Umfrage der nmz zur Halbzeit der NNM-Projekte

Dresden


(nmz) -
Umfrage der nmz.
Ein Artikel von Ralf Lunau

1.    Welche konkreten Auswirkungen hatte das Projekt auf das städtische Musikleben?

Grundsätzlich bewirkt "KlangNetz Dresden", dass die Dresdner Musikinstitutionen im Bereich neuer Musik verstärkt zusammen arbeiten und damit an Nachhaltigkeit gewinnen. Konkrete Vorhaben wie das Projektensemble Klang Netz Dresden, die Chorwerkstatt für Neue Musik oder die Hellerauer Sommerakademie für experimentelles Musiktheater konnten von den Koordinierungsleistungen des Projektes profitieren. Durch die Projektstruktur entstand eine Kommunikationsbasis zwischen den Einrichtungen, die für Dresden eine neue Qualität darstellt.

2.    Wurde das Ziel, ein breites Publikum mit qualitativ hochwertiger Gegenwartsmusik anzusprechen, erreicht? Verstehen die Bürger Ihrer Stadt die Sprache der neuen Musik besser als vorher?

Die Akzeptanz der o. g. eigenen Netzwerkprojekte (d. h. der Veranstaltungen , die nicht als bereits bestehende Formate von mitwirkenden Einrichtungen eingebracht wurden) ist, allein gemessen an den absoluten Besucherzahlen, sicherlich noch nicht befriedigend. Ob damit ein Ziel erreicht oder verfehlt wurde, ließe sich nur an hand konkreter Zielgrößen messen. Außer Zweifel steht für mich, dass breite Publikumsschichten (im Sinne eines soziodemographischen Begriffes) der avancierten zeitgenössischen Musikproduktion nach wie vor neutral bis skeptisch gegenüber stehen beziehungsweise Veranstaltungsformate, die überwiegend diesem Genre gewidmet sind, eher meiden. Ausnahmen sind in Dresden bei Projekten zu verzeichnen, die konsequent einen interdisziplinären Ansatz verfolgen und dabei auch Elemente integrieren, die aus massengeprägten Musikgenres herrühren. Demgegenüber steht eine allgemeine Steigerung sowohl der Reputation als auch der zahlenmäßigen Aufführungen avancierter zeitgenössischer Musikwerke insbesondere im Programm der überregional agierenden Klangkörper, die vom Stammpublikum dieser Einrichtungen wahr- und überwiegend auch angenommen wird. Ob dies bereits zu einem besseren Verständnis dieser Musikform bei den Bürgerinnen und Bürger führt, entzieht sich meiner Beurteilungsfähigkeit.

3.    Inwieweit hat sich die Vernetzung Innerstädtischer/regionaler Netzwerke verbessert?

In diesem Punkt hat "Klang Netz Dresden" unbestritten positive Effekte für die Dresdner Musikszene hervorgerufen. Da in Dresden der Beginn des Projektes mit den Leitungswechseln einiger bedeutender Kulturinstitutionen zusammenfiel, konnten zum Teil Bestrebungen des Netzwerkes in die neuen inhaltlichen Konzeptionen der Einrichtungen integriert werden (und umgekehrt). Der Netzwerkeffekt stellt aus meiner Sicht eines der wesentlichsten Ergebnisse von "KlangNetz Dresden" dar.

4.    Werden Projekte und Konzertreihen weitergehen, wenn die Mittel der Bundeskulturstiftung entfallen? Welche Folgen gibt es (Nachhaltigkeit)?

Da der überwiegende Teil der Dresdner Veranstaltungen institutionell an bestehende Einrichtungen oder Ensembles gebunden ist, erscheint deren Fortsetzung grundsätzlich wahrscheinlich. Umfang und Qualität werden jedoch stark von der Frage abhängen, inwieweit es gelingt, innerhalb des Gesamtbudgets dieser Akteure auch nach Auslaufen der Bundesmittel entsprechende Freiräume bereitzustellen. Ob hier das Förderprojekt der Bundeskulturstiftung auch zu entsprechenden Schwerpunktsetzungen der künstlerischen Leitungen führt, bleibt abzuwarten. Die Landeshauptstadt Dresden wird den Bereich der zeitgenössischen Künste, der bereits im Kulturentwicklungsplan von 2008 fokussiert wurde, auch zukünftig fördern. Über die Höhe der einzusetzenden Finanzmittel muss im Rahmen der üblichen kommunalen Diskussions- und Entscheidungsprozesse befunden werden. Das "KlangNetz Dresden" ist gegenwärtig aufgefordert, ein Konzept zur Fortsetzung des Projektes über 2011 hinaus vorzulegen.

5.    Eine kurze Halbzeitbilanz? Was war gut; was ist verbesserungsbedürftig?

„KlangNetz Dresden" hat in den vergangenen zwei Jahren deutlich zur Sicht- bzw. Hörbarkeit der neuen Musik in Dresden beigetragen. Dass diese Fokussierung überwiegend Milieus und Szenen erreicht, die aufgrund soziodemographischer Merkmale bereits eine Affinität zum Genre erwarten lassen, ist eine Vermutung, welche der Überprüfung und gegebenenfalls Widerlegung bedarf. Der Effekt der Vernetzung zwischen Musikhochschule, Veranstaltern, Orchestern, Chören, freien Ensembles und anderen Akteuren ist signifikant und kann nicht hoch genug veranschlagt werden. Kritisch zu sehen ist die aus meiner Sicht nach wie vor sehr starke inhaltliche Konzentration des Terminus "zeitgenössische Musik" auf avancierte Kompositions- und Aufführungsmuster, die aus der Tradition klassischer Musik erwachsen sind. Vor dem Hintergrund des angesprochenen Akzeptanzproblems in breiteren Bevölkerungskreisen, aber auch der aktuellen europäischen kultur-, stadtentwicklungs- und wirtschaftspolitischen Debatte, welche zwecks Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft geführt wird, wäre zu überlegen, inwieweit sich das Netzwerk aktiv auch sogenannten populären zeitgenössischen Musikrichtungen öffnen kann. Hier liegt nach meiner Überzeugung ein Potential, das bislang aufgrund der Trennung zwischen E- und U-Musik gerade im zeitgenössischen Bereich viel zu wenig ausgeschöpft wird.
Insgesamt schätzt sich die Landeshauptstadt Dresden glücklich, als einzige Stadt in den östlichen Bundesländern, neben Berlin, ein von der Bundeskulturstiftung im Rahmen des "Netzwerkes Neue Musik" gefördertes Projekt zu beherbergen. Es ist zu wünschen, dass die Impulse, welche von "KlangNetz Dresden" ausgehen, zeitnah evaluiert und verstetigt werden können. Dresden wird dazu im Rahmen seiner Möglichkeiten seinen Beitrag leisten.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Ralf Lunau
 Bürgermeister

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