Sechs-Eck auf der Gitarre

Rückblende: Vor 50 Jahren (1971/06)


(nmz) -
Leo Brouwer, Gitarre, spielt Werke von Gaspar Sanz, Luys de Narváez, Fernando Sor, Cornelius Cardew, Hans Werner Henze und Leo Brouwer. Deutsche Grammophon Debut Nr. 2555 001, 30 cm, stereo, 6 DM
Ein Artikel von Hartmut Lück

DGG-Debütant Leo Brouwer hat bei dieser Auswahl auf die zugkräftigen Virtuosenstücke der nationalfolkloristischen spanischen Komponisten um 1900 vollständig verzichtet. Darin zeigt sich nicht nur die Kühnheit, ausgefahrene Repertoiregeleise zu verlassen, sondern auch das Selbstbewußtsein eines Künstlers, der es nicht nötig hat, mit seichter Fingerfertigkeit zu betören. Brouwers Klangkultur ist frappierend, die Ausgewogenheit zwischen Notentreue und spontaner Farbgebung etwa bei den Miniaturen von Gaspar Sanz oder den Menuetten von Fernando Sor erreicht einen hohen Grad fast von ästhetischer Zeremonie, ohne indes musikantische Verve dem rituellen Habitus höfischer Musik unterzuordnen, im Gegenteil. Erweist sich dieser junge cubanische Gitarrist bei den alten Meistern als Kenner musikalischer Zusammenhänge und technischer Möglichkeiten, welche das Attribut „Debut“ nur noch geografisch als erstes Bekanntwerden in Westeuropa rechtfertigen – so demonstriert Brouwer auf der Rückseite intimste Vertrautheit des Komponisten mit seinem Vorzugsinstrument.

Neben einem eigenen Werk – einer freien Version für Gitarre seines Orchester-Improvisationsstückes „Exaedros I“ („Sechs-Eck“) von 1969 – steht „Material“ des 1936 geborenen Cornelius Cardew, eine etwas dünne Stockhausen-Nachahmung, deren irreal auseinander gezogene Stereofonie nicht recht einleuchtet, und ein gewichtiges Stück von Hans Werner Henze: „Memoires“ aus „El Cimarrón“, balladeske Erinnerungen an das Schicksal des cubanischen Sklaven in Henzes szenischer Komposition, Erinnerungen auch des Interpreten Brouwer, der Henzes Material improvisatorisch, fast spukhaft, traumhaft huschend aneinanderreiht, eine szenische empfundene und im besten Sinne fantastische Musik, angereichert durch Klopfen auf den Corpus, Streichen mit einem Kontrabaßbogen und Zungenschnalzen. […]

Hartmut Lück, Neue Musikzeitung, XX. Jg, Nr. 3 Juni/Juli 1971

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