Seit 45 Jahren Sprungbrett für junge Orchestermusiker

Carola Reul übernimmt die Geschäftsführung der Jungen Deutschen Philharmonie


(nmz) -
Die kreative Brutstätte zeitgenössischer Musik im Frankfurter Osten in der Schwedlerstraße besteht aus einer Vierer-Kombination mit engen Zusammenhängen und kurzen internen Wegen: die Geschäftsstellen der Deutschen Ensemble Akademie, der Jungen Deutschen Philharmonie und des Ensemble Modern sowie der Internationalen Ensemble Modern Akademie. Christian Fausch war seit 2012 Geschäftsführer der Jungen Deutschen Philharmonie und seit 2015 auch der DEA und des Ensemble Modern. Seit dem 15. Mai hat die Junge Deutsche Philharmonie nun wieder eine eigene Geschäftsführung: Carola Reul hat die Aufgabe übernommen, das einerseits schon traditionsreiche, andererseits sich ständig erneuernde und verjüngende Orchester zu leiten.
Ein Artikel von Hans-Jürgen Linke

Für Carola Reul kommen hier zwei Impulse zusammen. Einerseits, erzählt sie, habe sie Schulmusik studiert und durchaus Freude an Musikpädagogik entwickelt. Andererseits verfügt sie mittlerweile über langjährige, profilierte Arbeitserfahrungen im internationalen Musikbetrieb. Sie war unter anderem in der internationalen Künstleragentur HarrisonParrott in London und in der Konzertdirektion Schmid tätig. Sie hat im Touring mit renommierten Orchestern gearbeitet, auf Weltniveau Musik gehört, organisiert und ermöglicht. Bei der Jungen Deutschen Philharmonie kommt nun beides zusammen, die Arbeit mit jungen Leuten und das hohe Niveau, auf dem hier Musik gemacht wird. Es sei eben, sagt sie, kein Jugend­orchester, für das sie hier arbeite. Es bestehe aus ausgezeichnet ausgebildeten, hoch talentierten und eigenständigen jungen Musikern an der Schwelle zur eigenen Karriere, und es müsse sich hinter keinem Orchester von Rang und Namen verstecken. 

Carola Reul kennt aus ihrer Agentur-Tätigkeit auch die privaten Veranstalter und die Konzertsäle, die im Musikbetrieb die Partner der Jungen Deutschen Philharmonie sind. Sie kennt deren Belastbarkeit mit originellen Programm-Ideen, und sie kennt deren Erwartungen, Wünsche und Anforderungen. Sie kann (und wird) ihre Kontakte und Erfahrungen für ihre neue Arbeit nutzen.

Die Erwartungen, die vor allem die europäischen Konzerthallen an die Junge Deutsche Philharmonie richten, sagt sie, unterscheiden sich durchaus von den Erwartungen, mit denen andere Orchester konfrontiert werden. Käme man hier mit ausschließlich solide-konventionellem Repertoire, wären die Reaktionen eher erstaunt, weil die Junge Deutsche Philharmonie eher für etwas Neues oder wenigstens etwas Aufregenderes steht. Dafür sind der Programmausschuss, der auch die Fluktuation innerhalb des Orchesters abbildet, und der Vorstand, der in die Arbeit Kontinuität einbringt, zuständig.

Carola Reul will keineswegs auf eigene Ideen und konzeptionelle Vorstellungen verzichten, sie sieht ihre Aufgabe aber zunächst vor allem darin, den Anderen zuzuhören und die gemeinsame Arbeit an der Entscheidungsfindung zu moderieren. Wie kompliziert das werden kann, wird man sehen. Es gebe, erzählt sie, bei den Programm-Gesprächen in beiden Gremien zuweilen Themen, über die vergleichsweise schnell und umweglos Einigkeit hergestellt werden könne. Manchmal aber werde auch lange und intensiv um Ergebnisse gerungen. Die Debattenkultur in der Jungen Deutschen Philharmonie hat, wie sie zu schätzen weiß, lange Tradition und gehört zu deren identitätsstiftenden Merkmalen.

Außer originellen Konstellationen im Programm sollen auf dem Dirigentenpodest auch halbwegs prominente Dirigenten stehen. Daran haben sich nicht nur die Veranstalter und Partner gewöhnt und ausgerichtet, sondern auch die Junge Deutsche Philharmonie selbst. In den gegebenen ökonomischen Grenzen sind nicht alle Wünsche nach prominenten Namen erfüllbar. In der Vermittlung zwischen Wünschen und Ansprüchen der Musiker auf der einen, den Erwartungen der Veranstalter auf der zweiten, den eigenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf der dritten Seite sieht Carola Reul die zentrale Aufgabe ihrer Geschäftsführung.

Ein Lieblingsprojekt? Ja, sagt sie, da zeichne sich etwas am Horizont ab. Die Junge Deutsche Philharmonie wird im Jahre 2024 ihren 50. Geburtstag feiern. Und neben originellen Programmen, profilierten Dirigenten und Solisten stehe auch immer eine internationale Tournee über die Grenzen Europas hinaus, wie zuletzt nach Südamerika, auf der Wunschliste. Vielleicht könnte man den runden Geburtstag mit einer Japan-Tournee feiern? Und vielleicht kennt sie aus ihrer professionellen Karriere einige Kontakte, die helfen könnten, so etwas zu Stande zu bringen?
  

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