Von „Musikmachern“ und „Klang-Entwicklern“

Die zweiten Filmmusiktage in Halle standen unter dem Motto „Ich brauche keine Millionen“


(nmz) -
Ein derartiges Motto könnte zu Missverständnissen führen, gäbe es da nicht auch noch die Unterzeile: „80 Jahre deutscher Tonfilm“. Und da viele Zeitgenossen noch wissen, wie die Zeile mit den „Millionen“ weiter geht, ist der Bezug bald wieder hergestellt: „...ich brauche weiter nichts als nur Musik! Musik! Musik!“ Ein kleines, schönes Beispiel für „Kino im Kopf“ ist dies, zumal Musik in der Tat seit den Kindertagen des Kinos das entscheidende illustrative Element des Kinos ist: von der Gefühle suggerierenden Begleitmusik des noch stummen Films über den Einsatz von Musik um ihrer selbst Willen im frühen Tonfilm der Weimarer Republik ab 1929 bis hin zum technisch ausgereiften Sounddesign neuzeitlicher Kinoproduktion.
Ein Artikel von Jens-Uwe Völmecke

Die Tatsache, dass eine solche Tagung überhaupt stattfinden kann und darüber hinaus auch noch reichlich Zuspruch, nicht nur aus der Fachwelt, sondern auch von Seiten allgemein kulturell interessierter Kreise erhält, ist ein eindrucksvoller Beleg für ein verändertes kulturgeschichtliches Bewusstsein. Unterhaltungskultur ist immer auch ein spannendes Stück Zeitgeschichte. In plastischer und sinnlicher Form aufbereitet, geht gerade von so einem audiovisuellen Thema eine einzigartige Faszination aus. Man erkennt sehr schnell, dass ohne die Pionierleistungen (und Fehler) der Vergangenheit eine Zukunft gerade in diesem kulturellen Segment nur schwer möglich wäre.

Drei Tage lang, vom 30. Oktober bis zum 1. November, standen der Kinosaal im Mitteldeutschen Mediazentrum (MMZ) und das Opernhaus in Halle unter dem Bestreben, die im Verlauf von 80 Jahren eingetretene Entwicklung von der frühesten Tonfilmtechnik bis zu den technischen Möglichkeiten der Neuzeit plastisch darzustellen, ihre Chancen und Auswüchse zu diskutieren und retrospektivisch wie perspektivisch einzuordnen.

Um dieses Ziel zu erreichen, folgten die Veranstalter, die eine Reihe von namhaften Referenten aufgeboten hatte, durchaus einer gewissen Dramaturgie. Der erste Tag war der Retrospektive gewidmet.

Nach einer charmanten musikalischen Eröffnung durch die Sängerin Julia Preußler und einer richtungsweisenden Begrüßung durch Georg Maas vom Institut für Musik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ging es mit einem Vortrag von Klaus Doldinger gleich ins Zentrum des Themas. Doldinger berichtete aus seiner langjährigen Erfahrung als Filmkomponist und über die Anfänge des modernen Sounddesigns aufwendiger Kinoproduktionen, die er nicht nur miterlebt, sondern auch entscheidend mitgestaltet hat.

Weitere Referate führten zurück in die Anfangsjahre des deutschen Tonfilms, in der mit primitiven technischen Mitteln allein durch den Erfindungsreichtum der Macher erstaunliche musikalische Effekte erzielt werden konnten. Filmkomponist Günther Fischer berichtete in seinem Vortrag „Von der DEFA zum internationalen Filmgeschäft“ über seine Anfänge als Filmkomponist in der ehemaligen DDR und welchen Nutzen er aus seinen Erfahrungen der Vergangenheit für seine heutigen Arbeiten ziehen kann. Redakteur Gerd Naumann referierte über den Filmkomponisten Peter Thomas, dessen Musik für Edgar-Wallace-Verfilmungen in den 60er-Jahren für Aufsehen sorgte und zum Tagesabschluss legte der Musikwissenschaftler Christian Schmidt-Banse noch mit satirisch-ironischer Eloquenz den Finger in die Wunde, indem er Sinn und Unsinn beim Einsatz von Musik und Geräuscheffekten auseinander dividierte. „Warum Filmmusik meistens falsch ist und wie sie (vielleicht) richtig sein könnte“, dieses Thema zog sich bis in die abschließende Podiumsdiskussion hinein, an der noch einmal alle Referenten des Tages teilnahmen.

Der zweite Tag war fast ausschließlich dem modernen Sounddesign und seinen Möglichkeiten gewidmet. Reichhaltig und Abwechslungsreich war auch hier die Auswahl der Referenten: „Von der Vision des Filmsoundtracks aus einem Guss“ über „Klangkunst Kino“ und „Musik vs. Sound-Design“ über die „Kunst des Geräuschemachens“, „Musik und Filmmischung“ bis hin zur audiovisuellen Montage reichte das Themenspektrum, das von Referenten wie Michel Chion aus Frankreich, Ulrich Reuter, Manuel Laval, Matthias Schwab und J.U. Lensing abgedeckt wurde.

Den musikalischen Schlusspunkt unter den spannenden Tagungsmarathon setzte am 1. November die Staatskapelle Halle. Unter der musikalischen Leitung von Bernd Ruf erklang Filmmusik aus 80 Jahren deutscher Filmgeschichte mit Kompositionen von Heymann, Holländer und Mackeben, Doldinger und Böttcher, Eisler und Sasse sowie von Enjott Schneider und Günther Fischer, die beide persönlich anwesend waren. Letzterer ließ es sich nicht nehmen, bei seinen eigenen Werken persönlich zum Saxofon zu greifen und auf die Musik zu improvisieren. Mit Peter Kreuders „Ich brauche keine Millionen, mir fehlt kein Pfennig zum Glück“, gesungen von Eva Mattes, schloss sich der dramaturgische Bogen der gesamten Veranstaltung. Das Publikum spendete besonders den alten, vertrauten Melodien reichlich begeisterten Applaus.

Beim anschließenden Künstlerempfang würdigte Schirmherr Rainer Robra, Chef der Staatskanzlei des Landes Sachsen-Anhalt, noch einmal das Engagement der Initiatoren und stellte eine Fortsetzung auch für 2010 in Aussicht.

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