Musikpädagogik und Kapitalismuskritik

Denkstoff: Hartmut Rosas Resonanztheorie auf dem VdM-Kongress


(nmz) -
Der Vortrag „Musik als zentrale Resonanzsphäre“ auf dem diesjährigen VdM-Kongress in Berlin war Anlass für Annette Breistprecher, Mitglied im ver.di-Bundesfachgruppenvorstand Musik, im folgenden Text einige grundlegende Gedanken zu Hartmut Rosas Resonanztheorie festzuhalten. Es verwundert nicht, dass auf einem musikpädagogischen Fachkongress der Wert musikalischen und musikpädagogischen Tuns als gegeben vorausgesetzt wird. Schon eher überraschend ist es, wenn dort nicht ein Musiker, sondern ein renommierter Soziologe die (entsprechend bejubelte) These in den Raum stellt: „Ohne Musik wäre die Gesellschaft längst kollabiert“. Unter der Leitfrage „Brauchen wir Musik? Wofür?“ rückte Hartmut Rosa die Musik in beeindruckender Weise vom ­„nice-to-have“- Rand in die Mitte der Gesellschaft – und er tat dies, ohne auch nur einen einzigen „Transfereffekt“ zu bemühen. Der überaus lebendige Vortrag skizzierte so etwas wie einen musikalischen Ausschnitt aus seiner sehr umfangreichen Resonanztheorie (Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp Verlag Berlin 2016, 2019). Deren Absicht ist keine geringere als „der kritischen Theorie einen positiven Begriff zur Verfügung zu stellen, der es ihr erlaubt, über die Kritik hinauszugehen und sich auf die Suche nach einer besseren Daseinsform zu machen“. Resonanz soll „den Maßstab für ein gelingendes Leben liefern, einen Maßstab, der es erlaubt, Lebensqualität nicht mehr nur indirekt an der Steigerung von materiellem Wohlstand, Optionen und Ressourcen, sondern direkt an der Qualität der Weltbeziehung zu messen“.
Ein Artikel von Annette Breitsprecher

Resonanztheorie

Es geht also um Musik im Kontext der „Suche nach einer besseren Daseinsform“. Was für ein großer Rahmen! Wie kann man darüber, bezogen auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge, differenziert sprechen – jenseits von „Wo man singt, lass’ Dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder“ (was bekanntlich nicht stimmt), von Musizierenden als besseren Menschen (die sie bekanntlich nicht sind), von Musik als Heilmittel gegen gesellschaftliche Verwerfungen (wo es abseits der Transfereffekte bekanntlich schlecht steht um die Belegbarkeit)? Rosa tut dies sehr spannend, in Form eines komplexen theoretischen Entwurfs mit entsprechend anspruchsvoller Begrifflichkeit. Dem zu folgen, ist nicht ganz leicht, lädt aber, wenn man es tut, in hohem Maße dazu ein, eigene Positionen und Rollen wie zum Beispiel die der Musikerin, des Musikpädagogen oder der Gewerkschafterin „resonanztheoretisch“ zu reflektieren und dabei möglicherweise überraschende Erkenntnisse zu gewinnen – auch im Hinblick auf Größe und Grenzen der eigenen Verantwortung und der eigenen Möglichkeiten.

Am Beginn seiner Ausführungen im Berliner Kongresszentrum stand die Überlegung, das Subjekt werde überhaupt erst durch Beziehung zum Subjekt. Immer sei historisch und kulturell variabel schon etwas da, gegenwärtig (Merleau-Ponty); entscheidend sei, wie sich dieses Äußere, was da ist, zum Inneren verhalte. Fühlt sich ein Subjekt in die Welt geworfen oder von ihr getragen? Ist das, was da ist gefährlich, bedrohlich, schweigend, gleichgültig? Oder trägt es und antwortet, bilden sich „Resonanzachsen“, die eine „Verflüssigung“ seiner Weltbeziehung ermöglichen?

Der modernen Gesellschaft der „dynamischen Stabilisierung“ beschei­nigt Rosa eine „Resonanzkrise“. Um ihre Struktur zu erhalten und zu reproduzieren, sei sie auf Steigerung angewiesen, in Form von ökonomischem Wachstum, technischer Beschleunigung und kultureller Innovation. Dies übersetze sich in den individuellen Weltbeziehungen geradezu zwingend in Konkurrenzdruck, Steigerungs- und Beschleunigungszwänge und Optimierungsgebote. Die Welt werde zum Aggressionspunkt und der vorherrschende Beziehungsmodus sei der „des Beherrschens, Aneignens, Erledigens, Verfügens“. Die Folge seien schuldige Subjekte – denn die explodierenden To-do-Listen sind niemals abgearbeitet –  und existentielle Entfremdung. In solch einer Weltbeziehung sind die Resonanzachsen stumm.

Eine Resonanzbeziehung als alternativer Modus der Weltbeziehung, als elementare menschliche Form des ­in-der-Welt-Seins habe hingegen vier wesentliche Elemente: Zunächst die Affizierung (von außen nach innen, ein Subjekt wird von einem Weltausschnitt berührt, bewegt, fühlt sich verbunden) und die Emotion (von innen nach außen, es antwortet und erlebt dabei Selbstwirksamkeit), welche einen in beide Richtungen schwingenden „vibrierenden Draht“ zwischen Subjekt und Welt entstehen lassen. In der Folge kommt es zur Transformation (durch das wechselseitige Erreichen bleiben weder Subjekt noch Welt dieselben). Weder das Eintreten noch das Ergebnis einer solchen Resonanzbeziehung seien allerdings kontrollierbar, planbar oder vorhersehbar, weshalb das vierte wesentliche Element einer Resonanzbeziehung ihre Unverfügbarkeit sei. Rosa verortet dann gewissermaßen dieses Geschehen auf vier möglichen Resonanzachsen: einer sozialen beziehungsweise horizontalen zu anderen Menschen, einer materialen zu Dingen und Stoffen, einer existentialen beziehungsweise vertikalen zum „Umgreifenden“, zum Grund der Existenz, und zuletzt als Selbstresonanz des Subjekts mit Körper, Geist und Emotionen.

Besondere Rolle der Musik

Die Musik hat nun in diesem Kontext eine besondere Rolle: Sie stiftet, so Rosa, eine spezifische Urform der Weltbeziehung. „Ur“ deshalb, weil bereits der Fötus hörend „in der Welt ist“, und das Hören und das stimmliche Antworten des Säuglings schon da sind, vor der Entwicklung von Sprache, Vernunft und „Habenwollen“. Spezifisch wegen ihrer besonderen Resonanzqualität – in seinem Buch schreibt er dazu: „(Ich) möchte … die (zugegebenermaßen spekulative) These vertreten, dass die eigentümliche Qualität der Musik darauf beruht, dass sie eine ganz spezifische Form der Weltbeziehung zu stiften in der Lage ist; eine solche nämlich, in der das Weltverhältnis als Ganzes spürbar und damit zugleich modifizierbar wird. In der Musik wird gewissermaßen die Beziehungsqualität an sich verhandelt, während Sprachen und Zeichensysteme immer nur je partikulare Weltbeziehungen oder -ausschnitte thematisch werden lassen können.“

Zugleich ist sie in seinen Augen ein, wenn nicht das einzige Medium, das alle vier Resonanzachsen aktivieren kann. Die materiale Achse spielt eine Rolle im Umgang mit dem Instrument. Die soziale Achse kommt beispielsweise zum Tragen im Ensemblespiel oder im Chorsingen. Auf der vertikalen Achse kann die Musik die Rolle einer „Religion ohne Dogma“ einnehmen, und die Beziehung zwischen Stimme, Körper und Geist beim Musikhören oder Musikmachen ist selbstresonant. Für die (Wieder-)Herstellung der Resonanzfähigkeit sieht Rosa die Musik in idealer Weise geeignet, da sie berühren und transformieren kann, ohne zu verletzen, und da das „zum Klingen bringen“ von Stimme oder Welt eine starke Selbstwirksamkeitserfahrung ermöglicht. In diesem Sinne ist für ihn die zentrale Aufgabe der Musikschulen, Selbstwirksamkeit herzustellen beziehungsweise zu stärken.  Wenn man diese Einschätzung teilt und im Gesamtzusammenhang seiner Resonanztheorie betrachtet, so wird musikpädagogisches Tun zu einer hochpolitischen Tätigkeit, denn „Resonanzblockaden entstehen insbesondere dort, wo Selbstwirksamkeitserwartungen untergraben werden. Selbstwirksamkeit und Macht sind aber intrinsisch miteinander verknüpft. Die Resonanztheorie zielt deshalb darauf ab, den Machtlosen Selbstwirksamkeit zurückzugeben“. Eine so verstandene Musikpädagogik hat also meines Erachtens nicht einfach eine andere Intention als das Erzielen von Transfereffekten, die ja letztlich in der Regel dem vermeintlich besseren Bestehen in der oben skizzierten Gesellschaft der dynamischen Stabilisierung dienen sollen, sondern eine dem diametral entgegenstehende.

Rosa beendete seinen Vortrag, nachdem er der Musik eine revolutionäre und utopische Kraft im Hinblick auf eine bessere Daseinsform zugeschrieben hatte, mit den Worten: „Eine bessere Welt ist möglich. Vielen Dank für die Resonanz!“ Diese war in der Tat erheblich, wie der lange anhaltende Applaus zeigte. Welche Implikationen kann nun eine resonanztheoretische Betrachtungsweise für das eigene Tun haben? Die individuellen Antworten müssen wohl – nicht natur-, aber theoriegemäß – sehr unterschiedlich ausfallen, da sie ja auch von der jeweils eigenen Affizierbarkeit und Emotion abhängen. Resonanztheorie kann und will keine Rezepte liefern. Unverfügbarkeit ist ein zentrales Wesensmerkmal der Resonanz; jede Instrumentalisierung verbietet sich, sie würde die Konstitutionsbedingungen der Resonanz selbst untergraben, „weil sie gleichsam selbst verdinglicht und damit zu einem funktionalen Element entfremdeter Weltbeziehungen wird. Instrumentelle Resonanz ist deshalb eine Form von ideo­logischer Resonanz oder, besser noch, von Resonanzsimulation“. Mithin bietet die Theorie nicht Antworten, dafür aber eine äußerst fruchtbare Folie für Selbstreflexion.

Mehr Achtsamkeit

Schlaglichtartig und schon durch ihre Subjektivität beliebig seien nur einige Punkte angerissen, die mir persönlich durch den Vortrag und die Lektüre des Buches in den Sinn kamen. Als musizierender Mensch zum Beispiel frage ich mich, ob es mir gelingt, auf allen vier Resonanzachsen lebendig unterwegs zu sein, ob ich auf einzelnen Achsen zu wenig offen bin und wo ich gegebenenfalls sogar resonanzfeindlich agiere. Was verrät zum Beispiel der Sprachgebrauch, ein Stück „beherrschen“ zu wollen, im Hinblick auf die Akzeptanz der Unverfügbarkeit als wesentlichen Teil der Resonanzerfahrung? Als Musikpädagogin zum Beispiel fühle ich mich wunderbar bestätigt darin, dass ich die Idee, Schüler/-innen etwas „beibringen“ zu wollen, in der Tonne lassen darf. Zugleich sehe ich mich aufgefordert, achtsamer als bisher hinzuschauen, auf welchen Achsen ein/e Schüler/-in während des Spiels unterwegs ist. Ich sollte wohl, unabhängig von meiner persönlichen Einschätzung des künstlerischen Resultates, verstärkt jedes Resonanzgeschehen als solches wertschätzen – im Sinne einer Stärkung der Selbstwirksamkeit. Es ist nicht „falsch“, wenn ein/e Schüler/-in getrieben von motorischer Energie, ein Stück für mein Gefühl seelenlos herunterrattert.

Es ist nur bei weitem nicht alles, aber wir dürfen ja gemeinsam weitersuchen. Sodann fühle ich mich wie schon so oft wieder veranlasst, neu nachzudenken über Kriterien für Literaturauswahl und über die Grenze des für mich Hinnehmbaren, wenn ich persönlich manchen „Lieblingsmusiken“ der Schüler/-innen so gar nichts abgewinnen kann. Und wie ist das eigentlich mit Wettbewerben? Die Konkurrenzsituation ist sicher nicht per se zwingend resonanzfeindlich – aber wovon hängt es ab, ob in diesem Zusammenhang resonante Erfahrungen gemacht werden oder Resonanz­achsen absterben? Und dann das weite Feld der Beziehungen zu Kolleginnen und Kollegen: Gibt es genügend „vibrierende Drähte“? Wo sind stumme Achsen, zu deren (Wieder-)Belebung ich etwas beitragen könnte? Wie kann ich  einen konstruktiven Beitrag leisten in Beziehungen zu Leitungspersonal, die ich als repulsiv und resonanzfeindlich erlebe? Kann ich es angesichts des Machtgefälles überhaupt? Dies sind nur einige wenige meiner vielen fruchtbaren Verunsicherungen auf musikpädagogischem Gebiet.

Auch über den musikalischen Rahmen hinaus beschäftigt mich die Theorie, im Hinblick auf ihre Implikationen etwa für gewerkschaftliche Arbeit. Was könnte aus dieser „Radikalisierung der Beziehungsidee“ folgen, die davon ausgeht, dass „beide Seiten – Subjekt und Welt – in der und durch die wechselseitige Bezogenheit erst geformt, geprägt, ja mehr noch, konstituiert werden“? Resonanzachsen lassen sich nach Rosa nicht ex nihilo stiften, wohl aber „allmählich verschieben und verstärken oder auch abschwächen und erodieren“, und eine politische Kampagne hat „nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie sich als bedeutsam für die Aufrechterhaltung einer Resonanzsphäre präsentieren kann, denn daraus bezieht sie ihre Mobilisierungsenergie“. Kennen wir uns gut genug aus in den Resonanzsphären derer, die wir ansprechen wollen? Müssen wir selbst mehr zuhören? Tragen wir gar, ohne es zu wollen, durch eine möglicherweise zu einseitige Fixierung auf Ressourcenausstattung und zweifellos vorhandene massive Verteilungsungerechtigkeit dazu bei, dass „das kulturelle Fundament gestärkt, wenn nicht sogar mitgeschaffen (wird), von dem aus die Steigerungsimperative der sich dynamisch stabilisierenden Konkurrenzgesellschaft willig erfüllt werden“?

Fragen über Fragen … Ich bin Hartmut Rosa überaus dankbar für diesen reichhaltigen Denkstoff, der mich noch lange Zeit begleiten und beschäftigen wird.

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