Netze aufspannen, Operncodes entschlüsseln

Auf den Spuren von Verdi und Janáček: das Operncamp der Wiener Philharmoniker und der Salzburger Festspiele


(nmz) -
Die Wiener Philharmoniker und die Salzburger Festspiele führen seit sechs Jahren Operncamps für Kinder und Jugendliche durch. Dieses Jahr beschäftigten sich die Teilnehmer mit Opern von Giuseppe Verdi und Leos Janáček: Macbeth und Die Sache Makropulos versprechen großes Musiktheater und komplexe Vorgaben für die Vermittlung. Die Teilnehmer besuchten die Inszenierungen von Peter Stein und Christoph Marthaler und präsentierten zum Abschluss ihr eigenes Musiktheater: Der Fall McBeth und E.M. forever
Ein Artikel von Irena Müller-Brozovic

Zurück im Alltag setzt sich McBeth durch: als Nickname beim neuen Computerspiel, als hartnäckiger Ohrwurm, als Erlebnisbericht in der Schule, als Grund, sich mit gut 40 anderen Kindern aus Europa und Amerika verbunden zu fühlen und in Kontakt zu bleiben. Begegnet sind sich die Kinder und McBeth in einem einwöchigen Operncamp während der Salzburger Festspiele im August dieses Jahres.

Die neun- bis zwölfjährigen Teilnehmer brachten unterschiedlichste Voraussetzungen und Fähigkeiten mit: einige spielen seit mehreren Jahren ein Instrument und kennen bereits einige Opern, andere sammelten im Camp ihre ersten Erfahrungen mit Klassischer Musik. Beim Frühstück widerspiegelte ein Sprachgewirr von Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch und Russisch die internationale, quirlige Atmosphäre des Camps. Mittendrin besprach das Leitungsteam um Hanne Muthspiel-Payer, die die Operncamps als Kooperation der Wiener Philharmoniker und der Salzburger Festspiele seit sechs Jahren leitet, die Probenarbeit zur eigenen Aufführung, die am Ende der Campwoche in der Universitätsaula gegenüber des Festspielhauses stattfinden sollte. In Ensemblespiel, Chor, Szene, Tonstudio und Bühnenwerkstatt lernten die Kinder verschiedene Facetten der Oper kennen und arbeiteten mit Profis zusammen.

Bühnenpräsenz erarbeiten

Das Pensum war strenger als ein normaler Schultag. Der Produktionsdruck, in sechs Tagen eine einstündige Aufführung mit hohem künstlerischem Anspruch zu realisieren, war groß, erzeugte aber auch eine enorm hohe Motivation. Jeden Tag coachten Musiker der Wiener Philharmoniker die jungen Instrumentalisten, darunter viele Anfänger. Höhepunkte der Woche bildeten – natürlich neben der eigenen Aufführung – eine Führung durch die Werkstätten der Festspiele sowie der Besuch der Generalprobe von Macbeth in der Felsenreitschule. Mit großer Neugier entschlüsselten die Teilnehmer Operncodes, lasen die Inszenierung mit Kennerblick und hörten die Musik mit der Erinnerung ans eigene Musizieren und Singen. Beim darauf folgenden Gespräch mit der Regieassistentin Bettina Geyer entwickelte sich, ausgelöst von den Fragen der Kinder, eine spannende Diskussion um Konzeption und Dramaturgie der Inszenierung. Mit Begeisterung und wachsender Sensibilität für Bühnenpräsenz probierten die Kinder mit der Regieassistentin den wirkungsvoll geführten Hexenchor aus der Inszenierung von Peter Stein und lernten szenische Tricks und Fachbegriffe. So fanden sie einen persönlichen Zugang zu einem zunächst fremden Stoff und entdeckten, was die Akteure in der grausamen Geschichte bewegt und antreibt.

Wechselnde Aufgaben

Ausgehend von Musikausschnitten gestalteten die Kinder expressive, überdimensionale Masken für die Opernfiguren. Schlüsselstellen im Libretto wurden im Tonstudio gesprochen und mit experimentellen Mitteln vertont. In der szenischen Arbeit suchten die Darsteller nach passenden Haltungen mit den Masken. Wie in Shakespeares Vorlage und Peter Steins Umsetzung hielten in der Aufführung der Kinder drei Hexen die Fäden in der Hand und spannen ein Netz von Intrigen. Die Hexen

skizzierten mit wenigen Sätzen die Handlung und überließen der Musik den Hauptpart. Ein Kammerensemble der Wiener Philharmoniker spielte einige Nummern der Oper, ergänzt von Ensemble- und Chorstücken sowie experimentellen Passagen der Kinder. Die Musik gab das Timing für Szene und Choreographie vor; immer und immer wieder wurde wiederholt und geübt, die Melodien von Verdi mehr und mehr verinnerlicht. Welche Herausforderung es ist, zu singen und gleichzeitig zu agieren, erfuhren alle Kinder in den Chor-Tuttiproben. Dass auch bei Massenszenen die bewusste Präsenz von allen Mitwirkenden gefordert ist, hatten die Kinder bereits in ihrer Arbeit mit der Regieassistentin eindrucksvoll erlebt. Jedes Kind hatte mehrere Aufgaben bei der Aufführung: Im Ensemble spielen, tanzen, sprechen, singen – ein ständiger Wechsel zwischen Bühne, Orchestergraben und Backstage! Mit großer Eigenverantwortung meisterten die Kinder schnelle Szenenwechsel und standen zur richtigen Zeit mit dem richtigen Requisit an der richtigen Stelle. In zwei gemeinsamen Proben mit den Musikern fügten sich die einzelnen Szenen zu einem Ganzen und offenbarten einen runden Spannungsbogen. Mit großer Spielfreude und Konzentration gelang den Kindern eine überzeugende Aufführung, die die Musiker, Eltern und Außenstehende begeisterte.

Das ewige Leben der E.M. 

In der darauf folgenden Woche beschäftigten sich über 40 Jugendliche mit Janáčeks Oper „Die Sache Makropulos“ und gingen gleich zu Beginn in die Öffentlichkeit: Sie interviewten Passanten, ob sie ewig leben möchten, äußerten sich selbst dazu und kreierten daraus eine Toncollage, die nach Janáčeks Ouvertüre in ihrer Aufführung E.M. forever erklang. Die Möglichkeit der E.M. alias Elina Makropulos während über 300 Jahren verschiedene Identitäten anzunehmen, übte auf die Jugendlichen eine große Faszination aus. Ewig leben möchten die Campteilnehmer zwar nicht, aber auf Facebook versuchen sie die gemeinsam erlebte Zeit festzuhalten und darin zu schwelgen. Code: „Opera forever“. Geposted: „Es war wunderschön!!! Aber leider zu kurz! Hoffentlich gibt es diese Camps noch lange! Danke!“

Infos und Anmeldung für die Musikcamps 2012 ab 10. November unter www.salzburgfestival.at oder www.wienerphilharmoniker.at 

Das könnte Sie auch interessieren: