Wo die Zikaden den Tod übertönen

Die Evangelische Akademie Wittenberg veranstaltete eine Tagung zum Spätwerk Hans Werner Henzes


(nmz) -
Es ist sicher ungewöhnlich, bereits zu Lebzeiten eines Komponisten eine Tagung über (s)ein „Spätwerk“ zu veranstalten. Zumal, wenn dabei ein Künstler im Mittelpunkt steht, dessen Schaffen eine veränderliche Vielfalt in den künstlerischen Mitteln prägt, das weit über 200 Werke aller Gattungen umfasst und das ihn, mit Schwerpunkt Opern, in Europa als wichtigsten deutschen Tonkünstler apostrophiert. Dabei ist Hans Werner Henze bis heute ein widersprüchlicher Individualist geblieben. Ein Einzelgänger bezüglich seiner Musiksprache, die immer glutvoll durchpulst und niemals akademisch ist. Die das Traditionelle nicht scheut und dennoch für jedes Werk gültige, innovative Klangwelten erzeugt.
Ein Artikel von Jörg Clemen

Henzes zutiefst menschliche Musiksprache stand und steht nicht jenseits aller ästhetischen, weltanschaulichen und politischen Fragestellungen. Aber sie ist ihnen nicht hörig und lässt sich mit Klassifizierungen in Jahrzehntschritten oder Sehrastern wie „Zeitgeist“ nicht beschreiben.
Nun also eine Tagung mit der Überschrift „Die Zikaden übertönen den Tod“, veranstaltet von der evangelischen Akademie zu Wittenberg (30. September bis 2. Oktober). Der erste Tagungsteil war der jahrelangen, sehr persönlichen Freundschaft zwischen Henze und der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926-73) gewidmet. Beider Zusammenarbeit entstammen das Hörspiel „Die Zikaden“, die Textfassung für die Ballettpantomime „Der Idiot“ und die Libretti für Henzes Opern „Der Prinz von Homburg“ und „Der junge Lord“.

Der Hauptteil der Tagung war mit einem zwischenzeitlichen Umzug nach Leipzig verbunden. Im Leipziger Gewandhaus sollte erklingen, worüber zuvor konferiert wurde: Henzes neue Komposition „Elogium musicum – amatissimi amici nunc remoti“. Die vierteilige oratorische Komposition für gemischten Chor und Orchester entstand als Auftragswerk des Gewandhauses und feierte ihre Premiere in der Öffentlichkeit am 1. Oktober vor ausverkauftem Saal. Allerdings waren der Auftrag aus Sachsen und die Widmung an das Gewandhausorchester, seinen Chefdirigenten Riccardo Chailly und den Chor des Mitteldeutschen Rundfunks eher äußerliche Gesten.

Der konkrete Anlass für die Elogen liegt tief im Persönlichen Henzes und ist bis hinein in die Textur der knapp halbstündigen Komposition mit dem Tod seines langjährigen Lebenspartners Fausto Ubaldo Moroni verbunden. Letzterer verstarb im vergangenen Jahr im Alter von 63 Jahren. Auf die Frage, ob sein „Lobgesang auf einen sehr geliebten Freund, der nun weit entfernt ist“ eine Art Denkmal für Moroni sei, antwortet der 82-jährige Henze knapp: „Ja.“

Die Bezeichnung Alterswerk will er aber nicht hören. Henze: „Ich habe auch einmal davon angefangen in einer Diskussion und da hat sich das der Musikwissenschaftler Prof. Peter Petersen verbeten. Über Alterswerke spricht man, wenn der Komponist zehn oder fünfzehn Jahre tot ist, so seine Meinung. Ich denke, wenn der späte Hölderlin schreibt: Ich lebe nicht mehr gerne. – dann ist das ein Alterswerk. Ich schreibe keine Alterswerke, sondern Musik im Stile eines Alten. Aber wo kommen wir hin mit dieser Diskussion? Hat Mozart etwa jemals ein Alterswerk geschrieben? Alt wäre in meinen Augen, wer sich wiederholt, redundant schreibt.“

Annäherung an den Glauben

Davon findet sich in den vier Elogen nirgends eine Spur. Als erklärter Atheist und Kommunist schreibt er zwar kein katholisches Requiem, noch bedient er sich irgendeiner anderen Form der Sakralmusik. Eine Annäherung an den Glauben stellen die vier Elogen dennoch dar, denn, so Henze, „wenn jemand einen geliebten Menschen verloren hat, wenn er niemanden mehr hat, fällt ihm Gott als Ansprechpartner ein“. Die von Henzes Jugendfreund Franco Serpa in kunstvoller lateinischer Sprache verfassten Verse tragen den Gestus des vollkommen Reinen, objektiviert Schönen, zeitlos Harmonischen und überaus Würdevollen in sich. Der Text spiegelt, wie im Vorwort zur Partitur formuliert, vielschichtige Erinnerung – schmerzvoll, aber auch dankbar, und er trägt lichte Momente. Die einzelnen Sätze sind mit Accipiter (Der Falke), Nox (Die Nacht), Cicadae (Zikaden) und Adagio überschrieben. In ihnen ist die Rede von Erinnerungen an grundlegende menschliche Erfahrungen und Affekte wie Freude, Stärke, Mut, Trauer, und es scheint, als ob sich mythische Tierwelten fabelhaft durch ästhetische Seelenlandschaften bewegen, niederstürzend gepeinigt von Verlust oder beschwörend „wunderbare Vögel schnellster Kraft“.

In den mittleren Sätzen lässt Henze den Geliebten selbst auftreten, in „Nox“ mit namentlicher Nennung und der Frage nach dem Wohin nach dem Tod. In „Zikaden“ als derjenige „König der Bäume, Blumen und Wälder, der den zuvor minutenlang angeschwollenen sommerlichen Zikadengesang gravi voce (mit feierlicher Stimme) mit einem einzigen Wort unterbricht: ,Basta.‘“

Es ist beinahe ein gebrülltes „Basta“ des Männerchores, gefolgt von einer spannungsgeladenen Generalpause, die erlöst wird von einem erleichtert geflüsterten „Subita silentia, pax perfecta“ (Plötzliche Stille, völliger Friede), und es ist der Höhepunkt einer Musik, die buchstäblich unter die Haut geht, die an der Seele rüttelt und die durchwoben ist von Erinnerungen, jungen wie alten, starken wie zerbrechlichen. Henze nutzt die Klangvielfalt der Chores und seiner Stimmgruppen für Klangmassen und deren Bewegung ebenso wie für feine Farbnuancen und dynamische Schattierungen. Gleiches lässt sich für den Orchesterpart sagen, dessen natürliche Klangvielfalt Henzes unaufgezwungenem und unakademischem Stil geradezu entgegenströmt. Henzes Satz ist sehr auf Klarheit bedacht, auf Folgerichtigkeit. Lineare Verschränkungen, instabile Klangflächen und tonale Elemente bis hin zum simpel-schönen Dur-Dreiklang werden miteinander wie selbstverständlich verwoben. Henze, der nach eigenem Bekunden niemals an zwei Werken gleichzeitig arbeitete, „schaut beim Komponieren niemals zurück auf das, was bereits geschrieben ist. „Dennoch“, so der 82-Jährige in einem Gespräch unmittelbar vor der Uraufführung, „folge ich beim Komponieren immer einem roten Faden. Im Falle von Elogium war es für mich allerdings ein schwarzer Faden.“

Mag sein, dass die persönlichen, autobiografischen Momente die Dramaturgie des Gesamtwerkes dominieren. Das „Basta“ etwa hat Moroni einst den lärmenden Zikaden im Garten der Henze-Villa in Marino südlich von Rom zugerufen, als sie den Komponisten bei der Arbeit störten. Mag sein auch, dass der schwarze Faden wie ein stechender Schmerz über den Verlust sich durch das Werk zieht. Dennoch steht am Ende des „Adagio“ eine in diffuses Licht getauchte Lebensbejahung, wenn es heißt: Gott lobt uns und wir loben Gott, der uns die Gnade erwidert.
Der offiziellen Uraufführung innerhalb der Abonnementkonzerte am 2. und 3. Oktober ging die Voraufführung im so genannten „Entdeckerkonzert“ voraus, welches auch als Plattform für die Tagungsteilnehmer aus Wittenberg diente.

Dabei wurden einzelne Teile des Werkes zunächst vorgestellt und von Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly kommentiert, anschließend erklang das Werk in Gänze. Kommentar eines Musikkritikers (und Seitenhieb auf den zeitgleich in Leipzig veranstalteten Kongress der Gesellschaft für Musikforschung): „Mit dieser Uraufführung wird in Leipzig endlich wieder Musikgeschichte geschrieben, nicht nur vorgelesen.“ Für Henze selbst spielen diese Dinge keine Rolle. Er hat die Verlebendigung seiner Musik durchlebt, die umjubelte Aufnahme seines „Psychogramm des Erinnerns“ genossen.

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