Rückblick auf ein gelebtes Medien-Märchen

Zum Tod des Musikkritikers Hans-Klaus Jungheinrich


(nmz) -
Im Dezember 2018 ist der Musikkritiker und Publizist Hans-Klaus Jungheinrich gestorben, der von 1968 bis 2003 Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Rundschau war und zum immer noch nachhallenden Ruf dieses Ressorts und dieser Zeitung Erhebliches beigetragen hat. Jungheinrich war zudem Mitherausgeber der Zeitschrift „Musica“, Veranstalter von Symposien zu Komponisten der Gegenwart, dazu Autor und Herausgeber einer stattlichen Zahl von Büchern über Komponisten, Neue Musik, Musiktheater und über das Dirigeren.
Ein Artikel von Hans-Jürgen Linke

Zum Schock des plötzlichen Todes und zur Trauer gesellt sich für Kollegen und Freunde das Bewusstsein, dass Jungheinrich brillanter Repräsentant einer Epoche des deutschen Feuilletons war, die sich dem Ende zugeneigt hat.

Das zu Jubiläums-Würden avancierte Jahr 1968 bedeutete nicht nur in der Frankfurter Rundschau eine Zeitenwende. Teile der außerparlamentarischen Linken begannen, Kultur als Arbeitsfeld zu entdecken; parallel  dazu erfand sich das Zeitungs-Feuilleton neu. Nicht länger war eine Kultur konsumierende bürgerliche Elite das einzige Publikum des Feuilletons, und ästhetische Aspekte der rezipierten Artefakte waren nicht mehr alleiniger Gegenstand journalistischer Reflexion.

Im Feuilleton der Frankfurter Rundschau hatte sich mit Jungheinrich, Wolfram Schütte und Peter Iden zu Beginn der siebziger Jahre eine Dreierbande gefunden, die ihrem Ressort eine hör- und lesbare Stimme in der bundesdeutschen Presselandschaft verschaffte. Mit kritischem Geist, geschärftem begrifflichen Werkzeug, mit Geschichts- und Selbstbewusstsein mischten sie die Rezensions-Landschaften auf. Ressortleiter Horst Köpke hielt seiner „Prinzengarde“ – so eine freundlich-ironische redaktionsinterne Titulierung – den lästigen Alltagskram generös vom Halse. Es war eine Ära des Aufbruchs auch im Kulturbetrieb, vor allem in Frankfurt. Hilmar Hoffmann wurde Kulturstadtrat, initiierte ein innovatives Mitbestimmungsmodell am Schauspiel und das erste Kommunale Kino im Lande, Rainer Werner Fassbinder war für elf leuchtende Monate Chef des Theaters am Turm, der junge Heiner Goebbels war Musikchef am Schauspielhaus. Aus der Ruine der Alten Oper entstand ein Konzerthaus, das Großprojekt des Museumsufers wurde begonnen.

Im Kulturjournalismus begann die Zeit des so genannten Debattenfeuilletons, das bestimmte Typen des Schreibens (und Lesens) bevorzugte und andere marginalisierte. Diese Epoche währte wenig länger als zwei Jahrzehnte – ein längst zu Ende gegangenes, gleichwohl gelebtes Medien-Märchen. Destruktive Entwicklungen wurden gegen Ende der neunziger Jahre deutlich, und Anfang des neuen Jahrtausends hatte eine strukturelle Krise die Welt der Printmedien erfasst.

Hans Klaus Jungheinrich erlebte diese Phase schon überwiegend aus der gnädigen Distanz eines gern gesehenen und gern beauftragten freien Mitarbeiters, zumal sich seine spezielle Art des Schreibens über Musik nie bloß einer einzigen Phase des Kulturjournalismus zuordnen ließ, sondern immer einen Unterstrom von Universalität hatte. Das war auch noch in der neuen Ära der Klickzahlen- und Einschaltquoten-Mentalitäten nicht wertlos.

Bei aller politisch grundierter Umsicht stand das Politische in seinen Texten nie allein im Zentrum. Immer ging es ihm in erster Linie um Qualität der Musik und/oder der szenischen Realisierung. Die eindrucksvollsten Lese-Erlebnisse mit seinen Texten hatte man, wenn man in der gleichen Vorstellung, im gleichen Konzert gewesen war. Dann konnte man erstaunt feststellen, was alles man überhört oder übersehen hatte.

So sehr seine Texte vom Aufweisen übergreifender Einblicke lebten, so sehr waren sie auch immer in Einzelheiten verankert. Sie schienen eher Erzählung als Essay, eher Beobachtung als Theorie zu sein, aber die Wahrheit lag in der Vermittlung beider Aspekte. Stets war auch seine Bereitschaft spürbar, sich begeistern zu lassen und seine Begeisterung nachvollziehbar zu machen, und für alle, die ihn näher kannten, war seine immer auch emotionale Nähe zum beschriebenen Gegenstand deutlich.

Der Markt aber will scheinbar keine Nischen mehr, sondern nur noch Massenschauplätze.

Das könnte Sie auch interessieren: