Singen heißt mich das Herz

Das Kölner Acht-Brücken-Festival verneigt sich vor Bernd Alois Zimmermann


(nmz) -
Die Zeit vergeht. Wie sie das tut, das hat die jüngste Ausgabe von „Acht Brücken. Musik für Köln“ vorgeführt. Und zwar mit wünschenswerter Klarheit. Dabei hat es die Festival-Dramaturgie verstanden, einerseits Kern und Botschaft des Stücks für alle sichtbar hinzustellen und zugleich ins Überzeitliche zu heben. Man kann das weise, wahlweise geschickt nennen: Geschichte aufarbeiten, ohne Schuldfragen wälzen zu müssen, einfach einen neuen Stand der Dinge verkünden.
Ein Artikel von Georg Beck

Alles ist Wandel! Es war die Generalformel, man kann auch sagen Zauberformel, aufgestellt, in Umlauf gebracht von Louwrens Langevoort. Beim Philharmonie-Intendanten, beim Gesamtleiter „Acht Brücken. Musik für Köln“ liefen sie nicht nur zusammen, sie sind von ihm ja überhaupt auf die Spule gebracht worden, die Fäden dieses zweiwöchigen Publikumsfestes, dessen Schlussmeldung triumphal ausfiel: „25.000 Besucher! Festival in Köln angekommen!“ Nun, von vornherein war klar, dass es in diesem Jahr nicht ums Backen der kleinen Brötchen gehen konnte, weswegen man auch nicht lange gefackelt und zu den Dichtern gegriffen hat, den ganz Großen. „In neue Gestalten verwandelte Wesen will ich besingen!“
So ging sie los, die Vorrede zur Festival-Broschüre. Mit der Vorrede des Ovid aus dessen poetischem Grundbuch „Metamorphosen“. Fürs Acht-Brücken-Festival genau das richtige Motto. Und zwar offenbar so richtig, dass es gleich weitervariiert wurde. Goethe, Kafka, Rose Ausländer, das Buch I Ging – soviel Dichterliebe war selten. Andererseits schien man es genau auf diesen Unisono-Chor abgesehen zu haben.

Denn: Wie macht man das, wenn man „in neue Gestalt verwandelte Wesen besingen“ will? Wie feiert man die Auferstehung eines Titans? – Immerhin, nichts Geringeres hatte man sich ja vorgenommen. Wäre Strauss gemeint gewesen, würden uns allen die Zarathustra-Fanfaren um die Ohren gehauen werden. Doch es war nicht Strauss, es war der andere Übermensch aus dem rheinischen Bliesheim, zur Welt gekommen am 20. März 1918, es war Bernd Alois Zimmermann, dessen einhundertster Geburtstag die Acht-Brücken-Festival-Dramaturgie zum Anlass genommen hatte, die neue Kölner (Musik-)Geschichtsschreibung öffentlich zu machen. Gemäß dieser rückt ein Komponist nun auf einmal von ganz hinten nach ganz vorn. Einer, der jahrzehntelang im Schatten anderer Kölner Großmeister stand: geschnitten, geschmäht, bemitleidet, ja, verlacht, verachtet, wozu die Programm-Broschüre mit ganz neuen Tiefpunkten bekannt machte. Die Regieanweisung dazu: Das Z ist ein A! So musst du das lesen! In welcher Weise diese neue Lesart mit Schuldgefühlen verbunden war, blieb spürbar. An allen Ecken und Enden. Nicht zuletzt im Fes-tivalgeschehen selbst. Beispielsweise an einer ehrfürchtig in der Lobby der Kölner Philharmonie eingerichteten Vitrinenausstellung.

Da ging man dann entlang und konnte sehr einverständig und sehr andächtig den Blick ruhen lassen auf all den schönen Texten und Bildern jenes tapferen Chors der frühen Zimmermann-Freunde, Zimmermann-Schüler, Zimmermann-Bewunderer, nur, um urplötzlich dann doch die Tarantel unter all den Faltern zu entdecken! Tatsächlich, da hockte sie, giftiggrün, mit ihren eklig-behaarten Greifbeinchen! Bildunterschrift: „Zimmermann? Collage-Komponist!“ Der Bannstrahl (Gustav Mahler praktischerweise gleich mit in der Schusslinie) war seinerzeit ein Ausbürgerungsurteil. Heute wirkt es nur noch skurril; deswegen auch unter Glas, damit man die mächtigen Giftzwerge von damals, wiewohl auch sie ja bedeutende Komponisten waren, in Erinnerung behält. Wie die Zeit vergeht! Die eigentliche Abbitte geschah freilich musizierenderweise, im Konzert. Natürlich muss man sagen: im Festival als Ganzem, dessen großer, machtvoller Zimmermann-Schwerpunkt einen (fast) ungetrübten Genuss darstellte. An erster Stelle zu nennen ,die (auf dem Online-Portal dieser Zeitung bereits ausführlich gewürdigte) „Soldaten“-Aufführung, deren von Carlus Padrissa verantwortete Überwältigungsästhetik freilich massiv an unseren heutigen Seh- und Hörgewohnheiten vorbei, über unsere Reiz- und Sättigungsschwellen hinaus agierte. Nachdem der Ausnahmezustand zum Normalfall geworden ist, nachdem das beste Grotesktheater heute in den Nachrichten kommt, juckt es uns nicht mehr, all das Rumgehure, Rumgesaufe, das Gepoltere, die Hantiererei mit Todes-, mit Untergangssymbolik. „Kennen wir alles! Nichts Unmenschliches ist uns fremd!“ – So antwortet das Theater-Publikum, das Theater-Bewusstsein anno 2018 auf ein Opern-Monstrum von 1965. Die Zeit, sie ist auch hier vergangen.

Um noch einmal Louwrens Langevoort zu zitieren: Er, Bernd Alois Zimmermann, war „keiner Schule verpflichtet“. Noch vor nicht allzu langer Zeit galt sowas als Makel. Heute ist es ein Gütesiegel. Hinzu kommt der von Zimmermann verfochtene Pluralismus der Stile, der Medien, sein lustvoll-ergiebiges Spielen mit Zitaten, mit Tempusformen, deren Simultanée er als philosophisch gebildeter Katholik dem Denken des Augustinus entlehnt hatte. Genau darin ist dieser Bernd Alois Zimmermann tatsächlich ein Komponist fürs Hier der Digitalisierung, fürs Heute der Vernetzung. Natürlich, ganz geht diese Modulation nicht auf, ist da doch auch das religiöse Herz des Komponisten eines, das am Ende so wehmütig-verzweifelt war, dass es nur noch den Freitod als Ausweg wusste. Ein Abgang, der noch immer belastet, unausgestanden scheint.

Vielleicht kamen sie uns gerade deswegen nicht de-, sondern ausgesprochen platziert vor, die „gequälten Laute des Schreckens, der Verlassenheit und der menschlichen Erbärmlichkeit“, jene Ausführungsanweisung in Zimmermanns Schwanengesang, die der famose Bariton Georg Nidl so wörtlich genommen hatte. Am Ende von „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ operierte Nigl tatsächlich an der Grenze zum Schlosshundheulen. Berührender Höhepunkt einer unter die Haut gehenden Aufführung mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Michael Wendeberg und einem bemerkenswerten Sprecher Jakob Diehl. Eine Aufführung, in der die Tränen des Solisten unsere Tränen waren, stellvertretend für die Tränen der Kölner, mit denen sie „alles Unrecht, das (ihm) geschah“ irgendwie bereuen, wiedergutmachen wollten oder sollten; das Publikum tatsächlich mitwirkend gedacht bei einer „ekklesiastischen Aktion“ in einem säkularen Raum. Ein einsamer Buh-Rufer zeigte, dass die Medizin, das Kathartische, ihre Wirkung getan hatte.

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