Tänzerisch-neckisch und lyrisch-elegisch

Lohnenswerte Raritäten für Holzbläser aus der Edition Molinari – Teil 2


(nmz) -
Auf die in der Dezember-/Januarausgabe vorgestellte Suite für Fagott und Klavier op. 38 von Gertraud Kalten­ecker (1915–2004) folgen nun die angekündigten (Vor-)Klassiker-Editionen für Solo-Holzbläser. Bei diesen von der Edition Molinari vorgelegten Ausgaben handelt es sich erneut um Erstdrucke, deren Handschriften Regensburger Bib­liotheken entstammen.
Ein Artikel von Birgit A. Rother

Joseph Riepel (1709−1782): Concerto Pastorale für Klarinette und Fagott mit Orchester (Klavierauszug inkl. der beiden Solostimmen), hrsg. von Benedikt Dreher, Edition Molinari, E 19,90, ISMN M-50062-118-8. Ebenfalls erhältlich: Partitur, Solostimmen Klarinette und Fagott sowie die Einzelstimmen für Violine I und II, Viola, Bass, Horn I und II

Das Concerto Pastorale von Joseph Riepel, das bis zu diesem Erstdruck lediglich in einer Abschrift aus dem Jahre 1780 existierte, führt uns nun in eine Zeit zurück, in der Musikinstrumente, insbesondere Blasinstrumente, wesentliche technische Weiterentwicklungen erfuhren. Es eröffneten sich somit neue musikalische Möglichkeiten, der Bedarf an entsprechenden Kompositionen wuchs und die Sinfonia Concertante, eine sinfonische Gattung mit meist drei Sätzen für zwei bis neun Soloinstrumente und Orchester, erfuhr große Beliebtheit. Vor diesem Hintergrund ist wohl auch das dreisätzige Konzert Joseph Riepels (1709−1782) für Orchester (bestehend aus Streichern und zwei Hörnern) entstanden, in dem uns erneut das Fagott als Soloinstrument begegnet, hier gemeinsam mit einem Partner: der Klarinette. Diese wohlklingende und interessante Doppelkonzertbesetzung ist uns sonst aus jener Zeit nur in den Konzerten von Johann Stamitz und Franz Anton Hoffmeister überliefert. Der Schöpfer des Concerto Pastorale, der Violinist und Komponist Riepel war seit 1749 am Regensburger Hofe des Fürsten von Thurn und Taxis als Kapellmeister tätig und ist heutzutage vielmehr für seine theoretischen Arbeiten bekannt. Zu Recht? Dem ein oder anderen mag das Concerto Pas­torale in B-Dur vielleicht tatsächlich zu gefällig anmuten, den meisten Klarinettisten und Fagottisten dürfte das liebliche, eingängige Musizieren in harmonischer Schlichtheit – man könnte es auch Klarheit nennen –, mit vielen Terzen und gebrochenen Dreiklängen, mit Orgelpunkten, Vorschlägen und Triolen sowie dem konzertanten Wechselspiel zwischen Solisten und Orchester die reinste Freude sein. Riepel folgt in dieser Sinfonia Concertante ganz dem Stile seiner Zeit. Bei aller Überschaubarkeit der Strukturen ist das Konzert (noch) nichts für Anfänger und es bietet den Solisten immer wieder die Möglichkeit, ihre Virtuosität unter Beweis zu stellen, sei es durch Läufe im Vivace des ersten wie auch im Adagio des zweiten Satzes, durch kurze (auskomponierte) Kadenzen im zweiten und insbesondere im melodiös-tänzerischen dritten Satz (Rondo). Der vorgelegte Klavierauszug ermöglicht auch die Umsetzung des Konzerts in kleinster Besetzung.

Anton Milling: Concerto in B-Dur für Englisch Horn und Streicher (Klavierauszug inkl. Solostimme), hrsg. von Benedikt Dreher, Edition Molinari, E 10,80, ISMN M-50062-123-2. Ebenfalls erhältlich: Partitur, Solostimme Englischhorn sowie die Einzelstimmen für Violine I und II, Viola und Bass 

Last but not least noch einige Worte zu einem Konzert in B-Dur für Englischhorn und Streicher eines gewissen Anton Milling, über den leider keine biographischen Daten bekannt sind, der sich aber anhand der Fundstellen seiner Handschriften im böhmisch-bay­erischen Raum verorten lässt. Von Milling sind außerdem zwei Parthien (B-Dur und C-Dur) für zwei Oboen, zwei Hörner und Fagott belegt sowie das – bereits in der Vergangenheit bei Molinari erschienene – Concerto in Es-Dur ebenfalls für Englischhorn und Streicher von 1780. Englischhornisten lässt dies mit Sicherheit aufhorchen, gibt es für sie doch kaum Sololiteratur aus der Zeit vor dem 20. Jahrhundert. So wenig auch über Milling bekannt ist – seine Concerti für Englischhorn gehören zu den ältesten und raren Konzerten für das damals oft noch als „Altoboe“ bezeichnete Doppelrohrinstrument. 

Die meisten Kompositionen für Oboe (und Englischhorn) stammten von Oboisten und auch Millings dreisätziges Concerto in B-Dur legt diese Vermutung nahe, so angenehm liegt es beim Spielen in den Fingern, was beispielsweise gleich der melodiöse erste Satz, ein Allegro moderato, zeigt. Das Konzert bewegt sich im Hauptklangbereich des Instruments, dem mittleren Register, und erfordert, obwohl kaum Zweiunddreißigstel vorkommen, mit seinen Läufen, Triolen, gebrochenen Akkorden und der (nicht auskomponierten) Kadenz am Ende des ers­ten Satzes Geläufigkeit. Davon ist auch der langsamere Mittelsatz in F-Dur nicht auszunehmen, der das Englischhorn anders als in späteren Epochen nicht lyrisch-elegisch einsetzt, sondern tänzerisch-neckisch. Diesen Charakter unterstützend und zusätzlich belebend wirken in allen drei Sätzen auch die immer wiederkehrenden und aufblitzenden Synkopen, für die Milling eine Vorliebe gehabt zu haben scheint. Eine – nicht nur für Englischhornisten – erfreuliche Entdeckung!

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