unüberhörbar 2018/02

Carl Schuricht dirigiert, Milica Djordjevíc, Boris Bergmann


(nmz) -
Carl Schuricht dirigiert (Schumann, Delius, Grieg, Pfitzner u.a.). Urania Records (2 CDs) +++ Andreas Hammerschmidt: Chor-Music auf Madrigal-Manier. Ensemble Polyharmonique, Alexander Schneider. Querstand +++ Milica Djordjevíc: rocks – stars – metals – light. col legno +++ Boris Bergmann: Sonate 1, Sonate 3 „Hölderlin“ u.a.; Alexander Scriabin: 24 Préludes op. 11, Etüde Es-Dur op. 42 / Nr. 8, 5 Préludes op. 74. Boris Bergmann, Klavier. SAMM (2 CDs)
Ein Artikel von Andreas Kolb, Hanspeter Krellmann, Mátyás Kiss, Wolf Loeckle

Carl Schuricht dirigiert (Schumann, Delius, Grieg, Pfitzner u.a.). Urania Records (2 CDs)

Von den großen Dirigenten der Vergangenheit, zu denen Carl Schuricht gehörte, wird heute mancher kaum noch genannt. Schallplatten von ihm erschienen labeldezentral. Sie waren ausgerichtet auf sein von Beet­hoven bis Mahler reichendes Kernrepertoire, angereichert mit, von diesem abweichend, randständigen Werken. Die neue Doppel-CD italienischer Herkunft beleuchtet das eindrucksvoll. Unkonventionell, zugleich strikt werk­nah orientiert, gelangen Schurichts Darstellungen ausnahmslos. Nichts aus seiner Hand blieb vage, alles war vom Stempel des „so und nicht anders“ geprägt. Weniger Geschätztes (siehe die Ouvertüren von Pfitzner oder Grieg) erfuhr Belebung und damit Gerechtigkeit. Hier wird es hörbar. [Hanspeter Krellmann]

Andreas Hammerschmidt: Chor-Music auf Madrigal-Manier. Ensemble Polyharmonique, Alexander Schneider. Querstand

Schon durch die Einspielungen von Gli Scarlattisti (Carus) dämmerte einem, dass sich die auf Schütz folgende Generation deutscher Vokalkomponisten nicht in Weckmann und Rosenmüller erschöpft, sondern ihnen unbedingt Andreas Hammerschmidt an die Seite gestellt werden muss. Diese Auswahl des mit sechs Stimmen schlank, aber ausgewogen besetzten Ensembles Polyharmonique kommt einem flammenden Plädoyer für den „Orpheus von Zittau“ gleich, dessen 1652/53 gedruckten Motetten in Form geistlicher Madrigale Heinrich Schütz wohl kaum zufällig die besten Zeugnisse ausstellte. Würde Kirchenmusik bloß immer so rein intoniert und stimmschön, dazu ausdrucksvoll und textverständlich gesungen! [Mátyás Kiss]

Milica Djordjevíc: rocks – stars – metals  – light. col legno

Nach all dem Serialismus und Konstruktivismus und all den musique concrète-Erneuerungen samt all der folgenden elektronischen wie computerisierten Einspeisungen und Zuspielungen wiederholt sich doch manches an Klangerzeugung via tradiertem Instrumentarium. Aktuell neu sind Rückschlüsse aufs Tonale – allerorten. Die knappe Mittdreißigerin Milicia Djordjevic aus Belgrad hat mit solchen Machenschaften wenig bis nix am Hut. Ihre Mikrotonalitäten samt rhythmischer Vertracktheiten entwickeln sich stringent unter Vortragsbezeichnungen wie „hysterisch“, „hektisch“, „rau und gemein“, „spasmisch“ auf unverwechselbare Höhepunkte zu. Kein Wunder auch bei Interpreten wie ensemble recherche, MKO, Armida Quartett, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Peter Rundel. Da blitzt manch Neues auf… [Wolf Loeckle]

Boris Bergmann: Sonate 1, Sonate 3 „Hölderlin“ u.a.; Alexander Scriabin: 24 Préludes op. 11, Etüde Es-Dur op. 42 / Nr. 8, 5 Préludes op. 74. Boris Bergmann, Klavier. SAMM (2 CDs)

Spätromantisch vernebelt, viel Pedal, pastoser Klang? Eben nicht! Der Pianist Boris Bergmann nähert sich den Préludes von Alexander Scriabin völlig anders als erwartbar wäre. Er verwendet einen historischen Schwechten-Flügel von 1910, zieht mit dessen Hilfe der landläufigen Scriabin-Klangvorstellung die Patina vom Klangkörper und verleiht ihr schlanke, transparente Klanggestalt. Dafür dass Scriabins Musik nicht ganz ihr Geheimnis verliert, sorgt allein schon Bergmanns unorthodoxe Nachteinspielung: in quasi improvisatorischer Aneignung verleiht er der Musik des russischen Avantgardisten mehr Authentizität als manche historisierende Einspielung. Auf einer zweiten CD stellt der Pianist eigene Werke vor, die er mittels eines speziellen Verfahrens – nämlich des intuitiven Komponierens und der Rücktransformation improvisierter Klanggestalten in Notentext – gewinnt. Zwei Jahre vor dem 250. Geburtstag des Dichters Friedrich Hölderlin ist seine Sonate Nr. 3 „Hölderlin“ allein schon durch ihre Machart ein kleiner, aber feiner Instrumentalkommentar zur sicher bald ansteigenden Zahl von Veröffentlichungen mit zeitgenössischen Hölderlin-Vertonungen. [Andreas Kolb]

 

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