Nonos Muse

Dieter Schnebel zum Tode von Carla Henius


(nmz) -

„Carla ist tot!“ – So ein Anruf von Freund Joe Riedl am 27. Dezember 2002 aus Murnau. Wie meist hatte sie mit ihrem Mann, dem ehemaligen Intendanten Jochen Klaiber, Weihnachten in diesem geliebten Ort verbracht. Und nun dieser Schock! Wir hatten uns erst zwei Monate zuvor in Donaueschingen gesehen, und da war sie munter wie stets.

Ein Artikel von Dieter Schnebel

Wie viele Erinnerungen, wie viele Eindrücke rief die Nachricht herauf; ganz frühe: Darmstadt in den 50er-Jahren, Auftritte der schönen stattlichen Person, Schönberg singend sorgfältig studiert, angemessen expressiv; gelehrig und geachtet im Kreis der Darmstädter Interpreten Kontarsky, Palm, Caskel, Maderna; dann Adorno singend – neu: Wer kannte ihn schon als Komponisten? Er wurde ihr gestrenger Lehrmeister und mit ihm verband sie eine lebenslange enge Freundschaft. In den sechziger Jahren machten sie Aufführungen von Maderna, Manzoni und Nono in Italien berühmt, zumal die solistische Mitwirkung bei der Premiere von „Intolleranza“. Ihre ganz in den Dienst des Werks gestellten Aufführungen – im Wortsinn „werktreu“ – setzten Maßstäbe und sie wurde im Kreis der Neuen Musik, in der „Avantgarde“ eine hochgeschätzte Interpretin.

Im Sommer 1969 kam ich in näheren Kontakt zu ihr. Sie besuchte mich als Mitglied des Colloquium Musicale in Rom, das sie zusammen mit Michael Marschall von Biberstein, dem damaligen Leiter des dortigen Goethe-Instituts begründet hatte, und das eine wichtige Institution wurde. Mit ihr kam Iris Kaschnitz quasi als Agentin von „Nuova Consonanza“. Man wollte etwas von mir aufführen. Ich arbeitete damals an den „Maulwerken“, beziehungsweise an der Basisschicht „Atemzüge“. Wir wurden uns bald einig: Eine erste Version der Prozesskomposition sollte einstudiert und dann in Rom uraufgeführt werden.

Im Spätherbst 1969 trafen wir uns wieder bei einer eher traurigen Gelegenheit: einer Gedenkveranstaltung in der Frankfurter Musikhochschule anlässlich des Todes von Adorno. Ich hielt eine im ersten Teil wohl etwas mühsame und dem Gegenstand angemessen ziemlich theoretische Rede über Adornos Sprachkomposition, die bei dem studentischen 68er-Publikum nicht gut ankam – es flogen Papierschwalben. Im zweiten Teil führte ich in seine Musik ein und Carla sang Lieder von ihm. Die Stimmung schlug um, es stellte sich fast so etwas wie Andacht ein.

Dann kamen 1970 die Proben zu den „Atemzügen“. Ein Trio wurde zusammengestellt: Gisela Saur-Kontarsky, eine renommierte Diseuse, der bekannte Bariton William Pearson und eben Carla Henius. Man traf sich jeweils in Köln. Das Stück war für das Ensemble eigentlich eine Zumutung: Drei professionelle Vokalisten sollten hauptsächlich – allerdings ziemlich artifizielle – Atemprozesse ausführen. Die Proben waren entsprechend schwierig. Carla verhielt sich manch- mal störrisch, aber arbeitete hingebungsvoll; sie konnte schmollen, aber auch die Naive spielen: „Nun erklär mir das mal!“ Wir wurden endgültig Freunde.

Es kamen dann ziemlich viele Aufführungen der „Atemzüge“ und wir trafen uns häufig, erst in Rom, dann auch in London und Paris und weiteren Orten. Bei einer gewissermaßen sinfonischen Aufführung der gesamten „Maulwerke“ mit allem Drum und Dran – Elektronik, Dias, Filme – gab es drei Gruppen von Ausführenden; außer den solistischen drei ein Viererensemble aus Mitgliedern eines Chors (der Stuttgarter Schola Cantorum) und schließlich ein Laienensemble aus fünf Primanern des Münchener Oskar-von-Miller-Gymnasiums, an dem ich damals unterrichtete. Den „Professionellen“ behagte diese Zusammenstellung wenig. Indessen schloss Carla bald Freundschaft mit den „Welpen“, wie sie sie nannte – und lud sie später auch nach Gelsenkirchen ein.

In den 80er-Jahren, wo sie sich als Sängerin etwas zurückzog, wurde sie Organisatorin. Sie hatte stets einen Sinn fürs Praktische – und das Herz auf dem rechten Fleck. Claus Leininger, der Intendant des Musiktheaters im Revier in der Arbeiterstadt Gelsenkirchen, betreute sie mit der Leitung der neubegründeten Musiktheaterwerkstatt, einer Art Experimentierbühne, und hier leistete sie quasi Basisarbeit. Alles was Rang und Namen hatte, von Nono über Ferrari, Riedl bis Kagel, wurde, soweit es die bescheidenen Mittel zuließen, hier präsentiert und in klugen – oft handgeschriebenen – Programmheften pädagogisch vermittelt. Aber sie schaffte auch wieder Jugend um sich: Kalitzke, Stäbler, Klötzke, auch der junge Wolfgang Rihm.

Es war ein gelinder Schock, als Carla 1989 ihren siebzigsten Geburtstag feierte. Man wusste – wie meist bei Künstlerinnen – ihr Alter nicht. Und nun sollte diese im Wesen Jugendliche, dynamische Person an der Schwelle des Alters stehen.

Sie bat mich anlässlich der öffentlichen Feier um eine theologische Rede und ich sprach auch über das „Bedenke das Ende!“ Ihre Reaktion war wütend. Als Leininger nach Wiesbaden wechselte, nahm er sie mit und sie setzte hier ihre Arbeit in der reichen, gepflegten Kurstadt fort – fand dort bei dem konservativen Publikum neue Reibeflächen. Und sie hatte angesichts von Sparmaßnahmen, die ja bereits in den neunziger Jahren um sich griffen, zu kämpfen. Aber sie war zäh und tapfer.

Die Siebzigjährige erweiterte noch- mals ihren beruflichen Radius: begann Bücher zu schreiben – historische Zeugnisse aus bald einem halben Jahrhundert engagierter Tätigkeit in Sachen Neuer Musik. Sie fanden nicht nur wegen der dokumentarischen Inhalte, sondern auch wegen der farbigen Darstellung, des persönlichen Tons, aber auch als Frauenliteratur ein dankbares Publikum. Auch sonst war sie gefragt – kannte ohnehin Gott und die Welt. Im Alter wuchs ihr eine Würde zu: eine Grand Dame der Neuen Musik.

In den letzten zehn Jahren (oder mehr) machten Carla und Jochen immer wieder Ferien in Murnau – in einem Appartement des Hotels Burgklause: Blick aufs Münterhaus und die Berge; sie kam immer mit einem schweren Koffer voller Papier. Zuletzt arbeitete sie an einer Autobiographie anhand ihrer reichen brieflichen Materialien von Adorno bis Zender. Wenn wir ebenfalls in Murnau waren, traf man sich zu Spaziergängen, im Schwimmbad am Staffelsee oder zum Essen, oft auch zusammen mit Riedls. Öfters sahen wir sie vormittags um elf im Café Fodermayr, wo sie stillvergnügt mit Zeitung und einem Gläschen Wein saß – um dann „Tacheles zu reden“. Der Ort ist nun nicht mehr das, was er war: sie fehlt.

Indes gibt es sie doch noch leibhaft, nämlich als Stimme auf dem Tape der Tonbandkomposition „La Fabbrica illuminata“, die der Meister mit ihr hergestellt hat.

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