Wider den grimmigen Belustigungs-Furor: Zu einigen Missverständnissen in der Musikvermittlung


(nmz) -
Vermittlungs-Ideen und -Projekte schwallen tsunamigewaltig übers Land. Beinahe täglich sprießen sogenannte „Education Projects“ aus dem Nährboden einer schier unendlichen Vermittlungs-Fantasie, bestreut mit musikpädagogischem Beglückungs-Dünger und begossen mit dem Wasser einer sozialkompensativen Erlösungs-Hoffnung, propagiert mit dem sturen Eifer kultureller Heilsarmeen. Was immer an mehr oder weniger seriösen Bespaßungs-Programmen Eingang findet in Kindergärten, Grundschulen oder Jugendzentren, segelt unter dem Label „Musikvermittlung“, obschon es dabei kaum um die Musik selbst geht, sondern um deren vulgärmethodische Instrumentalisierung.
Ein Artikel von Hans Christian Schmidt-Banse

Musikpädagogische Musik

Kindern wie auch immer den Weg ins musikalische Reich Phantásien zu bahnen, ist redlich und gut. Wenngleich damit die hausbackenen Normen der „Jugendbewegung“ fröhlich wiederauferstehen. Zugegeben: Vieles lässt sich im kindlichen Horizont begreifen, wenn man zarte Finger zum „Be-greifen“ anleitet. Nur hat das mit der Vision einer faltenwerfend proklamierten Musikvermittlung noch lange nichts zu tun. Es sind, was die musikpädagogische Diskussion seit den frühen Achtzigern kennt, sogenannte „Spielkonzepte“, legitimiert durch die Absicht, das abstrakte Medium Musik irgendwie handhabbar zu machen. Was unterm Strich herauskommt, ist jene viel belächelte „musikpädagogische Musik“, von der man gedacht hätte, sie wäre längst schon unter der Erde – Geflötetes, Gezupftes, Geklopftes, Gezirptes, Gesummtes, Gebasteltes, Gemaltes, Gehüpftes … Als brauchte man die ästhetische Messlatte nur auf das kognitive Niveau von Sechsjährigen abzusenken, um den Vermittlungsorden zu kriegen.

Zur „Sache Musik“

Zwei Fragen: 1. Welche Musik wird vermittelt? 2. Wem soll sie vermittelt werden? Und dann gibt es noch eine dritte, davon später. Zum Ersten geht es um die treuhänderische Verantwortung gegenüber einer tausendjährigen Musikkultur, um das musikalische Kunstwerk in all seinen ästhetischen, stilistischen, historischen und interpretatorischen Facetten. Die „Sache Musik“ stellt Ansprüche, fordert zur Auseinandersetzung heraus. Dafür verspricht sie geistigen und seelischen, auch physio- und psychotherapeutischen Gewinn: Erlebnisse, Erkenntnisse, Erfahrungen, Bereicherungen, Provokationen, Anstöße, Wider- und Zusprüche, Anregungen, Aufregungen, manchmal befeuernd, manchmal tröstend, hin und wieder unterhaltend.

Doch oft geht das nicht leicht, macht die Musik es dem Laien schwer, da abstrakt, kunstvoll verklausuliert, von rätselhafter Herkunft, auf rätselhafte Weise gegenwärtig. Unmittelbar teilt sich die düstere Klanglichkeit der Fuge in Bartóks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ jedem mit, doch vorderhand verschweigt sie, warum sie im Jahr 1936 so verdunkelt sein musste und welchem Chaos draußen sie mit der glasklaren Fugen-Ordnung drinnen Paroli bieten wollte. Die „Sache Musik“ ist eine gewaltige Herausforderung für ihre Hörer, dieser hingegen stellt Ansprüche an jene – für den Vermittlungsakt eine gedoppelte conditio sine qua non. Musik und Hörer: Beide müssen zu ihrem Recht kommen.

Classic light

Zur Musik zum Ersten: Wenn sich die Reihen in Konzertveranstaltungen lichten, heißt das nicht, dass Brahms-Quartette, Ravel-Sonaten, Schumann-Zyklen oder Ligeti-Etüden plötzlich schwächeln. Wenn Zuhörer ausbleiben, ist die Musik dafür nicht verantwortlich. Die Verantwortung liegt allein bei denen, die sich anheischig machen, sie art- und wesensgerecht zu vermitteln. Nicht in hochgelahrten Programmheften mit schwer lesbaren Formalanalysen, schon gar nicht mit jenen Plauder-Moderationen, wo ein drolliger Unterhaltungstyp zwischen den Stücken allerlei muntere Dinge erzählt, die wenig mit der Identität hochklassiger Kunstgebilde zu tun haben und viel mit mühsam kopiertem Thomas Gottschalk. Der Plauderer zementiert das uralte Vorurteil, klassische Musik sei so etwas wie ein griesgrämiger Demenz-Patient, den man nur freundlich zu tätscheln brauche, dann werde er schon mal lächeln. Seriöse Vermittlung hieße indessen, ein Publikum mit der Dignität von Musik nicht alleine zu lassen.

Denn was uns die so genannte „Kognitive Psychologie“ lehrt, ist die Bereicherung des Fühlens in Abhängigkeit vom Wissen: Je mehr einer weiß, desto fasslicher, tiefer und dauerhafter seine Empfindungen. Weil eben viel „drin“ ist in einer Mahler-Sinfonie oder in einem Smetana-Klaviertrio, wäre es gut, wenn die Einführung oder die Moderation ein paar Wegmarkierungen setzte. Es dürfen auch Diskussionen sein rund um werkgerechte Interpretationen, wovon das Bonner „Phonographische Quartett“ ein schönes Zeugnis ablegt. Wie man Einführungen zur abenteuerlichen, erlebnisgewaltigen Expedition ins musikalisch Unbekannte gestalten kann, demonstriert etwa Markus Fein mit seinem Moderations-Format „2 x hören“, entwickelt und bewährt in unzähligen Konzerten. In der Nähe von „2 x hören“ ist das „Concerto recitativo“ angesiedelt, ein nach den Regeln des Radio-Features gebautes musikalisch-literarisches Gesamtkonzept (beide Formate nachzulesen in Martin Tröndle: „Das Konzert – Neue Aufführungskonzepte für eine klassische Form“, Bielefeld 2009).

Klang-Reden, Sprech-Klang

Vermittlung von artifizieller Musik verlangt artifizielle Sprache in Augenhöhe mit deren ästhetischem Rang. Demnach müssen sich verbale Einführungen dem Gebot einer der Musik adäquaten Kunstfertigkeit beugen. Gut gespielte Musik und gut formulierte beziehungsweise gesprochene Sprache sind zwei gewaltige Medien, sie gehen wundervoll zusammen. Insofern hätte sich die in Mode stehende Vermittlungs-Euphorie vornehmlich an der Begeisterung über großartige Musik zu entfachen; wer nicht Flamme ist, fristet sein Leben als Laternenanzünder. Uns muss mit brennender Liebe angelegen sein, die singuläre Identität von César Francks Klavierquintett anwaltlich zu vertreten, seine Schönheit in schönen Sprachbildern einzufangen, die Kunstfertigkeit seiner Faktur und seinen mannigfaltigen Ausdrucksreichtum ebenso kunstfertig wie ausdrucksmächtig mit- und nacherlebbar zu machen. Wenn die Vermittlung von Kunst nicht zur geistigen Höhe eines äquivoken Kunstwerks aufsteigt, sollte man sie einfach lassen, anstatt sie denen zu überantworten, deren Begrifflichkeit von Musik irgendwo im Kindergarten steckengeblieben ist als eine besonders schwere von Holger Noltzes „Leichtigkeitslügen“.

Zielgruppen-Irrtum

Dann das Publikum. Manisch besessen starrt die neue Vermittlungsbranche auf Kinder und Jugendliche, als ob diese zu Tode gefördert werden müssten. Der aktuelle Bekehrungs-Impetus geriert sich sozialpädagogisch; Fördern heißt die Devise, von Fordern spricht niemand. Doch stehen entsprechende Untersuchungen zu verlässlichen Langzeitwirkungen leider noch aus. Einstweilen möchte man der empirisch abgesicherten Auskunft des Bielefelder Publikumspsychologen Rainer Dollase glauben, wonach Menschen erst jenseits der 40 kulturfähig würden: Mit 18 gehen sie dorthin, wo Mädels vergeben, mit 28 dorthin, wo Jobs verteilt werden. Und erst mit 38 bis 45, wenn sich ihr Leben alternativ strukturiert, halten sie Ausschau nach sublimeren Erlebnisquellen. Wo immer es sich um hochdifferenzierte Musik handelt, kommen „erwachsene“ Artefakte ins Spiel … sagen wir, die „Metamorphosen“ von Richard Strauss oder das Streichquintett von Franz Schubert. Folglich können solche Werke auch nur mit erwachsenen Ohren kommunizieren. Man muss wohl erst älter werden, damit sich die Ohren verjüngen. Zur Entwicklung von anspruchsvoller Genussfähigkeit braucht es nun mal die geschmackliche Disposition von „Senioren-Sensoren“.

Auch in den kommenden 20, 30 Jahren wird das Konzertpublikum von den Middle Agers gestellt werden. Von denen, die heute 18 sind und von den heute 55-Jährigen entsprechende Anstöße bekommen – man möchte in der Tat von einem „Netzwerk reife Ohren“ träumen. Heißt: Vermittlung muss sich auf die Verjüngung vornehmlich der älteren Ohren kaprizieren durch Verführung zur Einzigartigkeit dieses Mediums, zu dessen Sprach- und Klanggewalt, Geis-tigkeit und Rausch, Spiel und Ernsthaftigkeit, Geschichte und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit. Denn deren Ohren sind grundsätzlich ebenso kindlich und naiv wie die von Kindern. Erwachsene sind mehr noch als Jugendliche der Hörhilfen dringend bedürftig, obschon sie – nein: gerade weil sie für die Begegnung mit großer Musik prädisponiert sind aufgrund ihrer lebensgeschichtlich gereiften Offenheit. Und auch in finanzieller Hinsicht sind besagte Middle Agers das tragende Fundament des öffentlichen Musiklebens: sie zahlen Eintritt, kaufen CDs, manche öffnen ihre Sponsoren-Portefeuilles. Ihre Ohren im Zuge einer Glorifizierung von jungen Hörmuscheln als quantité négligeable zu missachten, ist ebenso unsittlich wie unschicklich, während eine gezielte Verjüngung von älteren Ohren allemal die bessere Investition wäre in eine gesunde konzertante Zukunft.

Musiker-Hanswürste

Die dritte Frage, eine Gretchenfrage, ist: Sag, wie hältst Du’s mit den Musikern? Was bei Vermittlungs-Wettbewerben herumgeistert, spottet jeder Beschreibung: Musiker im Clowns-Kostüm oder auf Stelzen, Pianistinnen, die vom Hocker fallen, auf Zehenspitzen hüpfende Blockflötenspielerinnen, Rockmusiker im Dracula-Outfit oder Saxophonquartette in historischen Kostümen. Man halte einen 48-jährigen Pianisten dagegen. 40 Jahre lang hat er schwer geschuftet, eisern geübt, hart um die Musik gerungen. Der soll sich nun verkleiden oder irgendwelchen Hokuspokus machen, Kinder zum Mitmachen auffordern, in ein Raumschiff steigen, den Hampelmann, den Spaßvogel spielen. In solch unseligen Augenblicken erleidet die Identität eines seriösen Musikers irreparablen Schaden, indem man ihn öffentlichem Gelächter preisgibt, obgleich er mit der gleichen geistigen Präsenz, mit der gleichen haptischen Geschicklichkeit und mit dem gleichen Unfallrisiko arbeitet wie ein Formel-1-Pilot. Will sagen: Möglichkeiten und Grenzen von kreativen Vermittlungsformaten bemessen sich auch daran, wie respektvoll sie sich in des Musikers Dienst stellen, wie ehrerbietig sie ihn und sein hart erarbeitetes Handwerk exponieren.

Ach ja, der Konzertagent

Und noch jemand will von der Qualität neuer Vermittlungsformate überzeugt werden: der Konzertagent. Doch nur, wenn gewährleistet sind: a) die Dignität der Musik, b) die Dignität des Publikums und c) die Dignität des Künstlers.

Obendrein müssten kreative Vermittlungskonzepte Seriabilität beweisen, indem sie Fortsetzungen versprechen und über mehrere Saisons hinweg Bestand haben (skurrile Eintagsfliegen wie der Freiburger „Schrei“ zählen nicht). Erst dann hat man eine hauchdünne Chance, dass Konzertagenten respektive Intendanten aufwachen: Sollte da vielleicht noch mehr gehen als ewiges Abspielen von Haydn-, Beethoven- und Brahms-Quartetten? Dieses sei den Vermittlungspropheten mit ihrem Birkenstock-Charme ins Stammbuch geschrieben: Der bestehende „Publikums-Vertrag“ (Menschen spielen vor zuhörenden Menschen) ist mit einem „Hoppla, jetzt kommen wir“ nicht außer Kraft zu setzen. Wohl darf man die Strukturen des öffentlichen Konzertlebens verändern, erweitern, gar verschönern, doch nur mit größtmöglicher Behutsamkeit, welche sich seismographisch präzise zu orientieren hätte am Einverständnis derer, die eigentlich gar nichts verändert wissen wollen.

Der momentan angesagte Vermittlungs-Hokuspokus mit seinem grimmigen Belustigungs- respektive Erziehungs-Furor verkümmert indes auf dem steinigen Boden einer noch gar nicht erlebten oder aber einer schon längst verdorrten Liebe zu richtiger Musik. Wer mit ihr, warum auch immer, nichts anfangen kann, schwärmt gern von Methoden. Die aber interessieren niemanden … am allerwenigsten jene mit den jungen Ohren.

Hans Christian Schmidt-Banse ist Professor für Musikwissenschaft, Autor und Organisator der „Concerto recitativo“-Veranstaltungen sowie Initiator des Europäischen Wettbewerbs „YEAH! – Access to Music“, der im November 2011 erstmals in Osnabrück ausgerichtet wird: www.yeah-festival.de/

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