Was unerreichbar war, ganz nah

Musik für den Parteitag und den bunten Abend


(nmz) -
Ginge es allein nach den Vorstellungen der Regierungsparteien, so hätte sich das Thema Musik auf Parteitagen schnell erledigt. Sie würden traditionell nur die Nationalhymne zum Abschluß spielen, erklärt der Referent der CDU (der betont, für derlei Fragen nicht zuständig zu sein). Allenfalls den anschließenden bunten Abend lasse man sich musikalisch noch ein wenig untermalen. Im übrigen aber, und da wird er auch gleich pampig, verstehe er überhaupt nicht, warum ihm diese Fragen eigentlich gestellt werden. Dabei gibt es seit geraumer Zeit gute Gründe für die Koalition, dem Thema mit ein wenig mehr Interesse zu begegnen. Spätestens seit dem außerordentlichen Parteitag der SPD am 17. April, auf dem Gerhard Schröder offiziell zum Kanzlerkandidaten gekürt wurde, scheint der Gebrauchswert von Musik für die Gestaltung von Parteitagen enorm gestiegen.
Ein Artikel von Christine Hohmeyer

Die SPD hatte an diesem Tag versucht, ihre Wandlung zu einer Partei der neuen Mitte ästhetisch zu beschleunigen – mit einer bis ins Detail regulierten Gameshow („Die Besten soll´n gewinnen“), mit Reden, Licht und Musik. Alles an diesem Tag war inszeniert, der Einmarsch von Schröder und Lafontaine mit einer von Peter Richter eigens komponierten Hymne unterlegt („We are ready to go“), der Aufritt der Potentaten mittels einer strikten Choreographie geregelt („Winken bis zum Ende der Musik“). Nach dem programmatischen Teil hatte dann Anne Haigis im Duett mit Lafontaine das neue Credo der SPD ins Mikrofon gehaucht: „Wir stehen hier zusammen/am Ziel fast angekommen/was unerreichbar war/auf einmal ganz nah“. Neue Mitten erfordern eben neue Mittel. Daß diese Mittel möglichst nicht zu viel Kontur haben dürfen, zeigt der stromlinienförmige Wahlkampfsong, mit dem Anne Haigis nicht nur den Parteitag, sondern den Wahlkampf überhaupt beglückte.

Ein bißchen Guildo Horn, ein bißchen Biene Maja, mit jubelnden Saxophon und einer bestätigenden Halbtonrückung am Schluß, verströmt der Schlager Optimismus nach allen Seiten. „Laß uns die neue Zeit beginnen/die Besten soll’n gewinnen/niemand hält uns jetzt noch auf“. Für Bündnis 90/Die Grünen ist die kraftmeierische Inszenierung des SPD-Parteitags, der in der gesamten Tagespresse als „Krönungmesse“ und „Hollywood in Leipzig“ mächtig Staub aufgewirbelt hatte, jedenfalls kein probates politisches Mittel. Genug damit, daß die Bündnisgrünen in diesem Jahr erstmals auf personalisierten Wahlkampf setzen. Zu einer weiteren „Amerikanisierung“ und damit auch Musikalisierung der Politik werde es jedoch auch langfristig nicht kommen, verlautet es aus dem Referat Öffentlichkeit. Besonders glaubwürdig erscheint das zur Zeit allerdings kaum. Wer weiß, ob der von Vorstandsprecherin Gunda Röstel neuerdings angekündigte Gang zur Mitte nicht zukünftig auch einer Marschmusik bedarf, um das Zähneknirschen der Basis angesichts des Asylrechtes zu übertönen.

Doch auch wenn die Grünen heute der musikalischen Inszenierung von Parteitagen noch mit Grausen gegenüberstehen – sie teilen mit der SPD eine ähnliche Sicht. Musik gilt ihnen als Medium, das für populistische Zwecke in Dienst genommen werden kann und letzten Endes an die Irrationalität der Massen appelliert. Von dieser Auffassung unterscheidet sich das Selbstverständnis der PDS grundlegend. Als der unlängst verstorbene Ostrocker und Liedermacher Gerhard Gundermann auf dem Rostocker Parteitag spielte, wurde dies von der Partei nicht als Pausenfüller, sondern als Tagesordnungpunkt behandelt. Hinter dieser Einschätzung verbirgt sich ein Musikverständnis, welches Musik eben nicht als Illustration, sondern – in linker Arbeiterliedtradition - als eigenen Faktor politischen Bewußtseins begreift. Glücklicherweise läßt sich die Frage, ob Musik auf Parteitagen überhaupt einen relevanten Einfluß ausübt, mit Deutlichkeit ohnehin nicht beantworten, sei es nun Gerhard Gundermann, Anne Haigis oder Joseph Haydn.

Sicher dürfte das Abspielen der Nationalhymne seitens der CDU relativ unvermittelt deutsche Identität symbolisieren, auch wenn abgesehen vom Fußball kaum klar sein mag, für welche Aspekte derselben. Doch was sagt der Musikgeschmack der Parteien über deren Verhältnis zur Kultur? Zeugt die inoffizielle Kultur der FDP, also die Musik nach den Parteitagen („Die lockeren Stadtmusikanten aus Halle“), nur von schlechtem Geschmack?

Läßt sich die CDU einfach arglos von Franz Lambert auf der Hammondorgel unterhalten, oder ist das die trickreiche Selbstvergewisserung einer Partei, die sich selbst als Evergreen sieht? Immerhin verhökert der CDU-Landesverband Niedersachsen im Internet eine eigens für den Wahlkampf entwickelte CD. Titel: „Welcome today, welcome tomorrow“. Deutlicher geht es kaum. Letztlich ist es aber gerade die wechselvolle Geschichte der SPD, in deren Umgangsformen gegenüber Musik sich die politische Kultur der Massendemokratien am deutlichsten spiegelt. In den 80er Jahren war es die Friedensbewegung, an die sich die SPD zusammen mit der niederländischen Gruppe „bots“ anzuhängen versuchte, als sie „Das weiche Wasser bricht den Stein“ in einer eigenen Fassung kurzzeitig zum Parteitagssong lancierte. Heute wäre die Partei lieber in der Mitte trendy. Dafür nimmt sie in Kauf, nicht nur politische, sondern auch musikalische Allgemeinplätze zu produzieren. Daß sich darin dann keinerlei Inhalte mehr finden, ist der Tribut, den eine dem Wählerwillen nacheifernde Politik zu zahlen gerne bereit ist.

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