Originalität, Vitalität, instrumentale Klasse

Das internationale Kemptener Kammermusik-Festival


(nmz) -
Dass eine Provinzstadt wie Kempten im Allgäu, nunmehr im vierten Jahr, ein Festival dieser Klasse beherbergt, ist für deutsche Verhältnisse eigentlich eine Sensation, die überregional immer noch viel zu wenig Würdigung gefunden hat.
Ein Artikel von Christoph Schlüren

Wie im Vorjahr wartete das Internationale Festival der Kammermusik in der Kemptener Residenz, unter der findigen künstlerischen Regie des Münchner Pianisten Oliver Triendl und in den bewährten organisatorischen Händen von Lokalmatador Franz Tröger, mit einem Composer-in-Residence auf: Auf den Franzosen Nicolas Bacri folgte diesmal der Norweger Ragnar Söderlind, und entsprechend war der Repertoire-Fokus, parallel zum Jubilar Felix Mendelssohn mit einigen selten zu hörenden Werken, auf den europäischen Norden gerichtet: Musik der Schweden Franz Berwald, Dag Wirén, Gunnar de Frumerie, Sven Erik Bäck und Bo Linde, der Dänen Gade, Heise und Carl Nielsen, der Norweger Grieg und Sinding flankierte immerhin vier Werke des 1945 in Oslo geborenen Söderlind, der primär als hochdramatischer, einer avancierten Tonalität in dunkel-expressiven Klangfarben huldigender Orchesterkomponist bekannt ist (Söderlind schrieb bis heute unter anderem acht Symphonien, fünf Opern und vier große Ballette in Fortführung der von Sibelius ausgehenden nordischen Tradition). So waren von ihm neben einem Klaviertrio von 1994 und der „Friesischen Landschaft“ für Bratsche und Klavier (2000) das fulminante, bezwingend geformte Zweite Streichquartett von 1997 und eine Uraufführung zu hören: das Sextett op. 106 für Klarinette, Klavier und Streichquartett mit dem Untertitel „Una sinfonia intima“, eine Sinfonia da camera in einem Satz, vor wenigen Wochen vollendet und in der vehementen Kraft und lyrischen Geschmeidigkeit, in der motivischen Dichte und harmonischen Bündelung nicht nur spontan von den Musikern geliebt, sondern überdies von hinreißender Wirkung auf ein Publikum, das in den letzten Jahren ohne Ideologien dem Neuen offen zu begegnen erzogen wurde. Dazu gehört natürlich auch ein öffentliches Komponistengespräch, in welchem der Komponist in einwandfreiem Deutsch seiner auf handwerklicher Präzision beruhenden Freisinnigkeit Ausdruck verleihen konnte. Söderlind ist ein Vollblutmusiker, eine Kraftnatur mit dem Lebenswillen eines nordischen Bären. Seine Musik ist durchtränkt von pulsierender Leidenschaftlichkeit, von amourös-kulinarischer Ekstase, setzt auf den tristanisch schmachtenden Schwung der großen Linie und ist dabei von prägnanter thematischer Gestaltung und klarer Struktur.

Ob man ihn als „Neoromantiker“ oder „Post-Expressionisten“ bezeichnet, ist ihm vollkommen egal – seinen Kopf setzt er lediglich dazu ein, das zu kultivieren, was aus seinem Bauch kommt. Was auch immer an Definitionen dessen, was „Neue Musik“ sei, im Umlauf ist – die seine ist originell, zauberhaft, meisterlich gesetzt und mit jeder Faser lebendig. Indem sie außerdem enorme Virtuosität voraussetzt, kam sie der hochkarätigen Besetzung der internationalen Festivaltruppe entgegen, sind es doch durchweg exzellente Instrumentalisten, die Oliver Triendl Jahr für Jahr mit der Idee seines unkonventionell gestalteten Festivals anzuziehen vermag. Stellvertretend seien diesmal nur der Klarinettist Nicolas Baldeyrou, der Oboist Stefan Schilli, die Geiger Raphaël Oleg und Liza Ferschtmann, der Bratschist Hariolf Schlichtig, die Cellisten Jan-Erik Gustafsson und Peter Bruns und der Pianist Melvyn Tan genannt.

Wenn man bedenkt, welch exzeptionelle Qualität der Aufführung hier an fünf Abenden fast ausschließlich kaum je zu hörendem Repertoire zugute kommt, können die aufgeschlossenen Fans in den Metropolen wie München, Wien oder Berlin mit ihrem Mainstream-Repertoire nur vor Neid erblassen – und künftig im September vielleicht ein paar Abstecher nach Kempten in den Terminkalender eintragen.

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