Wiederkehr des Verdrängten öffentlich machen

Das Musikarchiv der Akademie der Künste in Berlin


(nmz) -
Ein Artikel von Georg Beck

„Es wächst zusammen, was zusammen gehört.“ Worte wie in Stein gemeißelt. Gerade einmal zehn Jahre sind sie nun alt und doch längst eingegangen in eine Art all-time-Zitatenschatz. Unbeschränkt zustimmungsfähig. Wiederverwendbar. Der, der sie gesprochen hat, war Ex-Kanzler. Ein anderer Ex-Kanzler hat sie kongenial interpretiert und daraus die schöne Wendung von der „Herstellung der inneren Einheit“ gefertigt. Daß der Sinn der Urworte dadurch irgendwie klarer geworden wäre, läßt sich allerdings nicht behaupten. Was also können, was dürfen, was müssen wir uns unter einem „Zusammenwachsen“ vorstellen, das sich nun einmal nicht auf der grünen Wiese oder als Doppel-Helix, sondern im politischen Raum ereignet?
Ob der (West-)Besucher bei seinem hauptstädtischen Ortstermin am (Ost-)Berliner Robert-Koch-Platz 10 – in Sichtweite erstreckt sich das weitläufige Areal der berühmten Charité – fündig werden wird? Hier, in den ehemaligen Räumen der Akademie der Künste (Ost) befinden sich seit 1993, dem Jahr der Vereinigung der beiden Berliner Nachkriegs-Akademien und der Gründung der Stiftung Archiv der Akademie der Künste einige schwergewichtige Abteilungen der deutsch-deutschen und deutsch-jüdischen Kunst- und Kulturgeschichte. Darstellende Kunst,, Film, Theater, Literatur. Wer zählt die Häupter, nennt die Namen? Busch und Benjamin sind darunter; Becher, Benn und Brecht, Fallada und Feuchtwanger, Hauptmann und Herzfelde, Kisch, Kerr, Kortner. Der Brunnen der Vergangenheit ist tief genug, um die alliterierende Aufzählung ohne Mühe fortzuspinnen. Und – „mittenmang dabei“ – die Archivabteilung Musik. Ein Blick in deren Bestandsverzeichnisse genügt, um zu begreifen: auch dies ist ein kleiner Kunst- und Kulturkosmos, den auszumessen ein einziges Leben kaum reichen dürfte. Stolz wirbt denn auch die Abteilung damit, bundesweit das „bedeutendste“ Archiv für die Musik des 20. Jahrhunderts präsentieren zu können. Und tatsächlich liest sich die Liste aus thematischen und personenbezogenen Beständen als gar nicht so kleines Who’s who der Geschichte der Neuen Musik. Neben den großen Sammlungen beispielsweise zum Komponistenverband der DDR oder zum 1954 von der Akademie der Künste (Ost) unter Ernst Hermann Meyer und Wolfgang Steinitz gegründeten Arbeiterliedarchiv bestechen vor allem mehr als 60 Nachlässe aus Ost und West. Funkelnde Komponistennamen sind dabei wie Boris Blacher, Bernd Alois Zimmermann, Paul Dessau und Hanns Eisler, Rudolf Wagner-Regeny, Berthold Goldschmidt, Erwin Schulhoff, Ernst Pepping und Werner Meyer-Eppler, komponierende Interpreten wie Hermann Scherchen und Hans Chemin-Petit, Musikschriftsteller und Publizisten wie Hans Heinz Stuckenschmidt, Harald Kaufmann und – gerade jüngst dazugekommen – Heinz-Klaus Metzger. Letzteres Beispiel macht zudem klar: dieser Bestand ist notwendigerweise unabgeschlossen. Die Verzeichnisse sind fortzuschreiben.

Wenn also nicht hier, wo sollte sonst der Ort sein, wo wieder „zusammenwächst“, was – vor der Jahrhundertkatastrophe – als „entartet“, dann – unter der Vorgabe des Systemkonflikts – als „formalistisch“ oder „kommunistisch“ gebrandmarkt, mundtot gemacht und verdrängt werden konnte? Die Frage ist nicht rhetorisch gemeint. Denn es kann ja von vornherein nicht als ausgemacht gelten, wie die materiellen Hinterlassenschaften, die stummen Stellvertreter des Künstlers – Autographen, Arbeitspartituren, Manuskripte, Briefe, Publikationen – zum „Zusammenwachsen“ gebracht, zu einem wie auch immer gearteten ,lebendigen Ganzen‘ geformt werden können, das den Absichten seiner Schöpfer über deren Tod hinaus Geltung verschafft.

Ein Thema für den Leiter der Archivabteilung Musik Dr. Werner Grünzweig, der professionelle Kompetenz sowie eine unerwartete österreichische Klangfarbe an den Tag legt. Überhaupt will das gängige Bild eines Archivars auf den aus Graz gebürtigen, promovierten Musikwissenschaftler des Jahrgangs 1959, der Berlin aus seiner Zeit als Assistent an der Hochschule der Künste gut kennt, nicht recht passen. Es fehlen – angenehm wird es registriert – berufsstandtypische Verweise auf „unüberwindliche“ Ordnungsprobleme, auf den schlußendlichen ,Triumph des Willens‘ in Gestalt einer selbstkreierten Verzeichnungstechnik, auf die Verwaltung so und so vieler „laufender Regalmeter“ und dergleichen Dinge mehr. Natürlich wird, wie in allen Archiven, auch in den Räumen am Robert-Koch-Platz geordnet, verzeichnet und erschlossen. Doch am allerwenigsten hat der Benutzer hier das Gefühl, daß die Kulturtechniken des methodisch geregelten Erinnerns Selbstzweck wären. Darum wird kein Wind gemacht.

Formen der Aneignung

Wichtig ist etwas anderes. Im Unterschied zur überwundenen Tradition sogenannt „geheimer Staatsarchive“ betont Grünzweig den Zusammenhang von Archiv und Öffentlichkeit. Daß das jeweilige Werk der Öffentlichkeit zurückzugeben ist, in der es entstanden, aus der es mehr oder weniger beschädigt gekommen oder entkommen ist, ist als Ziel vorausgesetzt. Es dreht sich ums Wie, um die Formen der Aneignung, die eine interessierte Öffentlichkeit nutzen kann. Da gibt es mehr als „nur“ die wissenschaftliche Arbeit an den Akten. Archivstiftung und Musikarchiv der Akademie der Künste konzipieren und organisieren regelmäßige Ausstellungen, Lesungen, Konzerte, Komponistenworkshops, verlegen und vertreiben Publikationen sowie über die beiden hauseigenen Label Academy für Klassik und Listening room für Klangkunst auch CD-Produktionen und anderes aus dem reichen Fundus der eigenen Bestände. Damit ist klar: entweder es wächst so und hier, im öffentlichen Raum, zusammen oder nirgendwo. Dergestalt ist man auch dazu übergegangen, sich nicht allein um das Vermächtnis der verstorbenen Komponisten und Musiker zu kümmern, sondern bereits zu deren Lebzeiten sogenannte „Vorlässe“ zu bilden.

Der Sinn liegt auf der Hand. Denn wie ließe sich besser und genauer das Interesse eines Künstlers oder Publizisten erkunden als im Gespräch mit ihm? Beispiele für solche gegenwartsbezogenen Archivierungen sind die „Vorlässe“ der Komponisten Frank Michael Beyer und Gösta Neuwirth, die in den beiden Eröffnungsbänden der schmuck aufgemachten Reihe „Archive zur Musik des 20. Jahrhunderts“ vorgestellt werden (siehe nmz 2/98). Als neueste Errungenschaft ist der „Vorlaß“ des Komponisten Rainer Riehn hinzugetreten. Von den Grundsätzen der Arbeit kommt das Gespräch auf die Frage, wie die wirklich bedeutenden Nachlässe von Komponisten, Dirigenten und Musikschriftstellern des 20. Jahrhunderts erkannt und an das Akademiearchiv gebunden werden können.

Dabei fällt ein Seitenblick nicht von ungefähr auf die Schweiz. In Basel nämlich agiert der große ,Konkurrent‘ Paul-Sacher-Stiftung. Nach allem, was zu hören ist, kann es sich dieses Archiv offenbar leisten, ohne Umschweife „nach dem Preis“ zu fragen. So soll der Nachlaß des spät zu Ruhm gelangten Komponisten Conlon Nancarrow noch zu dessen Lebzeiten mit nichts anderem als mit der Überzeugungskraft des Scheckheftes nach Basel versprochen worden sein. Mithalten durch mitbieten? Die Aquisitionsmethoden der Berliner sind andere. Ihr Hebel ist das Interesse des Komponisten oder deren Erben an der Pflege des musikalischen Vermächtnisses. Oftmals nämlich seien Komponisten, zumindest die erfolgreichen, so Werner Grünzweig, an Geld nicht oder nicht in erster Linie interessiert. Wenn es also gelänge, ihnen glaubhaft zu machen, daß das Musikarchiv der Akademie der Künste der Ästhetik und den Zielen ihres Werkes dient, indem es als Vermittlerin zwischen ihm, dem Komponisten und der interessierten Öffentlichkeit – Verleger, Wissenschaftler, Orchesterleiter, Intendanten, Instrumentalisten, Journalisten, Hörer – in Erscheinung tritt, sei dies, wie im Fall des jüngst verstorbenen Berthold Goldschmidt, schon die halbe Geschäftsgrundlage.

Ersichtlich kommt es zwischen Nachlaßgebern und Nachlaßnehmern auf die Herstellung eines Vertrauensverhältnisses an. Ohne Harmonie kein „Zusammenwachsen“. Jene aber ist –zumindest im übertragenen Sinn – eine Frage des Tonfalls. Natürlich mag es purer Zufall sein, daß der Stiftung Archiv der Akademie der Künste mit Dr. Werner Trautwein ein Württemberger und der Archivabteilung Musik ein gebürtiger Österreicher vorsteht. Den selbstgesteckten Zielen einer für manche, zumindest immer noch im Geiste preußischen Akademie kommt es jedenfalls sehr gelegen, daß der knarrende Tonfall heute nicht mehr durchdringt.

Dafür steht auch, last not least, der Präsident der Akademie. Von György Konrad eröffnete Konzertabende und Nachlaßübergaben emigrierter Künstler sind sicherlich von mehr Symbolgehalt als er selbst unter Umständen weiß oder zuzugestehen bereit wäre. Markantes Beispiel ist das im Januar 1998 der Öffentlichkeit vorgestellte Ignace-Strasvogel-Archiv. Ließen sich die verheerenden Folgen des Nazi-Wahns einer von allem „Fremden“ zu „reinigenden“ „deutschen“ Kunst wirklich besser kompensieren, als wenn das Werk eines deutsch-jüdischen Komponisten der Öffentlichkeit durch einen ungarisch-jüdischen Schriftsteller zugänglich gemacht wird?

Daß die heute über Europa und Amerika verstreut wohnende Familie des 1934 nach New York emigrierten Schreker-Schülers Ignace Strasvogel (1909-1994) anläßlich der öffentlichen Präsentation des Nachlasses erstmals wieder in Berlin zusammenkam, bewertet Werner Grünzweig zudem als höchstwillkommenen „Nebeneffekt“. Sinnfällig wird an dieser ebenso ästhetisch wie politisch-moralisch motivierten ,Familienzusammenführung‘, worauf es der Berliner Archivstiftung im allgemeinen, dem Musikarchiv im besonderen ankommt: die Wiederkehr des Verdrängten als öffentliche Wiederkehr sichtbar werden lassen.

Verpaßte Chance

Andererseits ist nicht jeder Versuch einer Wiederannäherung an Vergessenes, an Getrenntes auch von Erfolg gekrönt. Mitunter bleibt der selbstgestellte Anspruch des Musikarchivs durch eine – gelinde gesagt – unglücklich und halbherzig agierende städtische Kulturpolitik uneinlösbar. Traurigster Fall: der 1995 in Los Angeles freiwerdende, nach etlichem hin-und-her, einschließlich voreiliger Vollzugsmeldungen durch das Berliner Abgeordnetenhaus, letztlich an Wien verlorene Arnold-Schönberg-Nachlaß. Für den Leiter des Berliner Musikarchivs ist gerade diese verpaßte Chance ebenso schmerzlich wie signifikant. Schönberg bleibe offenbar, so resümiert Grünzweig, ein „wunder Punkt“ für den hiesigen Kulturbetrieb. Die jüngste Panne sei nicht neu. Schon einmal habe es nämlich den Versuch gegeben, ein Schönberg-Archiv aus der Taufe zu heben.

Seinerzeit sei Rudolf Kolisch bereits als Direktor bestellt gewesen, als der damalige Leiter der Darmstädter Ferienkurse Wolfgang Steinecke das ganze Unternehmen vor versammelter Mannschaft, darunter Nuria Schönberg, in letzter Minute abblasen mußte. Wie das? Tags zuvor habe (festhalten bitte) das zuständige Bonner Ministerium als maßgebliche Finanzierungsinstanz herausgefunden, daß Schönberg ja überhaupt kein deutscher, sondern ein amerikanischer Komponist mit österreichischer Herkunft sei … „O Wort, du Wort, das mir fehlt!“

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