Über den Dächern des musikalischen Europa

Simone Dudt, Generalsekretärin des Europäischen Musikrats (European Music Council, EMC) im nmz-Interview


(nmz) -
2013 feiert der Europäische Musikrat ein Jubiläum, das im Vergleich zum Wagnerjahr einen geringeren Widerhall in der Medienlandschaft gefunden hat. Die nmz hat deshalb die Generalsekretärin dieses Dachverbandes europäischer Musikorganisationen, Simone Dudt, zum Gespräch gebeten. Die studierte Kulturwissenschaftlerin ist seit 2004 beim EMC, publizierte bereits diverse Artikel zum Thema europäische Kulturpolitik und ist außerdem Vizepräsidentin des europäischen Kulturnetzwerks „Culture Action Europe“.
Ein Artikel von Jörg Lichtinger, Simone Dudt

neue musikzeitung: Frau Dudt, der Europäische Musikrat (European Music Council, EMC) feiert in diesem Jahr gewissermaßen ein doppeltes Jubiläum, das Sie mit 40+10 umschreiben. Was verbirgt sich hinter diesen beiden Zahlen?

Simone Dudt: Der Europäische Musikrat geht zunächst auf die 1972 gebildete europäische Regionalgruppe des Internationalen Musikrates (International Music Council, IMC) zurück. Wir haben also die „40“ ein wenig großzügig ausgelegt. 1992 bekam diese Regionalgruppe dann den heutigen Namen European Music Council (EMC) und vor zehn Jahren (2003) wurde der Europäische Musikrat (EMC) als gemeinnütziger Verein beim Amtsgericht Bonn eingetragen. Wir sind allerdings nach wie vor die europäische Regionalgruppe des IMC und repräsentieren damit dessen europäische Mitglieder. In allen Regionalgruppen gibt es dabei eine Doppelstruktur: Einerseits sind die nationalen Musikräte Mitglieder, die selbst gleichzeitig auch Dachverbände auf nationaler Ebene sind und andererseits sind europäische Dachverbände Mitglieder, die sich um einen bestimmten Bereich der Musik kümmern, wie zum Beispiel die European Choral Association (Europa Cantat), die European Composer and Songwriter Alliance (ECSA) oder die Europäische Musikschulunion. Wir sind also ein Dachverband von europäischen Dachverbänden.

nmz: Wie gliedern sich die anderen Regionalgruppen des IMC?

Dudt: Es gibt außer der europäischen Gruppe auch noch eine afrikanische, eine für die drei Amerikas, eine für den arabischen Raum und gerade in der Entstehung befindet sich eine für den asiatischen und ozeanischen Raum. Jede Gruppe hat auch Vertreter im Vorstand des Internationalen Musikrates und alle Regionalgruppen stehen mit dem Dachverband (IMC) in regem Austausch. Die Generalsekretärin und der Präsident des IMC nehmen zum Beispiel immer an den Vorstandssitzungen des EMC und auch der anderen Regionalgruppen teil und umgekehrt. Im Hinblick auf die Zusammenarbeit zwischen den Regionalgruppen gibt es zum Beispiel gerade zwischen uns und dem afrikanischen Musikrat ein Kooperationsprojekt zur Stärkung des afrikanischen Musiksektors. Dabei werden afrikanische Musikmanager beziehungsweise Angestellte des Afrikanischen Musikrats nach Bonn kommen, um mehr über unsere Arbeitsweise zu erfahren, umgekehrt werden auch wir nach Afrika fahren, um zu schauen, wie dort die Abläufe sind. Gerade Afrika ist aus europäischer Sicht sehr interessant, weil dort Musikindustrie und der Non-Profit-/Bildungsbereich sehr viel näher beisammen liegen.

nmz: Das spiegelt die Zusammenarbeit auf der Funktionärsebene. Gibt es auch konkretere Projekte, wie beispielsweise das entsenden von Musikern in den Wirkungsbereich von anderen Regionalgruppen des IMC?

Dudt: Tatsächlich eher weniger, das fällt in den Aufgabenbereich unserer Mitglieder, die wie gesagt, ja meist selbst Dachverbände sind. Also wir sind nicht diejenigen, die im Rahmen von Projekten europäische Orchester oder Bands nach Afrika schicken würden. Was wir vielmehr machen, ist die Herstellung von Kontakten und die Weitergabe von Informationen. Wo finden beispielsweise afrikanische Organisatoren europäische Musiker, die sie vielleicht einladen wollen? Oder wo findet ein europäisches Festival afrikanische Musiker? Wir sind also eher eine Stelle, die Informationen verbreitet …

nmz: … und Netzwerke aufbaut?

Dudt: Sicher! Es kann durchaus sein, dass sich aus unseren Veranstaltungen Projekte konkret entwickeln, wie zum Beispiel 2012 das Projekt „Safar – Musik aus Afghanistan“ der Hochschule für Musik Weimar mit dem Afghanistan National Institute of Music. Die Initiatoren des Projekts haben sich auf unserer Konferenz, dem 4th IMC World Forum on Music, in Tallinn kennengelernt. Unsere Hauptaufgabe ist also nicht, europäische Musik zu exportieren, sondern, über unsere Konferenzen, unsere Website und unser Magazin  zu gewährleisten, dass unsere Mitglieder voneinander erfahren und jeder die Informationen bekommt, die er braucht.

Lobbyarbeit in Europa

nmz: Informationsaustausch, Netzwerke bilden sind also Hauptaufgaben des EMC. Wie steht es mit politischer Aktivität beim Europäischen Musikrat?

Dudt: Ja, das ist eine weitere Säule unserer Arbeit, die man mit dem ungeliebten Begriff „Lobbyarbeit“ umschreiben könnte. Also, Interessenvertretung der Musik auf europäischer Ebene. In den letzten Jahren haben wir uns unter anderem zusammen mit Culture Action Europe, einem anderen Dachverband, der alle kulturellen Bereiche umfasst, dafür eingesetzt, dass sich die EU bei der Entwicklung des Programms „Creative Europe“ – im ursprünglichen Entwurf sehr stark durch wirtschaftsliberale Sprache gekennzeichnet – wieder mehr auf kulturelle Vielfalt und interkulturellen Dialog besinnt. (Das EU-Kulturprogramm „Creative Europe“ läuft von 2014 bis 2020 und ist mit einem Budget von 1,46 Mrd. Euro ausgestattet, Anm. d. Red.)
Stammsitz Bonn

nmz: Wie darf man sich diese politische Arbeit vorstellen? Laden Sie EU-Politiker an Runde Tische oder agieren Sie mehr über Publikationen?

Dudt: Wenn Gesetzesentwürfe veröffentlicht werden, verfassen wir Positionspapiere und schicken die an EU-Parlamentarier. Im Idealfall stoßen wir damit bei Verhandlungsvertretern auf Interesse. Interessanterweise hat sich da allerdings auch der Weg über unsere Mitglieder in den verschiedenen EU-Ländern bewährt, die unsere Stellungnahmen übersetzen und damit direkt an die Politiker der jeweiligen Länder herantreten. Ein katalanischer Verband hat das beispielsweise gemacht und sich auf Grundlage eines unserer Papiere mit katalanischen EU-Abgeordneten ausgetauscht. Auch in Deutschland sind ja beispielsweise der Deutsche Kulturrat und der Deutsche Musikrat sehr gut mit der Politik vernetzt. Wir müssen uns da nicht hineindrängen, fungieren aber gerne als Richtungsweiser und Ideengeber.

nmz: Gibt es durch die räumliche Nähe zum Deutschen Musikrat in Bonn eine besonders enge Zusammenarbeit zwischen EMC und DMR? Vielleicht auch zum Missfallen von Mitgliedern in anderen europäischen Ländern?

Dudt: Naturgemäß funktioniert der Austausch mit dem DMR relativ gut, weil man sich jederzeit zusammensetzen und Dinge persönlich besprechen kann. Was die Mitglieder in anderen Ländern angeht, glaube ich nicht, dass es da Verstimmungen gibt, zumal die Mitglieder bei der Wahl des Vorstands des Europäischen Musikrats auf ein entsprechendes Gleichgewicht achten. Im Übrigen wissen natürlich auch alle Mitglieder, dass der EMC von der Bundesregierung finanziell unterstützt wird und es wird wohl auch ein leichter Überhang akzeptiert weil es natürlich ist, dass man in dem Land, in dem man seinen Sitz hat, ein bisschen stärker verwurzelt ist.

Finanzierung und Projekte

nmz: Wie steht es mit Brüssel? Sollten Sie als europäischer Musikverband nicht eher dort sitzen, um statt der kurzen Wege zum Deutschen Musikrat, die kurzen Wege nach Europa nutzen zu können?

Dudt: Ich finde es ganz gut, dass wir nicht in Brüssel sitzen, denn so können wir uns besser auf unsere Netzwerkarbeit konzentrieren. Auch verpassen wir nicht den kulturpolitischen Anschluss, da wir in Brüssel gut vernetzt sind: So sitzen einige unserer europäischen Mitgliedsverbände vor Ort und wir sind ja selbst Mitglied von Culture Action Europe, die haben ihren Sitz in Brüssel, sind sehr nahe an der Politik dran und kommunizieren auch sehr eng mit ihren Mitgliedern. Also, ich habe nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Und im Sinne eines europäischen Föderalismus sollte es doch wünschenswert sein, dass europäische Verbände auch in anderen Ländern Europas ihren Sitz haben.

nmz: Sie haben eben die Förderung durch die Bundesregierung angesprochen: Wie setzt sich Ihre Finanzierung denn generell zusammen?

Dudt: 46 Prozent unseres Etats werden aus EU-Mitteln gedeckt, die erwähnten Mittel des BKM (Beauftragter für Kultur und Medien der Bundesregierung) machen weitere 40 Prozent aus. Dann gibt es einen Mitgliedsbeitrag, den wir uns wegen der Doppelstruktur mit dem Internationalen Musikrat (IMC) teilen – wir sind eine große Familie und natürlich müssen die Mitglieder nur einmal bezahlen. Hinzu kommt noch ein kleiner Zuschuss der Stadt Bonn.

nmz: Wir haben gehört, die Arbeit des EMC ist überwiegend abstrakte Lobby- und Netzwerkarbeit. Aber ganz ohne Projekte kommt auch ein Dachverband von Dachverbänden nicht aus, oder?

Dudt: Richtig, obwohl wir auch hier wieder mehr als Koordinatoren denn als Veranstalter fungieren: „Make Music! Be Heard!“ ist ein Projekt zur Stärkung von Jugendpartizipation im Musikbereich. Dabei sollen junge Menschen (unter 30 Jahren) in Entscheidungsprozesse von Musikgremien eingebunden werden und Gelegenheit bekommen, sich an kulturpolitischer Arbeit zu beteiligen. Wir wollen natürlich möglichst viele EMC-Mitglieder motivieren, dabei mitzumachen und aktuell haben wir Projektpartner aus Belgien, Frankreich, England und  Deutschland. Dafür konnten wir im Rahmen des Projektes einen eigenen „Youth Day“ bei der EMC-Jahreskonferenz 2013 veranstalten, bei dem Themen, wie Jobchancen, Kommunikation, Bildung und Ausbildung behandelt wurden. Das Projekt greift außerdem das „Manifesto for Youth and Music in Europe“ auf , ein politisches Papier mit Vorschlägen dazu, was auf europäischer Ebene für Jugend und Musik getan werden soll. Im weiteren Projektverlauf geht es nun darum, das Papier zu verbreiten und beispielsweise einen Termin beim EU-Parlament zu bekommen, um es dort vorzustellen. Außerdem umfasst das Projekt ein „work shadowing“, bei dem jungen Leute eine Woche bei verschiedenen Musikorganisationen reinschnuppern können, um zu sehen, ob sie sich das später als Beruf vorstellen können. Sie sehen also, auch unsere Projekte haben weniger mit einmaligen Musikevents zu tun als mit dem Ziel, junge Menschen für Kulturpolitik zu interessieren und ihnen zu zeigen wie Kulturpolitik und Musikorganisationen funktionieren.

 Ausblick

nmz: Was ist vom EMC in naher Zukunft noch zu erwarten?

Dudt: Wir sind gerade dabei, die „Musik“ Europas an einen Tisch zu bringen, um die Frage zu stellen: „Welche Strategien brauchen wir, damit der europäische Musikbereich auch in 10 Jahren – noch oder wieder, je nachdem – gestärkt und ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Lebens ist?“ Das bedeutet für uns, wir müssen klären, welche politischen Herausforderungen sich uns da stellen, welche Punkte wirklich allen am Herzen liegen. Dazu haben wir bewusst Mitglieder und Nichtmitglieder geladen, denn wir wollen den Musikbereich als Ganzes am Tisch haben, wenn es um die Europäische Agenda für Musik geht, wie wir das Projekt nennen.

nmz: „Agenda“. Ein großes Wort! Frau Dudt, viel Erfolg bei der Entwicklung unserer musikalischen Zukunft und vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jörg Lichtinger

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