Rückblende: Vor 50 Jahren – 1971/01: Cage gibt das Komponieren auf

Die „Journées de Musique Contemporaine“ in Paris


(nmz) -
Höhepunkt und Abschluß des Festivals bildeten zwei John-Cage-Tage. Cage war selbst seit einiger Zeit in Paris und hat an Vorbereitungen und Veranstaltungen persönlich mitgewirkt. Bei fast allen Präsentationen kamen ästhetische Zufallsmodelle zur Geltung. Auf Zufallsoperationen beruht etwa das Material seiner Carillon-Musiken, gespielt auf dem Glockenspiel von St. Germain-l’Auxerrois.
Ein Artikel von Reinhard Oehlschlägel

Eine zweite Zufallsebene entfalteten zwei Konzerte im Théâtre de la Ville, bei denen bis zu fünf Stücke gleichzeitig gespielt wurden. Im ersten ging es vor allem um die zusammenhanglose Zeiterfahrung, wie sie in den nach Dauern betitelten Solomusiken für je einen Schlagzeuger, einen Streicher, einen Pianisten, noch einen Pianisten und einen Sprecher vorliegen. […] Für das zweite Konzert hatte Cage zu den früheren Soli für Singstimme allein ein ganzes Buch voll neuer geschrieben, „Song Books“, für das eine Reihe von Aktionen charakteristisch ist, Essen, Trinken, Schlafen, Schreiben und auch das Hissen von schwarzen Anarchistenfahnen.

Cage saß selbst bei der Aufführung zwischen Cathy Berberian und Simone Rist, nicht um Regie zu führen – dadurch gerieten die Aktionen alle ein wenig kurzatmig –, sondern um mit Hilfe des I’Ching ein neues Stück zu skizzieren. So eine Welt, inmitten der er ungestört komponieren kann, wünscht sich Cage. Doch als an der Aufführung seines Tonbandschleifenstücks „Rozart Mix“ beteiligte Studenten auf einem Transparent das Publikum zum Wechseln der Plätze aufforderten und dadurch ein Go-in auf die Bühne zustande kam, als es also zu einem harmlosen realen Anarchismus kam, gab Cage sofort das Komponieren auf, „Rozart Mix“ mußte abgebrochen werden und nur das gleichzeitig von der Gruppe GERM unter Pierre Mariétan gespielte Klavierkonzert – die Musiker waren im ganzen Saal verteilt – konnte unbehindert beendet werden.

Vollends ins Politische wendete sich schließlich die spektakuläre Abschlußveranstaltung „Musicircus“. In einem Zirkuszelt, aufgeschlagen in den alten Markthallen, durften – ohne jede gemeinsame Probe – viele Gruppen neue und alte, schwere und leichte Musik gleichzeitig erzeugen. Aufgestellte Blechteile sollten das Publikum zum Mittun anregen. Schnell formierte sich die engagierte Jugend und akzentuierte: „Liberez Geismar!“ Das hielt sich über anderthalb Stunden im Zelt, gelegentlich abgelöst durch Skandierungen auf den Polizeistaat. Cages Kommentar: „I like it“ und „Ich war schon immer für Befreiung.“

Reinhard Oehlschlägel, Neue Musikzeitung, XX. Jg., 1971, Nr. 1 (Feb./März)

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