Neue Zugänge zu Beethoven eröffnen

Installation verbindet Elemente aus Musik und Informatik zu neuem Ganzen


(nmz) -
Akteure der Hochschule für Musik Detmold und des Musikwissenschaftlichen Seminars Detmold/Paderborn haben anlässlich des bevorstehenden Jubiläumsjahres, das den 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens feiert, ein gemeinsames Projekt im Rahmen von BTHVN2020 entwickelt. Dieses wird aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, des Landes Nordrhein-Westfalen, der Stadt Bonn und des Rhein-Sieg-Kreises finanziert. Unter dem Titel „Inside Beethoven! Das begehbare Ensemble“ sind Besucherinnen und Besucher zahlreicher Museen im deutschsprachigen Raum eingeladen, den „Klassiker“ Beethoven neu zu entdecken. Ein Auszug aus der Projektdokumentation von Mitarbeiter Axel Berndt.
Ein Artikel von Axel Berndt

Wenn die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne stehen und spielen, hält das Publikum respektvollen Abstand, beobachtet das Geschehen und lauscht aufmerksam. In der Installation „Inside Beethoven! Das begehbare Ensemble“ ist das anders! Auf dieser Bühne spielen unsichtbare Musikerinnen und Musiker, das Publikum ist eingeladen, die Bühne zu betreten, sich an den Platz jedes einzelnen zu begeben und ihnen aus nächster Nähe beim Spielen zuzuhören. Es entsteht ein Mittendrin-Erlebnis, das dem Publikum sonst verborgen und nur den Musizierenden selbst vorbehalten bleibt. Die Musik, ihre polyphone Struktur, das Spiel jedes einzelnen Instrumentes und dessen Beitrag zum Gesamtklang werden plötzlich transparent. Die Besucherinnen und Besucher können die Bühne, von der die Musik erklingt, tatsächlich durchschreiten, gehend erforschen und bedeutende musikalische Werke aus ganz neuen Perspektiven kennenlernen und erleben.

Der Nukleus für diese ungewöhnliche Idee einer musikalischen Rauminstallation war die Erkenntnis, dass die zeitlose Faszination für Musik mit jedem neuen Erleben und daraus erwachsenden Verstehen immer weiter zunimmt. Mag die Komposition, also das Notenmaterial, auch gleich bleiben, so gewinnt ihr doch jeder Interpret und jede Interpretin etwas Neues ab. Als Hörerin und Hörer lernt man so neue, spannende Facetten des Werkes kennen. Besonders reizvoll ist dieses immer wieder neue Erleben genau dann, wenn die Hörenden dabei eine ungewohnte Rezeptionsperspektive einnehmen dürfen und neue Einblicke gewinnen, die mit einem Aha-Erlebnis einhergehen: „Ach, so wird das gemacht!“ Wer eine Skulptur nur aus der Ferne betrachtet, mag immer noch deren Schönheit bewundern können. Wer aber näher herantritt, die Skulptur umschreitet, sie als Ganzes wahrnimmt, sich also ihren Reichtum an Details durch kontinuierlichen Perspektivwechsel erschließt, gelangt zu einem tieferen Verständnis des Kunstwerks. Ganz ähnlich ist es auch bei „Inside Beethoven!“. Die Klanginstallation ermöglicht es Besucherinnen und Besuchern, quasi in den Klangraum aktuellen Musizierens hineinzugehen, eine Musikerfahrung, die weder mit CD und MP3 noch im Konzertsaal je möglich wäre. Sie können den Musizierenden fast schon über die Schulter schauen und zuhören: „Aha, so klingt die Musik aus deren Perspektive!“

Erreicht wird dieser Effekt durch eine Kombination von neuester Musikelektronik, innovativen Techniken aus dem Portfolio des Zentrums für Musik- und Filminformatik, exklusiven Musikproduktionen durch Instrumentalisten, besetzt mit Lehrenden der Hochschule, und Tonmeister des Erich-Thienhaus-Instituts der Hochschule für Musik Detmold, digitalen Noten aus dem von der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur geförderten Projekt „Beethovens Werkstatt“ sowie einem einladenden Bühnendesign, das alles zu einem einzigartigen Ganzen integriert.

Gespielt wird Ludwig van Beethovens Kammermusikwerk in Es-Dur op. 20, erster Satz, sowohl in der originalen Septettversion für Bläser und Streicher als auch in Beethovens eigener Triobearbeitung op. 38 für Klavier, Klarinette (alternativ Violine) und Violoncello. Auf digitalen Notenpulten können die gespielten Noten verfolgt werden. Aus der Entfernung hören die Besucherinnen und Besucher die Musik so, wie man es als Publikum gewohnt ist. Treten sie jedoch auf die Bühne und an ein Notenpult heran, nehmen sie also die Position eines Musizierenden ein, so begeben sie sich in den Schallbereich der Lautsprecher, die über und in jedem Pult angebracht sind und das Spiel dieses speziellen Musikers hervorheben. Was Besucherinnen und Besucher hier nun hören, ist eine akustische Nahaufnahme. Hier werden kleinste Details hörbar und die Einbettung der Musizierenden in das Zusammenspiel mit ihren Mitspielerinnen und Mitspielern plastisch erlebbar.

„Inside Beethoven!“ versteht sich dabei nicht nur als ein innovatives Beispiel von Musikvermittlung in einem öffentlichen (Museums-)Raum. Es ist zugleich auch Ergebnis kooperierender Forschungsdisziplinen. Die beiden Werke, op. 20 und op. 38, sind Fassungen der selben Musik. Auf Knopfdruck kann zwischen beiden umgeschaltet werden. Wo die aktuell gewählte Wiedergabe einer Fassung gerade angelangt ist, setzt die andere nahtlos fort. Die Musik fließt weiter, während die Klangfarbe und Interpretation sich ändern. Aus dieser derart direkten Gegenüberstellung ergeben sich überraschende Einblicke in das Verhältnis der beiden Werkfassungen zueinander und in Beethovens Bearbeitungspraxis, deren Details in „Beethovens Werkstatt“ mit Computerhilfe erschlossen werden.

Wer möchte, kann dies auf der Website des Projekts direkt nachvollziehen, zudem erscheint zu der Installation eine Audio-CD mit einer ausführlichen Begleitdokumentation, die vom Beethoven-Haus Bonn publiziert wird. Auch der musikwissenschaftlichen Interpretationsforschung ermöglicht die Installation einen ganz neuen Zugang zum Forschungsgegenstand. So manche Fachbesucherinnen und -besucher mögen die Installation mit analytisch wachen Ohren durchschreiten und sich dabei über die neu gewonnene größere Transparenz und Durchhörbarkeit freuen. Was hier am Beispiel von Beethovens Musik gezeigt wird, lässt sich ebenso auch mit anderen Werken realisieren. Egal ob Musikexperten oder interessierte Laien und egal welchen Alters, mit dieser Installation möchte das Projekt allen Besucherinnen und Besuchern ein faszinierendes Hörerlebnis und eine neue Perspektive auf Musik und das gemeinsame Musizieren in einem Ensemble eröffnen.

Weitere Informationen

Das Exponat geht im Beethoven-Jahr durch Städte in Deutschland und Österreich:
Lippisches Landesmuseum Detmold (ab 13.12.2019)
Heinz Nixdorf MuseumsForum Paderborn (ab 26.02.2020)
Beethoven-Haus Bonn (ab 06.05.2020)
Haus der Musik Wien (ab 03.06.2020)
Deutsche Nationalbibliothek Leipzig  
Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt/Main  

Die erwähnte CD mit einem umfangreichen Dokumentationsband ist ab Ausstellungseröffnung beim Beethoven-Haus Bonn und an den Ausstellungsorten erhältlich.  

Weitere Informationen unter
www.beethoven-detmold.de

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