hätte, ward das Forum-Audi­torium vom Drive der tönend-finalen Welt-Überflutung mitgerissen. Ein apokalyptisches Fadeout, durchgeregelt bis unter die Oberfläche, unter die Hörbar­keits­schwelle. Mit einem Glockenspiel, das von Rie Watanabe nur noch hie und da gestrichen, gewischt, getupft wurde und mit nur noch gelegentlich vernehmbarem Schnorcheln der von Dominik Susteck aufgespürten Unterwasser-Register der Orgeln in der Kunst-Station St. Peter. Dazwi­schen noch die verrauschten Interventionen, die Eckert vom Tonband untermischte. Klänge wie die Vor-Erinnerung an eine Welt im Zustand ihres Vergehens. Eine, die sich (so ja unsere Sprachregelung) der Mensch (von Altgriechisch: ho anthropos) untertan gemacht habe, weswegen sein Zeitalter denn auch von führenden Geologen wie dem niederländischen Klimaforscher Paul J. Crutzen das Anthropozän genannt wird.

Wozu Musik?

Beim Forum neuer Musik wurde es wortreich in einer wahren Flut aus Lectures, Lesungen, Podien, Konzerten aufgerufen. Augenfällig dabei, wie intensiv das Festival auf der einen Seite das Ethos der Künstler beschwor – „Verantwortlich für die Zukunft“ –, wie auf der anderen Seite dieselben Künstler sich aber dann doch nicht auf die Rolle eines stellvertretenden Weltgewissens festlegen lassen mochten. In diesem Punkt war man sich durch die Bank der Generationen, der Ost-West-Sozialisationen, von Georg Katzer bis Charlotte Seither, einig. Eine Reserve, die freilich nicht galt, nicht gilt für die Kunst, die jede/jeder verantwortete. Was Letztere betraf, hieß es, zumindest im Gro­ßen und Ganzen: Alle Leinen los, war man in der Fantasie doch immer schon weiter. So wie ein Edgar Allan Poe immer schon weiter war als sein Jahrhundert, eine aus dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik abgeleitete Entropie der Welt noch als ferne Möglichkeit ansah. Aus dieser Ferne ist – alle wissen es, wahlkämpfende Politiker verdrängen es – eine unheimliche Nähe geworden. Und doch weiß man nicht so recht, was unheimlicher war respektive ist: Diese Endzeit oder unsere Unfähigkeit, sie ins Bewusstsein zu rücken. Funktioniert eigentlich genau so, Statement des vortragenden Philosophen Harald Schwaetzer von der Cusanus-Hochschule Bernkas­tel-Cues, wie die Vorstellungs-Unfähigkeit, die schon Günter Anders angesichts der drohenden atomaren Selbstauslöschung konstatiert hatte. – Womit man sich auch an dieser Stelle, gelegent­lich musste man sich zwicken, mitten in der jüngsten Ausgabe des Forum neuer Musik beim Kölner Deutschlandfunk befand. Wie? Ein Neue-Musik-Festival, das (sich) Menschheits(überlebens)­themen stellt? Wie kann es das? Mit welchen Spießen wird hier auf welche Mühlen losgeritten? Ist Musik, die begriffslose Kunst, denn noch für etwas anderes da als fürs interesselose Wohlgefallen? 

Symbolismus als Ausweg

Offenbar ja. Zumindest, wenn Festival-Kurator Frank Kämpfer die Fäden spinnt, die Themen bündelt, Kompositionsaufträge erteilt. Entertainment überlässt der Redakteur für Neue Musik beim Kölner Sender den andern. Und betrat damit ein Eis, das wie das atmosphärisch dichte Festival-Schlussstück in Bewegung geraten ist. Zu dünn für den „homo ludens“! hieß es. Andererseits blieb es aber dann doch dabei, dass Musik keine Politik ist, dass Kompositionen etwas anderes sind als Verlautbarungen und die Kunst ihrerseits nichts anderes als ein Spiel, ein Sich-Bewegen in einer Welt des Scheins. Ein Widerspruch, in dem sich auch „Kudzu“ bewegte, das musiktheater­ähnliche Werk der schwedischen Komponistin Malin Bang, das zweite Hauptwerk des Fes­tivals. Eines, das mit einem Anspruch daherkam. Es wollte mahnen. Mit einem Beginnen als rätselhafte Beschwörung einer asiatischen Kletterpflanze namens Kudzu, die wie die antike Hydra eine Wucherungsmacht entfaltet, der niemand und nichts gewachsen ist. Eine unsichtbare Hand malte nicht nur diesen Kudzu-Teufel an die Overhead-Wand, sondern bald auch, wieder dank schreibender Hand, den Horror einer Sechs-Grad-Erwärmung. Dazu gab’s die Mahnung aus dem Off, dass sich „Ozeane in Wüsten“ verwandeln, beglaubigt vom anschwellenden Ensemblesatz der Curious Chamber Players: Symbolismus als Fortsetzung einer stockenden Klima-Politik mit anderen Mitteln. Am Ende durfte sich der Forum-Zuschauer aussuchen, wann es soweit ist. Sobald der Dirigent seine Partitur an der Lostrommel abgegeben hatte, las man auf den Rücken der Musiker mögliche Enddaten: 2067, 2117, 2167. Dazu wurde ein Blank angeboten zum freien Eintrag. Düster, rabenschwarz auch das erste Hauptwerk dieser Forum-Ausgabe. Mit „Missa nigra, Kammerspiel II“ von Friedrich Schenker, uraufgeführt 1979 von der Gruppe Hanns Eisler, startete das Forum neuer Musik in Hörweite einer anderen Apokalypse, der sogenannten Neutronenbombe, die Ende der 1970er- Jahre die Gemüter in Aufregung versetzt hatte.

Realismus satt

Auch den jungen Schenker, der daraufhin mit dem ihm eigenen Sarkasmus reagierte, Worte der lateinischen Totenmesse mit Alfred Polgar – und Theodor Körner-Texten aus den 20er- Jahren versetzte. Eine Melange, gegen die die maßgeblichen Stellen der DDR-Kulturbürokratie nichts einzuwenden hatten, zumal der Protest gegen die Neutronenbombe ja von der Partei- und Staatsführung gewünscht, ja lanciert worden war. Im Deutschlandfunk-Kammermusiksaal oblag die musikalische Durch­führung einmal mehr dem famosen ensemble 20/21 unter David Smeyers. Letzteren ließ Oliver Klötter im Übrigen auf die Bühne tragen – im Sarg, aus welchem Smeyers zu Anfang entstieg, um schlussendlich wieder in demselben verschlossen zu werden. Ein beklemmendes Bild, das die Regie für diese grob-realistisch aufgemotzte schwarze Messe gefunden hatte. Erster-Weltkrieg-Soldaten mit Gasmaken wurden herum­geschleppt.

Da war die Wirklichkeit in diesem Fall schon weiter. Die Bilder der syrischen Giftgasopfer hatten ja alle noch im Kopf. Keine wirklich gute Idee auch, Sprecher Andreas Laurenz Maier zu animieren, abwechselnd Flinten-Tänze hinzulegen, dann die Bombe spazierenzutragen. Einfälle, die das Werk wider Willen entkernten. Trotz starker Promotion im Vorfeld verpuffte die Wirkung.

Hinzu kam, dass Schenker seiner Wirklich­keit, die eine der Ost-West-Konfrontation gewesen war, im Namen von linksnostal­gischen Gewaltprojek­tionen im Stil der Grosz’schen „Stützen der Gesellschaft“ ausge­wichen war. Stark war diese Kölner Missa nigra allein in den widerborstigen Ensemble­sätzen. So allerdings passte dieser Friedrich Schenker dann doch wieder zu diesem Forum neuer Musik. Und so wird er uns in Erinnerung bleiben.

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