Starke Gruppenbildung für 12 bis 15 Instrumente

30 Jahre Ensemble Aventure · Von Georg Beck


(nmz) -
Freiburg, im Juli. – Eigentlich haben sie gar keine Zeit, alte Ensemble-Akten zu wälzen. Anderer­seits: Dreißig Jahre Aventure sind mehr als ein einziger Aventurler im Kopf behalten kann. Weswegen man am Gang durch die Ensemble-Geschichte, und sei er noch so kursorisch, gar nicht vorbeikommt, allein schon, um die jetzt im Jubiläumsmonat gehäuft auftretenden Festredner, Grußwortspender, Porträt­schreiber entsprechend zu munitionieren.
Ein Artikel von Georg Beck

Ja, und dann sind doch noch Fragen offen. In jedem zweiten Aventure-Artikel wird es ja aufgerufen, das „Stachlige“, das „Kantige“, das „Kritische”. Woher rührt sowas? Was meint das?

Drei dicke Stehordner hat Wolfgang Rüdiger hervorgeholt. Papierner Niederschlag dreier Aventure-Jahrzehnte. Erstes Ergebnis: Man ist von sich selbst überrascht, wahlweise begeistert. „Ja, ist es denn die Möglichkeit: Der war auch dabei!“ Und: „Was, das haben wir auch gespielt!“ Selbst Ensemble-Klarinettist Walter Ifrim, ein sprichwörtlicher Die-Ruhe-selbst-Zeitgenosse, kann da ins Schwärmen kommen. Und tatsächlich. Mit dem Blick auf die allerersten Programme lugen sie hervor, die Spitzen besagter Stacheln. Womit nun keineswegs der anfängliche Ensemble-Name gemeint ist, den man wieder hat abgeben müssen als sich herausstellte: „Avance“ ist schon vergeben! Nur weshalb dann Aventure? Anspielung auf gewisse Ligeti-Stücke, die Furore gemacht haben? Gar auf die aventiures, auf die Geschicke des Ritters Parzival, seine Entwicklung vom Unwissenden im Narrenkleid zum Gralskönig?

Kaum. Der Schuh wird einfacher gebunden. „Klingt gut! Besser noch als Avance!“ Womit die Sache allerdings noch nicht zu Ende ist, gab es am Anfang doch einen nicht uninteres­santen Namens­zusatz. Einen, der die historische Verortung ziemlich genau auf den Punkt bringt: „Gruppe für zeitge­nössische Musik“. Darauf käme heute garantiert niemand, der sich anschickt, ein Ensemble­ für Gegenwarts­musik aus der Taufe zu heben. Irgend­wie unflott. Zu unmissver­ständlich die Konno­tation zur Kontamination mit der politischen Linken westdeutscher Vorwende­jahre. „Gruppe“ – das ging einmal zusammen (noch ein Stück weiter zurück) mit Ulbricht, mit Eisler, mit 47, vor allem aber mit marxistisch, mit kommunistisch sowie mit Bader-Meinhof. Wer Gruppe sagte, sagte: Wir haben Inter­essen, aber wir sind gegen die Konventionen, gegen den Formalismus bürgerlicher Verkehrs­formen, mit denen diese Interessen für gewöhnlich einher­gehen. Verein und so.

Hat der Sauseschritt der Zeit solcherart Kantigkeit mittlerweile plangeschliffen? Dass aus der „Gruppe“ das „Ensemble“ geworden ist, sagt natürlich vor allem etwas über die Macht der Mode und was sie so streng geteilt hat. Nur, für den harten Kern der (lang ist’s her) „Gruppe für zeitgenössi­sche Musik“ gehören dazu auch hier und heute nicht unbedingt plangeschliffene Inhalte. Die alten Hasen Wolfgang Rüdiger, Walter Ifrim fühlen sich – im Herzen – durchaus noch zugehörig zur „ästhetischen Linken“ wie Rüdiger dies ausdrückt. Nachfrage: Wenn das so politisch war bei Euch, worüber hat man denn damals diskutiert? Die Antwort ansatzlos. „Über Programme!“ Man glaubt dies nicht nur sofort, sondern sieht es diesen Programmen auch an. Bis heute ist das so. Da ist das Nicht-Arrivierte, die Distanz zu Haupt- und Staats­aktionen respektive -Komponisten. Siehe ferner den Aventure-Einsatz für die Werke politisch verfolgter Tonkünstler, siehe das Anwaltschaftliche für die latein­amerika­nischen Kompositions­welten von Juan Carlos Paz bis Graciela Paraskevaidis. Du sollst klar sein, du sollst griffig sein, du sollst ohne Larifari auskommen – und auch ohne Liebedienerei.

So ungefähr muss man es sich wohl vorstellen, das Aventure-Ethos. Bärenstark zu Aventure-Gründerzeiten, mit Resonanzraum ins Heute. Sicher, es kann schon vorkommen, dass Programme ins Verspielt-Beliebige tendieren, ins Post-Post-Happeningmäßige. Aber eben – dies war, dies ist zentral – Rauchopfer auf den Altären der Repräsentationskunst? Nein danke! Entsprechend auf- und eingestellt war man bereits als der Startschuss fiel. Was nachzulesen ist: 6. Juli 1986, Kaisersaal im Historischen Kaufhaus am Münsterpatz. Drei Namen, drei Säulen. Namen, die für Stil, Handschrift, Charakter dieser nova-musica-Abenteurer standen und stehen. Für die Bindung an die Tradition, aus der man, auch dies ist heute kein selbst­verständliches Bewusstsein mehr, entsprungen ist. Deswegen natürlich „Octandre“ von Varèse, deswegen auch, Anno ´86 hatten sich dafür immerhin fünfzehn Aventurler formiert, Schönbergs Kammersymphonie op. 9. Und dazwi­schen, im derart mit kritischer Masse angereicherten Zwischenraum, das kritische Komponieren“.

Freiheit/Freiburg

Worin eine weitere Stachligkeit erkennbar wird. Als Freiburger „Gruppe für zeitge­nössische Musik“ mit Gruppenbildungs­prozess in der Freiburger Musikhoch­schule gerade nicht Klaus, sondern in der großen Feuertaufe des Eröffnungs-Programms dessen Namensvetter Nicolaus A. Huber zu bringen, das hat noch heute etwas von Chuzpe, von Kantigkeit. Womit wir bei den Freiburger Verhältnissen wären, beim Umstand, dass der Kunst an diesem sonnenbeschienenen Fleckchen Erde recht früh ein recht freundliches Licht geschienen ist und  scheint. Übrigens nicht nur auf die Sonnensegel von Aventure, sondern doch auch auf die andere, nicht weniger markante Formation am Standort, selbst wenn man sich diese nun kaum als, wie sagt man: links angehauchte Gruppenbildung vorstellen kann. Im kursorisch improvisierten Ensemble-Erinnerungs-Parcour am Wohnzimmertisch in Rüdigers Freiburger Altbauwohnung kommt es jedenfalls bald auch zu dieser Reminiszenz. „Ja, stimmt!“, erfährt man da. „Das Verhältnis zu den Kollegen von ensemble recherche war tatsächlich nicht immer ganz konfliktfrei.“

Im Ensemble­umkreis habe sich sogar ein gefügeltes Wort gebildet: „Botschaft, nicht Business!“ Wie alle Verein­fachungen hat natürlich auch diese etwas Schiefes. Vieles hat sich aus­differen­ziert seitdem. Andererseits: Das Moment des Verbindung-Suchens, des In-Verbindung-Stehens mit der Musik-Wirklichkeit ringsum, dieses Aventure-Anliegen von Anfang an, gehört heute („Vermittlung! Vermittlung!“) zum Pflichtprogramm eines jeden Orchesters. Bliebe noch, wegen der Freiheit der Gestaltung, das frühe Beharren auf dem Brotberuf. Auch dies längst kein Exklusivmerkmal mehr. Und doch, die Distanz zum Arrivierten, zum bloß Schöngeistigen hängt eben nicht nur an der ökonomisch realisierten Freiheit. Weil Letztere nun einmal nicht beim Geld, sondern Geist beginnt (wir berühren einen Aventure-Kern) erstrebt Aventure auch nicht die Trennung von Kunst und Wirklichkeit (das Kardinalproblem des ‚bürgerlichen‘ Konzertbetriebs), sondern die „Gemeinschaft“ mit jedwedem „Anderen“. So, ungefähr, beim alten Marx.

Womit sich das Stichwort herauskristallisiert: Aventure und die Welt. Dazu noch dies: Dass man dem bösen Doppel-B-Business-Betrieb in den ersten Jahren so konse­quent die kalte Schulter gezeigt hatte, musste irgendwann natürlich Konsequenzen zeitigen. Gutes tun, darüber reden und auch schreiben lassen! – diese Marketing-Grundregel hatte man zunächst so sträflich-parzivalistisch vernachlässigt, dass man 2003, als die Stadt in finanzielle Engpässe gerät, über Nacht aus der komfortablen institutionellen Förderung heraus­fliegt. Da allerdings ist man dann doch aufgewacht, hat in die Runde gerufen und – siehe da: Alle, alle haben sie geantwortet. So ausgiebig, bis die Solidaritäts­adressen auf dem Schreibtisch des Kulturdezernenten turmhoch geworden sind. „Hört auf! Wir haben verstanden!“ Schnell kommen die Dinge wieder ins Lot. Mittlerweile ist das Verhältnis (Kultur)Politik Freiburg/Ensemble Aventure Freiburg wieder weitgehend harmonisch – wie es sein soll. Nicht zuletzt deswegen (eine Fußnote, die man wirklich gerne anbringt), weil es in der Freiburger Stadtpolitik musik- (respektive Aventur-)liebende Sozialdemo­kraten gibt. Kommt ja nicht so oft vor. 

Neue Aventuren

Und der Ensemble-Himmel, wie sieht er aus in der Zukunft? – Antwort: Hängt voller Aventuren! Da sind sie sich einig, Walter Ifrim und Wolfgang Rüdiger. „Wir freuen uns! Wir sind neugierig – nach wie vor!“ Die Freude gilt den anstehenden Konzert­en im Jubiläums­jahr. Apropos. Zusammen mit dem Kontrabassisten Johannes Nied sind Ifrim und Rüdiger die drei noch verbliebenen aktiven Gründungsmitglieder. Drei von zwölf. In der kommenden Spielzeit, die Wachablösung ist im Gang, wird auch Ifrim seinen Platz räumen. Wird die Ensemble-Identität von solchen Umbrüchen tangiert werden? Knifflige Frage. Abhängen wird dies wohl auch von der Fähigkeit, vom Willen des Ensembles, dem Tendenzgang der Neuen Musik ins Installative, ins Performative, ins Nachbarkünstlerische bei aller Offenheit auch darin das viel beschworene „Kritische“ abzuverlangen, „stachlig“, „kantig“ auch in dieser Frage zu bleiben. In einer medial vollgestopfen Kunstgegenwart, die das ‚bloß‘ Komponierte unter gehörigen Legitimationsdruck stellt, in einer Zeit, in der Komponisten morgens nicht aufstehen, um Noten zu schreiben, sondern „um das halbe Internet durch­zulesen“ – in solcher Krisenzeit wächst einem der ältesten, erfahrensten Ensembles keine kleine Verantwortung zu.

Man wird sehen. Andererseits, warum sollten sie nicht weitergehen, die Aventuren? Im Hinausgehen jedenfalls fängt Wolfgang Rüdiger schon an zu telefonieren. Am anderen Ende der Leitung, ein Komponist, einer, dessen Name heute (aber dies sagt ja nur wieder etwas über die Zeit) weniger geläufig ist. Wir planen ein Konzert. Bitte ein Stück! Draußen scheint die Sonne.

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