Wahrhaftigkeit in den Wechselfällen der Zeit

Das Karl-Amadeus-Hartmann-Jahr als Chance für überfällige Anerkennung ·


(nmz) -

Karl Amadeus Hartmann wurde am 2. August 1905 geboren. Sein Geburtstag fällt kalendarisch zwischen die Saisonprogramme. Das hatte zur Folge, dass in der Konzertreihe der Musica Viva des Bayerischen Rundfunks das Jubiläumsjahr ihres Gründers musikalisch bereits im Oktober 2004 mit der Aufführung seiner ersten Symphonie, „Versuch eines Requiems“ (1935/1950) eröffnet wurde. Gleich im Januar 2005 standen dann bei den Münchner Philharmonikern unter Ingo Metzmacher die 2. und 6. Symphonie auf dem Programm, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Mariss Jansons am Pult brachte die „Gesangsszene zu Worten aus ‚Sodom und Gomorrha‘ von Jean Giraudoux“ zur Aufführung. Es ist Hartmanns letztes Werk, das gleichsam den Platz seiner 9. Symphonie einnimmt und bis auf wenige Schlusstakte unmittelbar vor seinem Tod am 5. Dezember 1963 vollendet wurde.


Damit war zu Beginn des Gedenkjahrs das symphonische Schaffen des Komponisten rich- tungsweisend in den Mittelpunkt gestellt. „Die Projektionsebene des Symphonischen ist das eigentliche Medium von Hartmanns Komponieren“, hält Ulrich Dibelius in dem Programm-Buch fest, das die Veranstaltungen zum Hartmann-Jahr in Bayern begleitet und zusammenfasst. Einzelne Symphonien – die erste, die zweite oder die vierte Symphonie für Streichorchester – kommen mehrfach zur Aufführung, doch leider vermisst man die Achte, deren Uraufführung unter Rafael Kubelik der Komponist im Januar 1963 noch erleben durfte.

Programmakzente

Von den Möglichkeiten des Musiktheaters – seines zweiten Schaffensschwerpunkts – war Hartmann sein Leben lang fasziniert. Zu den Arbeitsplänen seiner letzten Jahre gehörte auch die Suche nach einem Libretto für eine neue Oper. Sein erster jugendlicher Geniestreich für die Bühne aus den Jahren 1929/30, das „Wachsfigurenkabinett“ hat bereits in den ersten Februartagen des Hartmann-Jahres Premiere (Hochschule für Musik und Theater München, Reaktorhalle). Von seinem szenischen Hauptwerk „Simplicius Simplicissimus“ liegen zwei Versionen vor, die ursprüngliche Fassung als Kammeroper von 1934/35 und die Umarbeitung aus dem Jahr 1956. Die Bayerische Staatsoper eröffnet die Münchner Opernfestspiele 2005 mit einem einmaligen Gastspiel der gefeierten Stuttgarter Inszenierung des Werkes. Dem Münchner Rundfunkorchester ist es zu danken, dass man sich zum Beschluss des Hartmann-Jahres in einer konzertanten Aufführung dann ein weiteres Mal mit der Partitur in ihrer Originalgestalt auseinandersetzen kann. Bedauerlich ist, dass die Staatsoper sich nicht dazu entschließen konnte, die spätere, größer besetzte Fassung als Neuinszenierung in ihren regulären Spielplan einzubeziehen.

Die attraktiv gestaltete Programm-Publikation, die im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst von Franzpeter Messmer herausgegeben wurde, evoziert mit sprechendem Bildmaterial die Lebenswelt des Komponisten. Über den Nachweis der Veranstaltungen hinaus werden in knappen Beiträgen kompetenter Autoren die Schwerpunkte des Werks, die Grundzüge der menschlichen und künstlerischen Persönlichkeit Hartmanns und ihrer Verankerung im politischen und ästhetischen Umfeld seiner Zeit dargestellt. Dank eines Werk- und Personen-Registers sind die gewünschten Auskünfte leicht aufzufinden. (Der Nachweis der Veranstaltungen gibt den Stand vom 1. September 2004 wieder, Ergänzungen werden unter www.karlamadeushartmann.com nachgetragen.)

Im zurückliegenden Jahrzehnt kam es in Bayern zu einer Abfolge großer Gedenktage von sehr unterschiedlichen Komponisten-Persönlichkeiten. Mit Carl Orff wurde 1995 der Reigen begonnen, 1996 folgte der 50. Todestag von Richard Strauss, 1997 war Werner Egk an der Reihe. Das Ministerium gab jeweils Jahre zuvor den Anstoß zur Koordination der geplanten Aktivitäten. Im Falle von Karl Amadeus Hartmann ging die Initiative von einem Gedenkabend aus, der im Dezember 2001 vom Orff-Zentrum München für den Komponisten veranstaltet wurde.

Publikationen

Zum Herbstbeginn 2004 lag auch der von Ulrich Dibelius angeregte und herausgegebene Aufsatzband „Karl Amadeus Hartmann, Komponist im Widerstreit“ vor. Mit dem zeitlichen Vorsprung wollte der Herausgeber deutlich machen, dass diese Ehrengabe zum 100. Geburtstag des Komponisten über den unmittelbaren Anlass hinausreichen soll. Dibelius geht es darum, „das Missverhältnis zwischen der relativ jungen allgemeinen Anerkennung des Komponisten und einer fachlich schon länger erprobten Wertung endlich auszugleichen“.
Tatsächlich kann der Aufsatzband mit neuen Beiträgen von fast all jenen Autoren und Autorinnen aufwarten, die sich in den letzten Jahrzehnten im Diskurs um Hartmanns Persönlichkeit und Werk profiliert haben: Andreas Jaschinski, Andrew McCredie und Barbara Zuber zu den Symphonien Hartmanns, Hanns-Werner Heister zu den konzertanten Werken, Rüdiger Behschnitt zum „Simplicius Simplicissimus“, Christoph Lucas Brehler zum Frühwerk und Egon Voss zu Hartmanns Kammermusik. In zwei Beiträgen stehen zeitgeschichtliche Themen im Vordergrund. Hartmut Lück untersucht „Politik als Hintergrund und Motiv“ in Hartmanns Komponieren, Barbara Haas geht dem „nicht immer ganz unproblematischen Verhältnis“ zwischen Orff, Egk und Hartmann nach. Im letzten Aufsatz dieses auch typographisch vorzüglich angelegten und zur Lektüre einladenden Bandes führt Ulrich Dibelius seine in den frühen sechziger Jahren begonnene, grundlegende Deutung des Werks seines Komponistenfreundes weiter: „Musik als Selbstzeugnis, Hartmanns gelebte und komponierte Wirklichkeit.“

Diesen Aufsätzen sind unter dem Titel „Über mich selbst und meine Arbeit“ Auszüge aus den autobiographischen Texten Hartmanns vorangestellt. Sie sind den erst nach seinem Tod veröffentlichten „Kleinen Schriften“ entnommen, die seit langem vergriffen sind und offenbar nicht einmal in diesem Jahr mit einer Neuausgabe rechnen dürfen. Zwei weitere Dokumente, ein Interview mit Elisabeth Hartmann, seiner Gattin, aus dem Jahr 1994 und Erinnerungen seines Sohnes Richard Hartmann, „Mein Vater und mein Onkel, der Maler“, ergänzen die Selbstdarstellung des Komponisten.

Es ist kein Zufall, wenn die Hartmann-Monographie von Andrew McCredie von 1980 auch in der erweiterten Neuauflage zum 100. Geburtstag des Komponisten die zeitgeschichtliche Kapitel-Einteilung beibehält. Die Jahre 1933 und 1945 bezeichnen die entscheidenden Wendepunkte sowohl für das Schaffen des Komponisten wie für das Leben von Karl Amadeus Hartmann. „Der seltenen Übereinstimmung von Denken und Handeln im Leben entspricht ein Werk von außerordentlicher Geschlossenheit und Einheitlichkeit“ (Dibelius).

Verwirklichung des Humanen

Eine andere Eigenschaft, die damit in unmittelbarem inneren Zusammenhang steht, heißt künstlerische Wahrhaftigkeit. „Privatim wirkte Hartmann gemütvoll, behaglich, friedlich. Und keineswegs aggressiv fundamentalistisch. Dafür jedoch schien Hartmanns Kunst geprägt von hoher, ungefälliger, bei nichts und niemandem sich anbiedernder Wahrhaftigkeit“, so Joachim Kaiser in seinem Geleitwort zu einer weiteren neuen Publikation, die Barbara Haas unter dem Titel „Zeitzeugen und Dokumente“ vorgelegt hat.

Als menschliche und künstlerische Erscheinung geht von Karl Amadeus Hartmann eine starke Anziehungskraft aus. Wobei es gleichgültig ist, ob man ihn noch persönlich gekannt hat oder ihm erst jetzt als einer historischen Größe, wenn auch aus kurzer zeitlicher Distanz gegenübertritt. So hat der Komponist unsere ungeteilte Sympathie als ein bewundernswerter Vertreter jener offenbar nicht überwältigend zahlreichen Gruppe der „Früherkenner“, die sich um 1933 nicht blind stellten und überdies bereit waren, die entsprechenden Konsequenzen aus ihren Einsichten zu ziehen.

Wie nützlich wäre es, wenn jene Persönlichkeiten insgesamt vermehrt in das Blickfeld der Zeithistoriker gerieten. Wobei es weniger darum ginge, gleichsam in einem nachträglichen Prozessverfahren zu untersuchen, wie lupenrein sie sich in ihrer Haltung jederzeit bewährt haben, als vielmehr die persönlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen nachzuvollziehen, die ihnen den Durchblick ermöglicht haben. Damit könnte ein aufschlussreicher Beitrag zur Erhellung der „condition humaine“ geleistet werden. Denn schließlich geht es ja um die Geschichte von Menschen. Die unumgänglichen Relativierungen, wie sie die Zeitgeschichte zu Tage fördern muss, vermögen deshalb auch nicht die Lebensleistung oder gar die künstlerische Größe eines Karl Amadeus Hartmann zu beeinträchtigen.

Primat der Musik

„Größe eines Künstlers ist Aufbau einer inneren Welt, und das Vermögen, diese innere Welt an die äußere zu vermitteln. Beides gehört zusammen, keins ist denkbar ohne das andere.“ Diese Sätze – sie könnten von Karl Amadeus Hartmann stammen – legt Alfred Einstein (ein Cousin des Physikers) in seinem immer wieder lesenswerten Essay „Größe in der Musik“ den „inneren Bedingungen der Größe“ zu Grunde. Tatsächlich gilt diese Maxime für Hartmanns künstlerisches Schaffen insgesamt. Am deutlichsten fassbar ist sie vielleicht gerade dann, wenn Hartmann – höchst reflektiert und mit größter Folgerichtigkeit – im Verlauf des ersten Jahrzehnts nach 1945 daran geht, viele seiner Kompositionen aus der Zeit der äußeren Verweigerung und inneren Emigration umzuarbeiten. „Wenn meine Musik in letzter Zeit oft Bekenntnismusik genannt wurde, so sehe ich darin nur eine Bestätigung meiner Absicht. Es kam mir darauf an, meine auf Humanität hinzielende Lebensauffassung einem künstlerischen Organismus mitzuteilen“ (1955, Autobiographische Skizze).

Wenn sich der Komponist, wie sein Sohn berichtet, in den letzten Lebensjahren entschieden dagegen verwahrt haben soll, sein Werk auf den Begriff von „Bekenntnismusik“ festlegen zu lassen, so wird man das wohl als eine Warnung zu verstehen haben, die Aussage seiner Kompositionen vorschnell oder gar doktrinär auf bestimmte Inhalte oder Ausdruckskategorien einzuengen. Hartmann setzte sich gegen jede Form von „Vereinnahmung“ zur Wehr. Wie viel an seinem Werk – bei aller Eindeutigkeit seiner Botschaft – offen bleibt, ja Geheimnis sein darf, das belegt auf ihre Weise auch die angestrebte und für sich einnehmende „Mehrstimmigkeit“ des genannten Aufsatzbandes, der auch darin seinem Untertitel „Ein Komponist im Widerstreit“ gerecht wird. Letztlich kann es ja bei allem begrifflichen Argumentieren nur darum gehen, das Hören anzuregen und zu vertiefen. Der Komponist wollte, dass er in seinem Eigentlichen wahrgenommen wird. Es ist die Partitur, die dem Hörer und dem Interpreten unmittelbar Stand zu halten hat. Oder wie es Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht „In memoriam Karl Amadeus Hartmann“ ausgesprochen hat: „Zuviel übersehen und überhört. Die Partitur allein kennt / die Fermate.“

Karl-Amadeus-Hartmann-Jahr 2005 in Bayern. Hg. v. Franzpeter Messmer. C. Hartmann Verlag, München 2004, € 4,95; zu beziehen über den C. Hartmann Verlag unter Tel. 089 / 69 36 56-0; Fax: 69 36 56-56
Ulrich Dibelius (Hg.): Karl Amadeus Hartmann. Komponist im Widerstreit, Bärenreiter, Kassel , gebunden, 347 S., ISBN 3-7618-1782-7, € 29,95
Andrew McCredie: Karl Amadeus Hartmann, Leben und Werk. 2., vollständig erweiterte und verbesserte Auflage, Florian Noetzel, Wilhelmshaven, Paperback, 334 S., ISBN 3-7959-0297-5, € 25,-
Barbara Haas: Karl Amadeus Hartmann (1905-1963). Zeitzeugen und Dokumente. Zum 100. Geburtstag des Komponisten, Florian Noetzel, Wilhelmshaven, Paperback, 334 S. mit 1 CD: Zeitzeugen erinnern sich, ISBN 3-7959-0841-8, € 44,-,
Ein Hartmann-Kapitel enthält auch das erstmals 2000 auf englisch erschienene Buch des Zeithistorikers Michael Kater: Komponisten im Nationalsozialismus. 8 Porträts. Parthas, Berlin, gebunden, 494 S., ISBN 3-936324-12-3, € 38,-

Ausstellungen
29.7.–30.11. Münchner Stadtmuseum: „Gegenaktion“
7.9.–28.10. Bayerische Staatsbibliothek: „Der Komponist und sein Werk“

Hartmann-Gesellschaft
Im Vorfeld der Hartmann-Nacht wird auch die neu gegründete Karl Amadeus Hartmann-Gesellschaft mit einer großen Veranstaltung an die Öffentlichkeit treten (Musikhochschule München, 5. Februar, 16.00 Uhr). Eines ihrer ersten Projekte ist die im Januar eröffnete Ausstellung im Goethe-Institut Rotterdam, die dann nach Berlin und Dresden weiterziehen wird. Geplant sind außerdem Publikationen und langfristig auch Forschung und Dokumentation in eigenen Räumen. Neben Udo Zimmermann als Präsident gehören der Gesellschaft unter anderem Wolfgang Rihm und Hans Werner Henze an. Ansprechpartner ist Geschäftsführer Christoph Lucas Brehler (Tel. 069/69 53 56 04, cbrehler@hotmail.com). Sitz der Gesellschaft: Franz-Joseph-Str. 20, 80801 München.