Noten-Tipps 2012/02


(nmz) -
Barbara Heller (geb. 1936): Stimmungen. Fünf Miniaturen für Oboe (Flöte, Altblockflöte) oder andere Blasinstrumente solo *** Egon Wellesz (1885–1974): Drei Capriccios nach Bildern von Callot in Hoffmanns „Prinzessin Brambilla“ (1902/03) für Violine, Violoncello und Klavier *** Johann Strauß Sohn (1825–1899): An der schönen blauen Donau, Walzer op. 314, für Violine, Violoncello und Klavier *** Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791): Wiener Sonatinen, arranged for flute and piano *** Herbert Willi (geb. 1956): „Hello“ and „See you again” für Bläserquintett (2008) *** Jean Sigismund Cousser (Kusser) (1660–1727): La cicala della cetra D’Eunomio. Suite Nr. 1 aus sechs Consortsuiten für 2 Oboen, Fagott, Streicher & B.c.
Ein Artikel von Eckhart Rohlfs

Barbara Heller (geb. 1936): Stimmungen. Fünf Miniaturen für Oboe (Flöte, Altblockflöte) oder andere Blasinstrumente solo, herausgegeben von Julien Singer, Schott ED 21054 (2011), ISMN 979-0-001-17605-7

Ganz gleich auf welchem Blasinstrument, im Tonumfang bleiben die fünf Miniaturen im Spielbereich der Altblockflöte ohne extreme Höhen, ohne technische Raffinessen – entscheidend ist, so der Autorin Wunsch, eine vom Gefühl bestimmte möglichst freie Wiedergabe dieses ganz improvisatorisch angelegten Tonspiels (wobei dann zum Beispiel auch permanenter Taktwechsel nur als Schreibhilfe erscheint). Ja, mehr will die Komponistin: Charakter, Modus, Ausdruck und Fluss der einzelnen Stücke aufnehmend sollen weiterführen, sollen zur eigenen Improvisation verführen. 

Egon Wellesz (1885–1974): Drei Capriccios nach Bildern von Callot in Hoffmanns „Prinzessin Brambilla“ (1902/03) für Violine, Violoncello und Klavier, Doblinger D 37224 (2011), ISMN 979-0-012-19869-7

In der MGG von 2007 werden die drei Capriccios noch als Manuskript und als Werk ohne Opuszahl aufgeführt, jetzt liegt dieses Jugendwerk des Gymnasiasten Egon Wellesz gedruckt vor und lädt zur Interpretation. Mit seinen erst 17 Jahren steht Wellesz noch unter dem Eindruck der Symphoniker Bruckner und Mahler, erst später kommt er in Schönbergs Nähe und wird sein Schüler. In diesen Capriccen bedient er sich über permanent chromatischen Linien freier Tonalität und erreicht damit eine sehr nuancierte farbige Tonsprache, welche die Leidenschaft und den Ausdruck dieser drei karnevalesken Ballettszenen – „Masken“, „Des Helden Klage“, „Liebesszene und Verklärung“ – wiedergibt. Geige und Cello tanzen mit- und gegeneinander die beiden Soloparts. Vom Klavier kommt die rhythmische, malerische Stütze. Und schon haben Auge und Ohr die Vision dieses verzwickten Commedia-dell’arte-Spiels von Giglio und Giacinta. Was Claus- Christian Schuster zu Wellesz‘ Leben und Werk ausführt, ist zu dessen Verständnis lesenswert.

Johann Strauß Sohn (1825–1899): An der schönen blauen Donau, Walzer op. 314, für Violine, Violoncello und Klavier bearbeitet von Ursula Erhart-Schwertmann, Doblinger D 19702. – Tik Tak, Polka schnell nach Motiven der Operette „Die Fledermaus“, op. 36, für 2 Violinen, Viola, Violoncello/Kontrabass bearbeitet von Alexander Graf, Doblinger D 06238

Die Evergreens der Alt-Wiener Tanzmusik spielte man nicht nur mit großem Orchester im Ball-Saal. Sie sollten und wollten auch im Salon, bei Haus-Parties gehört und gespielt werden. Also war Hausmusik-Besetzung gefragt, Klavier-Trio, Streichquartett. Zwei der beliebtesten Piecen liegen hier in neuen, nicht überfrachteten Arrangements vor, jeweils als Partitur und Stimmen, in lesefreudigem Notenbild und praxisnah ausgezeichnet. 

Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791): Wiener Sonatinen, arranged for flute and piano by Ulrich Müller-Doppler and Peter Ludwig, UE 33702, ISMN M-008-07950-4

Wenn Mozarts fünf Divertimenti KV 439b in der ursprünglichen Besetzung für zwei Klarinetten (Bassetthörner) und Fagott schon seit Lebzeiten, wie es im Köchel-Verzeichnis heißt, „mancherlei irreführende Bearbeitungen erfahren“ haben, was sich bis heute fortsetzt, dann liegt es offensichtlich daran, dass dieser Musik eben ein ganz besonderer Charme innewohnt. Aus diesen jeweils fünfsätzigen Divertimenti haben die Bearbeiter eine Folge von jeweils zwei bis drei serenadenhaften „Stückchen“ nach ihrem Gusto für die „Magic Flute“-Reihe der Universal Edition herausgezogen und als sechs „Wiener Sonatinen“ neu verpackt als „Wiener“, weil das Jahr 1783 als Kompositionsjahr nachgewiesen ist. Dieser Charme und das knappe Flötenrepertoire dieser Zeit rechtfertigen auch diese der Flöte angerichtete Ausgabe mit ihren praktischen Interpretations- und Fingersatz-Auszeichnungen.

Herbert Willi (geb. 1956): „Hello“ and „See you again” für Bläserquintett (2008), Partitur & Stimmen, Schott ED 20543, ISMN 979-0-001-15749-0

Mit der Oper „Schlafes Bruder“ und einer Kammermusik-CD ist der Vorarlberger Komponist Willi in Erinnerung. Als „Composer in Residence“ bei der Internationalen Summer Music Academy & Festival im japanischen Kusatsu entstand 2008 dieses Auftragswerk, dort vom Ensemble Wien-Berlin uraufgeführt. Die sechs mehr oder weniger aphoristischen Sätze haben einen Hauch von Esoterik an sich, erscheinen wie Gedankenblitze, wie eine Suche nach den richtigen Klangspuren, lassen manchmal an Vogelgeschwätz erinnern, manchmal mehr an Geräusch denn an akustisch greifbare Tonspuren. Flüchtig Gehauchtes wechselt mit fff-virtuosen Figuren, dabei den ganzen Klangumfang der einzelnen Register nutzend. Ein Solo des Fagotts mit kurzen Klavier-Einwürfen gibt den Einstieg. „Alle Einflüsse des Tages hinterlassen ihre Spuren. Mir geht es darum, in der Stille davon frei zu werden, darin zu verweilen, bis aus dieser Situation heraus neue Gestalt erkennbar, sichtbar, hörbar wird“, so kommentiert der Komponist sein technisch wie im Zusammenwirken höchst diffiziles 13-Minuten-Opus.

Jean Sigismund Cousser (Kusser) (1660–1727): La cicala della cetra D’Eunomio. Suite Nr. 1 aus sechs Consortsuiten für 2 Oboen, Fagott, Streicher & B.c., herausgegeben von Michael Robertson, Partitur & Stimmen, Collegium Musicum, Kölner Reihe Alter Musik, Ed. Walhall EW 746, ISMN M-50070-746-2

So wenig wir bislang über den „hochberühmten Komponisten der deutschen Barock­oper“ (Kloiber) Johann Sigismund Kusser wissen, so einflussreich war wohl „in gantz Teutschland“ sein Wirken als umtriebsamer Dirigent in der Vermittlung und Verbreitung des damals hochmodisch-modern gewordenen französischen Musizierstils, den er bei Lully in Paris erfahren, sich angeeignet und vehement vertreten hat. In Lullys Manier gab er als Württembergischer Hofkapellmeister um 1700 drei Suitensammlungen heraus, wohl Teile aus Kussers weitgehend verloren gegangenen zahlreichen Bühnenkompositionen. „La cicala“ mit einem Dutzend charakteristischen Tanzsätzen ist eine davon, deren Stimmbücher sich in des Grafen Schönborn-Wiesentheids Musikaliensammlung wiederfand. Aus diesen ist das vorliegende Notenmaterial als Partitur und Stimmenmaterial sorgsam rekonstruiert worden. Ausführliche Anmerkungen geben weiteren historischen und editorischen Background, allerdings keine plausible Titelübersetzung (la cicala = die Zikade, die Schwätzerin, das Vibrieren; la cetra = die Zither?).

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