Unter dem Himmel von Los Angeles

Peter Sellars inszeniert in Paris die Oper „El Niño“ von John Adams


(nmz) -

Passender als mit dem Projekt „Bach 2000“ hätte das Jahrtausendende nicht begangen werden können, um umfangreich auch an den oft verloren gelaubten Moralkodex christlicher Prägung zu erinnern. Doch der missionarisch-religiöse Eifer ist bis in die Musik des 20. Jahrhunderts hinein nie ganz ausgeblendet worden. Sei es nun im Spätwerk Igor Strawinskys oder Franz Schmidts, dessen Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“ erst kürzlich durch Nikolaus Harnoncourt beeindruckend rehabilitiert worden ist. Oder bei Olivier Messiaen mit seiner „Franziskus“-Oper und in György Ligetis Apokalypsen-Fantasie „Le Grand Macabre“, die zu den jüngeren, wenngleich unterschiedlichen Musiktheater-Prozessionen gehören. Und denen sich auch Peter Sellars bereits angenommen hat. Hier als ein reduziertes Regie-Gebet, dort über surrealistische Regie-Ingredienzen.

Ein Artikel von Guido Fischer

Passender als mit dem Projekt „Bach 2000“ hätte das Jahrtausendende nicht begangen werden können, um umfangreich auch an den oft verloren gelaubten Moralkodex christlicher Prägung zu erinnern. Doch der missionarisch-religiöse Eifer ist bis in die Musik des 20. Jahrhunderts hinein nie ganz ausgeblendet worden. Sei es nun im Spätwerk Igor Strawinskys oder Franz Schmidts, dessen Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“ erst kürzlich durch Nikolaus Harnoncourt beeindruckend rehabilitiert worden ist. Oder bei Olivier Messiaen mit seiner „Franziskus“-Oper und in György Ligetis Apokalypsen-Fantasie „Le Grand Macabre“, die zu den jüngeren, wenngleich unterschiedlichen Musiktheater-Prozessionen gehören. Und denen sich auch Peter Sellars bereits angenommen hat. Hier als ein reduziertes Regie-Gebet, dort über surrealistische Regie-Ingredienzen.Nicht lange musste er jetzt auf das Abschluss-Tableau für sein eklektizistisches Bibel- Triptychon warten. Geliefert wurde es von John Adams, der seinen selbstverliebt bastelnden Kollegen aus dem Minimalismus-Kolleg schon immer gerne herzerfrischend auf der Nase rumtanzt. Und der erfolgreich mit den Opern „Nixon in China“ und „Death of Klingelhoffer“ den langen Atem seiner weit reichenden Doppelbödigkeit und Vielfarbigkeit demonstrierte.

Ganz so munter geht es aber in dem Zwei-Akter „El Niño“ („Die Geburt“) nicht zu, der im Pariser Théâtre du Châtelet uraufgeführt wurde. Schließlich dreht sich alles um die Mütter dieser Welt, für die stellvertretend niemand anders als Maria herhalten muss. Weshalb auch das Libretto aus der Rippe des Neuen Testaments geschnitten wurde, angereichert von Mythenschreibungen von unter anderem Hildegard von Bingen, altenglischen Mystikern und der mexikanischen Schiftstellerin Rosario Castellanos. 2.000 Jahre Menschheits-, genauer: Frauengeschichte also, in denen das Familienglück oft genug mit Füßen getreten worden ist.

Was lag da näher, als die Legende von Maria und Joseph in ein Roadmovie von heute zu verpacken. Wobei Adams und Sellars nur ihre kalifornische Haustür zu öffnen brauchten, um genügend Wind vom alltäglichen Straßenkampf zu bekommen. Auf einer Filmleinwand erzählen sie dann die Geschichte von einem Latino-Paar, das die Frucht ihrer Liebe in einem schäbigen Hinterhof zur Welt kommen lassen muss. Um dann Highway und Strand zu ihrem Zuhause zu machen. Begleitet von einer kleinen Freak-Gemeinde und drei Cops in der Rolle der Hirten, die am liebsten entrückt den Sternenbahnen folgen. Wenn sie nicht gerade voller Pathos ein Tränchen verdrücken. Das ist die photogen abgelichtete Wirklichkeit. Die Kunst spielt sich hingegen auf einer Bühne ab, auf der mit geringstem inszenatorischem Aufwand der entsprechende Soundtrack geliefert wird.

Die in Freizeitkleidung gewandete Dawn Upshaw wechselt sich mit Lorraine Hunt-Lieberson in der Rolle der Maria ab, während Willard White in Jeans und muskelbetonendem T-Shirt der fürsorgende Joseph wie der bärbeißige Herodes ist. Da aber der Aktionsradius dieser unterforderten Sängertrias auf die reine Kommentierung eingeengt ist, bietet ein Modern-Dance-Trio unendliche Bewegungsfluten. Als ein Werden und Vergehen choreografiert, mal in einer ausgedörrten Landschaft plaziert, mal als Bühnenfüller. Oder gleich als synchroner Pas de Six.

So harmlos das alles ist, so frappant ist die Halbwertzeit der Partitur. Natürlich kann Adams nicht umhin, mit Motiven aus der Gregorianik und ein bisschen Fugen-Rhetorik den Bogen ins Gestern zu schlagen. Aber von seiner bisweilen aus der Ferne aufgesuchten Nähe zu Charles Ives ist nichts mehr zu hören. Stattdessen macht Adams nur gepflegte Miene zu diesem Krippenspiel made in USA.

Das Vokale überlebt nur knapp die Überdosis an strahlender Emotion und elegischer Anmut. Das Deutsche Symphonie-Orchester muss derweil die oft atemlos dahinziehenden Repetitionen, den bis auf den letzten Tropfen ausgepressten Melodiensaft und die wenigen Jazz-Sidesteps neu sortieren. Was unter seinem Chefdirigenten Kent Nagano wenigstens in eine versöhnliche Transparenz mit Rückgrat umschlägt. Dieser Statur fehlt es Sellars hingegen auf ganzer Linie, kommt die politische Brisanz doch kaum über das Niveau eines noch nicht mal herzerwärmenden Sozio-Kitsch-Musiktheaters hinaus. Bis in das Finale hinein, wenn Sellars seinen letzten Hoffnungsschimmer mit einem leicht bekleideten Mädchen-Chor formuliert. Auf dass diese jungfräulichen Knospen als potenzielle Mütter von morgen eine etwas rosigere Zukunft erwarten möge. Amen.

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