Wie der Jazz Kulturgut wurde

Fünfzig Jahre innovative Labels – Teil 2: Musikproduktion Schwarzwald (MPS)


(nmz) -
Am Rand der Altstadt von Villingen stehen noch die Fabrikgebäude der SABA – Schwarzwälder Apparate Bau Anstalt –, wo einst Rundfunkgeräte hergestellt wurden. Hinter dem Gelände, etwas abseits, kommt eine Villa in den Blick: Dort wohnte Hans Georg Brunner-Schwer (1927–2004), Erbe der Firma SABA. Brunner-Schwer gründete im Jahr 1968 das erste audiophile Schallplatten-Label MPS (Musikproduktion Schwarzwald) in Deutschland, das er bis 1983, als er die Rechte wegen ungenügender Rentabilität verkaufte, zur international anerkannten Institution mit Kultstatus etablierte. Der Villa gegenüber findet man einen unscheinbaren grauen Zweckbau, Unterkunft für sein legendäres, nun einziges Studio in Deutschland unter Denkmalschutz. Heute führen sein Sohn Matthias und dessen Kompagnon Friedhelm Schulz die Arbeit im Studio unter dem Akronym des Vaters HGBS mit eigenen Projekten fort.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Historische Skizze

Wenn Besucher die Treppe in den ersten Stock hinauf gehen, begleiten sie Stufe für Stufe viele Fotos von Jazzstars einer nicht so entfernten Musikgeschichte bis zum Studio, dessen Atmosphäre noch den Charme improvisierter Experimente hat. Hans Georg Brunner-Schwer hatte ein Faible fürs Klavier, und die Liste der MPS-Alben mit renommierten Jazzpianisten, allen voran Oscar Peterson, ist imponierend. Die meisten von ihnen saßen am Bösendorfer Grand Imperial Flügel, der im Zentrum des Studios steht. Während der Ägide, als Impresario Joachim Ernst Behrendt sowie Willy Fruth und Rolf Donner viele Produktionen organisierten, konnten nicht nur renommierte europäische Musiker wie Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner, Volker Kriegel und Jean-Luc Ponty, sondern auch US-amerikanische Stars wie Lee Konitz, Al Mouzon, Archie Shepp oder Dave Pike, um nur wenige zu nennen, bei MPS diskografische Unterkunft finden. Doch der zirka 500 Titel umfassende LP-Katalog (auch mit klassischen Aufnahmen etwa von Friedrich Gulda) landete zum Ende des 20. Jahrhunderts in Archiven und wurde nur halbherzig betreut, wanderte von Philips zu Polydor/Motor Music, landete dann bei Universal. Auch Speakers Corners Records brachten einzelne Alben als hochwertige Originalrepliken heraus, und bei Most Promising Music (Bodo Jacoby) sind noch etliche Wiederveröffentlichungen aus dieser Zeit lieferbar.

Neustart

Seit 2014 hat Edel/Kontor New Media die Regie im Vertrieb übernommen, nun unabhängig von einem festen Studio. Zunächst wurde in Kooperation mit dem Kultur-Spiegel als Medienpartner ein Konvolut mit 25 Alben wiederveröffentlicht, die repräsentativ für die vielfältigen MPS-Stilfacetten sind, unter anderem Swing mit Count Basie, Jazzrock mit Peter Herbolzheimer, Cool Jazz mit Jim Hall, Free Jazz mit Sun Ra und Ethno-Jazz mit Ira Kriss. Darüber hinaus wurde der Katalog sukzessive online präsentiert. Der eigentliche Neustart erfolgte dann mit der Rekrutierung von Musikern, die entweder zuvor schon durch MPS-Schallplatten bekannt geworden waren wie die Brüder Joachim und Rolf Kühn, dessen CD „Stereo“ (0210290M1) 2016 mit dem ECHO und dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde oder zur jungen Jazzgeneration gehören. So der Vokalist Erik Leuthäuser, der bei seinen „Wünschen“ (021198MS1), ein Novum im Jazzgesang, expressive Poesie in deutscher Sprache bevorzugt. Und zwar mit Referenz zu einem Chanson von Friedrich Hollaender, zunächst rezitativ und dann im Jazzpunkstil eigenwillig verändert. Doch gerade diese Methode hat ihren Reiz, denn man hört die Gato-Barbieri-Melodie aus „Der Letzte Tango in Paris“ ganz unverbraucht, zumal Kurt Rosenwinkel die emotionale Glut durch gitarreskes Fuego schürt. Ist eine Stimme nicht genug, nimmt Erik Leuthäuser Elektro-Loops und andere Effekte hinzu, sodass er bei der Frage „Kannst du mein Kangaroo sein“ sein eigener Gesprächspartner wird. Verpackt sind diese manchmal ironisch-prickelnden Lieder in swingende Arrangements, wo sich Charme und Chuzpe treffen.

Karge Arrangements umgeben die melancholischen Songs der britisch-malawischen Sängerin Malia wie „Ripples“ (0212739MS1), kleine Wellen minimaler Klavierbegleitung von Alexandre Saada und einem Streichertrio. Die Ballade „Unfastened“ als Soul beeinflusster Kammerjazz, „Maddy“ mit groovenden Pizzicato-Ornamenten und das „Little Darling“ geriert sich gar wie ein dissonantes Monodrama. Ihre „Echoes Of Dreams“ singt Malia ungefiltert, geradezu exhibitionistisch, sodass ihre Introspektionen zur couragierten selbstanalytischen Darstellung werden.

Neben solcher Talentförderung haben sich prominente Botschafter bereit erklärt, besondere analog remasterte Archiv-Alben ihrer Wahl sozusagen zu kuratieren. Der jazzaffine Pianist, Sänger und Moderator von Fernsehshows Götz Alsmann hat sich für die exquisit swingende „Ecstasy“ des Akkordeonisten Art van Damme und seinem Quintett entschieden, über die er meint: „Jedes Jazzlabel der Welt hätte sich glücklich schätzen dürfen, wenn diese Aufnahmen bei ihm erschienen wären. Aber sie sind nun mal bei MPS erschienen – und das ist gut so.“ Mit ähnlichen Begründungen unterstützen der brasilianische Soul- und AOR Doyen Ed Motta „Call“ (0212827MSW) vom Michael Naura Quartett, Trompetenstar Till Bönner die „Motions & Emotions“ (0212831MSW) von Oscar Peterson und die impressionistisch moderne Pianistin „Joanne Grauer“ aus den USA (0212803MSW) wird vom englischen DJ Gilles Peterson vorgestellt.

Um die Pionierfunktion und Bedeutung des Labels überhaupt einschätzen zu können, sollten sich noch nicht Eingeweihte zwei Kompilationen anhören: MPS Records – 50 Years (0213525MS1) bietet 18 Tracks aus Vergangenheit und Gegenwart. Das Spektrum erstreckt sich vom lässigen Jazzrock, den Gitarrist Volker Kriegel kultivierte, über komplexe Bigband-Klänge von Don Ellis, pulsierenden Modalimprovisationen der Elvin Jones Jazz Machine, filigrane Latin-„Tristeza On Guitar“ mit Baden Powell, Hardbop von Freddie Hubbard bis „Afro Black“ des Acid-Bossa Repräsentanten Nicola Conte & Spiritual Galaxy. Letztgenannter hat sich auch im „Cosmic Forest“ auf Spurensuche der „Spiritual Sounds Of MPS“ (0212256MS1) gemacht. Er präsentiert, wie Keime des später sogenannten World Jazz gepflanzt wurden und anfingen zu sprießen. Meditativ im lethargischen quasi Blues-Swing des „Burungkaka Tua“ mit Klarinettist/Flötist Tony Scott And The Indonesian All-Stars. Nordafrikanischen „Djerbi“-Groove adaptierte George Gruntz für Jazzensemble und einheimische Instrumentalisten, Peter Herbolzheimer für die Rhythm Combination & Brass perkussive „Timbales Calientes“ im Samba-Stil.
Als der Jazz noch misstrauisch betrachtet wurde, öffnete der Enthusiast Hans Georg Brunner-Schwer nicht einfach die Tür zu einem modernen Studio, sondern verband damit auch eine Mission und ein Credo: Jazz ist ein der Klassik gleichrangiges Kulturgut. Zur glaubwürdigen Verbreitung dieser Botschaft waren hochwertige Aufnahmen sein wichtigstes Anliegen. Die von ihm installierte Analogtechnik war damals konkurrenzlos auf Topniveau, sodass auch die Wiedergabequalität die Hörerlebnisse veränderte. Erst diese Kombination mit einer bis dahin beispiellosen stilistischen Diversität kennzeichnet die Musikproduktion Schwarzwald als Pionierlabel. Nun wird die Wirkung dieses MPS-Erbes als Paradigma zukünftiger Jazzvermarktung allmählich in allen Ausmaßen wieder ernst genommen. Es ist eine kulturelle Verpflichtung, dass seriöser Jazz audiophiler Aufnahmequalität würdig ist.

Diskografie und Weblink

  • Der Katalog ist bei www.mps-music.com zu finden.
  • Alle neuen MPS-Titel (inklusive Re-Issues) sind im CD- und / oder LP-Format sowie als Download, einzelne auch als Analog-Tonbänder verfügbar.
  • Zum 50-jährigen MPS-Jubiläum hat Apple-Music einen Super Room mit Playlists, Videos und Interviews und Spotify das Forum MPS Jazz Classics eingerichtet.

Lektüre

  • Klaus Gotthard Fischer: Jazzin’ The Black Forest. Geschichte eines Jazzlabels, Crippled Library Berlin 1999, ISBN: 3-9805820-1-9
Ein Modernist, der was von Swing versteht: Rolf Kühn spielte Klarinette in den Bands von Benny Goodman und Tommy Dorsey. Foto: Harald Hoffmann