Musikinstrumente im Taschenformat

Erforschung und Anwendung der Appmusik stehen erst am Anfang


(nmz) -
Musikapps sind ein Beispiel für eine Medienform, die auf einen allgemeinen Trend verweist: Technische Geräte werden aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst und kreativ sowohl in den Alltag, als auch in Kunst integriert. Smartphones und Tablets sind heutzutage verbreitete digitale Alltagsgeräte, die für weit mehr als Telefonieren oder Datenkommunikation genutzt werden. In vielen Nutzungsbereichen haben sie herkömmliche Laptops bereits abgelöst. Aus musikspezifischer Perspektive interessant sind die sich dabei neu eröffnenden Möglichkeiten in Bezug auf den Umgang mit Musik sowie die kulturellen Veränderungen, die mit den drastischen Umwälzungen in der alltäglichen Kommunikation, im Umgang mit Wissen und Medieninhalten einhergehen.
Ein Artikel von Matthias Krebs

Darüber hinaus ermöglichen Musikapps dem Nutzer neue Anwendungsbereiche und ästhetische Ausdrucksmöglichkeiten zu erschließen. An der Universität der Künste Berlin soll nun eine Forschungsstelle eingerichtet werden, die neben grundlegender und anwendungsorientierter Forschung auch ein Forum zum Erfahrungsaustausch bieten soll.

Im Apple App-Store sind heute mehr als eine Millionen Apps verfügbar. Darunter befinden sich 30.000 Apps in der Kategorie Musik. Für die Geräte mit Android oder Windows 8 ist die Auswahl unter den Musikapps noch nicht ganz so groß, zudem gibt es Unterschiede in Vielfalt und Funktionalität, doch die Verfügbarkeit von anspruchsvolleren Apps hat im letzten Jahr 2013 deutlich zugenommen. Daher kann insgesamt festgestellt werden, dass für die moderneren Smartphone- und Tablet-Modelle der unterschiedlichsten Hersteller eine große Auswahl an Musikapps verfügbar ist. Neben den zahlreichen Player- und Radio-Apps werden ebenso rund 3.000 Apps angeboten, mit denen Nutzer vielfältige gestalterische Möglichkeiten nutzen können. Sie verwandeln die mobilen Digitalgeräte in ein Stimmgerät, Metronom, Notenbuch oder Effektgerät, ermöglichen das Produzieren von Musik unterwegs mit einer App zur Audiobearbeitung oder bieten Spieloberflächen, auf denen Nutzer Samples und Loops flexibel, direkt mit den Fingern steuern können. Damit hat potenziell jeder ein Musikinstrument in der Tasche. Die Leistungsfähigkeit aktueller Smartphones und Tablets ist mittlerweile so hoch, dass damit selbst professionelle Studioproduktionen realisiert werden können.

Während im frühen Entwicklungsstadium vor allem die grafische Spieloberfläche die Gestalt der Apps dominierten und Bedienelemente sich noch stark an gewohnten Vorbildern wie Klaviertasten, Reglern und Knöpfen orientierten, folgen mittlerweile aktuelle Musikapps innovativen Konzepten, um hohe klangfarbliche Komplexität und zugleich ein großes Maß an Kontrolle über deren Erzeugung zu bieten. Neben dem Touch-Display nutzen sie zahlreiche andere Sensoren auf ganz unterschiedliche Weise, etwa das Mikrofon, die Kamera, den Kompass oder das Gyroskop, um Klänge beispielsweise gestisch durch räumliche Bewegung des Digitalgerätes zu steuern. Zusätzlich zu den per Touch erzeugten Tönen können durch Kippen des Gerätes Parameter wie Lautstärke und Filtereffekte gesteuert werden, womit das Spiel vielfältiger und körperlicher wird. Ein weiterer Punkt ist das „Werkstatt“-Prinzip, das in Form von individualisierbaren Apps leicht zu realisieren ist. Besonders Controller-Apps bieten Möglichkeiten an, Nutzer zu Konstrukteuren ihrer eigenen Instrumente zu machen. 

Diese Aspekte beschreiben das Potenzial der Musikapps auf einer technisch-formalen Ebene. Interessanter sind die Veränderungen der Wahrnehmung vom Musikmachen mit diesen digitalen Musiktechnologien, neuartige Nutzungsweisen und nicht zuletzt natürlich die musikalischen Erzeugnisse.

Musikinstrumente für Laien

Zu beobachten ist, dass die Nutzer sich die Bedienung von vielen Musikapps in der Regel ohne Anleitungsbuch selbstständig aneignen. Außerdem zeigt sich häufig, dass viele Nutzer ohne besondere musikpraktische Erfahrungen bei ihrem ersten Kontakt mit Musikapps positiv davon überrascht sind, wie leicht damit Musik hervorzubringen ist. Der Zugang zum Musikmachen mit Apps unterscheidet sich vom Musizieren mit herkömmlichen Musikinstrumenten. Viele Musikapps ermöglichen ein exploratives Musikmachen: Die Nutzer erkunden interaktiv eine Oberfläche, wobei Musik entsteht und spielerische Elemente zum Tragen kommen.

Häufig wird die Bedienung von Apps als „intuitiv“ beschrieben. Meine Erklärung dafür ist, dass die bei Apps üblichen Bedienkonzepte, das heißt die Gestaltung der Spieloberflächen und der Menüs zur Programmsteuerung, dem Nutzer von anderen technischen Geräten und Programmen her bereits vertraut sind.

Die Funktionalität ist im Gegensatz zu herkömmlichen Computerprogrammen auf einen eingeschränkten Anwendungsbereich fokussiert. Außerdem liegen der Gestaltung der Bedienoberflächen für Programmierer verbindliche Standards zugrunde, die sich an Erkenntnissen aus der Usability-Forschung orientieren. Dadurch sind viele Bedienschritte von einer App auf die andere übertragbar. Weiterhin hat auch das Touch-Element entscheidenden Einfluss auf die als zugänglich wahrgenommene Bedienung, indem sie die direkte Steuerung einzelner Parameter mit dem Finger ohne zusätzliche Steuergeräte ermöglicht. Die Auseinandersetzung mit musikalischen Strukturen erscheint Nutzern durch die u    u haptische Interaktion sinnlicher und vielschichtiger als in vielen anderen technischen Medienformen.

Interessant ist, dass bei Apps, deren Oberfläche sich nicht an traditionellen Musikinstrumenten orientiert, der Zugang zum unvoreingenommenen Ausprobieren besonders gegeben ist. Da es sich bei Smartphones und Tablets zunächst um Alltagsgegenstände handelt, ist die Bereitschaft höher, spontan etwas auszuprobieren. Dadurch eröffnen sie besonders auch denjenigen musikpraktische Erfahrungen, die bisher kaum oder gar keinen Kontakt mit einem Instrument hatten. Dies trifft besonders auf Menschen zu, die Erfahrung mit den mobilen Digitalgeräten haben. Von der oft kritisierten Vereinsamung durch Smartphones und Co. ist jedoch keine Spur, da viele Apps nicht nur für die Benutzung einer Person angelegt sind, sondern auch das Ensemblespiel möglich machen. Durch die Anpassungsmöglichkeiten der App ist jedem die Chance gegeben, sich seinem musikalischen Erfahrungsstand entsprechend einzubringen. Klanglich bewegen sich solche Musikapps – für den Laien meist akzeptabel – zwischen Spieluhr, Synthesizer und Keyboard-Sound.

Trotzdem ist Musikmachen mit Apps bei weitem keine triviale Angelegenheit. Sie ersetzen nicht den Musiklehrer, bieten allerdings eine Möglichkeit der Verbindung alltäglichen und unterrichtlichen Handelns, wodurch sie für Bildungseinrichtungen interessant werden können. Selbst wenn sich mit einigen Musikapps schon nach kurzer Zeit gut klingende Ergebnisse produzieren lassen, gelingt wahrhaft interessante Musik erst, wenn man die Grenzen und Möglichkeiten der App kreativ und musikalisch perfekt zu nutzen weiß. So wird Workshop-Teilnehmern rasch deutlich, dass auch das Musikmachen mit Apps musikalische Erfahrung und Übung im Spiel mit der App voraussetzt.

An die Stelle funktional breit angelegter Software treten in vielen Bereichen Musikapps, die kleine, fokussierte Anwendungen für einen ganz bestimmten Zweck darstellen. Die große Auswahl und die Tatsache, dass sich einige Apps an die individuelle Nutzung effektiv anpassen lassen, ermöglichen viele alternative Wege, um ans Ziel zu gelangen. Nicht zuletzt bieten Musikapps deshalb ein Medium, das individuelle Potenziale fördern und Lernende dabei unterstützen kann, ihren eigenen Lernweg zu finden. Gleichzeitig forciert das Musikmachen mit Apps eine Orientierung auf die Musik, die subjektive Relevanz für den Nutzer besitzt. Musik, die nicht von außen vorgegeben, sondern durch den Umgang mit den Musikapps angeregt wird. Es ist zu erwarten, dass die Bedeutung von Musikapps aus diesen Gründen weiter rasant steigt. Eine echte Herausforderung für den Nutzer stellt es jedoch dar, sich zwischen den vielen Apps zurecht zu finden und für seine Bedürfnisse die geeignete zu finden.

Musikalisches Hilfsmittel App

Für Menschen, die ein Instrument beherrschen, sind Musikapps, die gestalterische Möglichkeiten bieten, in der Regel durch die als Einschränkung wahrgenommene Funktionalität, nicht so interessant. Daher ist in vielen Fällen die Motivation nicht sehr hoch, sich intensiver auf die vielfältigen Möglichkeiten des neuartigen Instrumentariums einzulassen. Sie fühlen sich mehr zu ihren lange geübten traditionellen Instrumenten hingezogen. Diese Nutzer aus den verschiedensten Musikrichtungen wissen eher Apps zu schätzen, die ihnen Hilfsmittel für ihr Spiel liefern. Sie nutzen Apps in Probe- und Auftrittssettings zum Beispiel als Metronom, Stimmgerät, zur Notendarstellungen, als Mehrspurrekorder, Begleitautomatik, Sampler, Effektgerät oder als erweitertes digitales Musikinstrument. Dabei werden die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten, die einfache Handhabung sowie die mobile Verfügbarkeit geschätzt, denn das Smartphone ist stets in der Nähe. Da Apps nur einen geringen Aufwand erzeugen, werden für mehr und mehr Aufgaben spezielle Geräte, wie Harddisk-Recorder, Midi-Tastaturen und Laptops, durch Smartphones und Tablets ersetzt.

App-Musik On Stage

Dass Musikapps aber auch im professionellen Rahmen genutzt werden können, zeigen viele Beispiele aus der elektronischen Musik. DJs und Performance-Künstler experimentieren schon seit Jahren mit virtuellen Drumcomputern, BeatMakern, Sampler- und Controller-Apps auf Smartphones und Tablets und erweitern auf diese Weise ihre künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Auch etablierte Musiker aus anderen Genres verwenden Musikapps. Die britische Band Gorillaz veröffentlichte mit „The Fall“ (2010) ein Album, das ausschließlich mittels 20 verschiedener Apps produziert wurde. Auch Jordan Rudess, Keyboarder der experimentellen US-amerikanischen Progressive-Metal Band „DreamTheater“, spielt seit den Anfängen eine herausgehobene Rolle unter den Musikern, die sich professionell mit Musikapps beschäftigen. Er bringt Apps auf der Bühne zur Anwendung, an deren Programmierung er selbst beteiligt war und die für jedermann erhältlich sind.

Dass jedoch das Musikmachen auf Bühnen besondere Anforderungen stellt, musste der US-amerikanische Jazz-Pianist Herbie Hancock erfahren. Magische Momente beim lange erwarteten Konzert zum Finale des Hamburger Überjazz-Festivals 2012 blieben, wie Internetforen und der Presse zu entnehmen war, für das Konzertpublikum aus. Hancock schien mit der musikalischen Nutzung der von ihm verwendeten Apps überfordert. Sein Spiel wirkte wie eine Aneinanderreihung von spontanen Einfällen, die kein großes Ganzes ergaben. Die elf Musiker des „DigiEnsemble Berlin“ haben sich auf professionelle Bühnenprogramme, von klassisch über Rock bis experimentell, mit allgemein verfügbaren Apps spezialisiert. Doch auch bei ihnen zeigen sich deutliche Schwierigkeiten, das Musizieren mit Apps für das Publikum überzeugend erfahrbar zu machen.

Erforschung der App-Musik

Diese Auswahl an Beispielen soll zeigen, dass Apps Hilfsmittel bieten, bereits Bestandteil aktueller professioneller Musikproduktionen sind und darüber hinaus sowohl für Musiker als auch für musikalische Laien ein wertvolles Instrumentarium zum Experimentieren mit Klängen darstellen. Musikapps sind eine sehr junge Musiktechnologie. Strukturen musikalischer Praktiken mit Apps sind noch nicht wissenschaftlich aufgearbeitet, daher gibt es viele offene Fragen: Welche Typen von Musikapps existieren? Wie kann das Musizieren mit Musikapps charakterisiert werden? Was zeichnet Musik aus, die mit Musikapps produziert ist? Bilden Musikapps eine neue musikalische Form, ein neues Genre? Wie gestaltet sich die Aneignung von Musikapps?

Die neue Qualität aktueller Smartphones und Tablets gegenüber traditionellen Computern, ihre grenzenlose Mobilität, ihre intuitive Bedienung und die Vielfalt an Möglichkeiten, mit musikalischem Material wie Klängen und Loops flexibel umgehen zu können, legen nahe, auch ihr musikpädagogisches Potenzial zu untersuchen.
Das Thema Musikapps steht in der Forschung noch am Anfang. Eine systematische Auseinandersetzung fällt schwer, da sich Merkmale des musikalischen Gebrauchs erst herauskristallisieren und künstlerisch-ästhetische Konzepte noch rar sind. Die Vielfalt an Apps und Nutzungsoptionen macht das Thema unübersichtlich. Die Beschäftigung mit musikalischen App-Praktiken bildet ein breites Forschungsfeld, das einen interdisziplinären Zugang und Kooperationen mit Partnern aus diversen Wissenschafts- und Praxisbereichen erfordert. Schon jetzt widmet sich eine große Zahl engagierter Akteuren, darunter Musiker und Musikpädagogen, dem Thema „Musikmachen mit Apps“. Allerdings gibt es bisher kaum Vernetzung und Austausch. Gleichzeitig wird die Bedeutung, der Bedarf an Tools, die Menschen ermöglichen, sich kreativ auszudrücken, immer größer. Um diesem Defizit zu begegnen und den Austausch unter den Aktiven zu fördern, wird zurzeit an der Universität der Künste Berlin eine anwendungsorientierte Forschungsstelle eingerichtet (www.forschungsstelle.app-musik.de ).

Diese soll einen Kontakt- und Sammelpunkt für Akteure darstellen, die sich mit mobilen Digitalgeräten im musikalischen Kontext beschäftigen, eine Plattform zum Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung zwischen Wissenschaft und Praxis. Interessierte Forscher und Studierende aus unterschiedlichen Wissenschaftskontexten sowie Lehrer, Medienpädagogen, Sozialarbeiter und auch Künstler, sollen hier ein Forum erhalten.

Matthias Krebs ist App-Musiker, Musik- und Medienpädagoge, Opernsänger, Physiker und wissenschaftlich tätig. Er ist Gründer und Leiter des DigiEnsemble Berlin.

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