Zukünftiges erinnern, Vergangenes ahnen

Eine Bernd-Alois-Zimmermann-Hommage in der Düsseldorfer Tonhalle


(nmz) -
Drei Konzerte wie Perlen auf der Kette. Und, jedes Mal, mit diesem selten gewordenen Hörerleben, diesem Dabeibleibenwollen, dieser Neugierde, die uns diese eine Frage ganz automatisch auf die Lippen legte: Ja, ist Zimmermann denn kein bisschen gealtert? Offenbar nicht. Sicher, er ist ein Klassiker. Als solcher wird er hier und jetzt, pünktlich zum Hundertsten, rauf und runter gefeiert. Nur, dass man ihn eben nicht als Klassiker hört, womöglich als Schöpfer von Schlüsselwerken mit schönen Stellen und dergleichen. Andersherum wird ein Schuh daraus. Die Musik dieses 1970 abgrundtief verzweifelt aus dem Leben geschiedenen Komponisten hat ihre Zukunft, nicht anders haben wir es gehört, noch vor sich oder, um es in Zimmermanns ureigenem dialektisch-prophetischem Idiom zu sagen: Sie erinnert uns an Zukünftiges und lässt uns Vergangenes erahnen.
Ein Artikel von Georg Beck

Dies war zunächst einmal die erste und naheliegendste Schlussfolgerung, die wir der Düsseldorfer Liebeserklärung für den Kölner Komponisten entnehmen konnten. Man war gefangen und – dankbar. Ein Orchesterkonzert, zwei Klavierabende bescherten uns das Gefühl, dass dies alles, so fern, so sonderbar es uns zuweilen vorkam, doch unausrechenbar blieb: ein Trompetenkonzert, das in keine Folklore-, keine Jazzfalle tappt, das dem Rassismus die Stirn bietet; eine weltverliebte Metamorphose-Musik zu einer surrealen Michael-Wolgensinger-Lichtspielszene weltfliehender Sehnsucht nach dem Ursprünglichen; und ein, vom ganz ganz jungen Zimmermann durch Hindemiths, durch Bartóks Ohren gehörter Bach-Frescobaldi, der das Neue in der alten Musik sucht. Was man betonen muss: das Suchen nämlich. Das war es doch, was ihn, als er glücklich dem großen Grauen entronnen, entkommen war, fundamental unterschied von den obskur-reaktionären Zirkeln der Frescobaldi- und Bachpflege in den ersten Nachkriegsjahren jener Republik, die den Fluch noch in sich trug, das Kainsmal. Man kann das nachlesen in diesem ganz wunderbaren Con-tutta-forza-Porträt, das Zimmermanns Tochter Bettina ihrem Vater gewidmet hat. Die ehemaligen BAZI-Schüler berichten darin von den neuemusikfeindlichen, jugendbewegt-postnazistischen Schulmusikern an der Kölner Hochschule, die das Klima bestimmten und Zimmermann mobbten. So sehr sich diese Gespenster in ihre Löcher, aus denen sie gekommen sind, verzogen haben (zumindest, seien wir vorsichtig: bis auf Weiteres), wir also den Abstand nicht mehr so schmerzlich spüren können wie ihn Bernd Alois Zimmermann gespürt haben muss – das Suchen, diese bleibende Triebfeder dieses Komponisten, hörte man gleichwohl.

Das fing schon an bei seinem solistischen Klavierwerk wie es uns Udo Falkner, dieser nicht weniger ins Suchen verliebte Wanderer jenseits unserer pianistischen Haupt- und Trampelpfade, an zwei Abenden entfaltet hat: vital in der Ausführung mit „packendem Klang“ (ein Zender-Wort über dessen Zimmermann-Erfahrung), in der Programmierung angereichert mit Zimmermann-Schülern, -Verwandten, -Trabanten (ganz der Schweif zum Kometen). Das ging weiter mit „Monologe“ für zwei Pianisten, vom Duo Frederike Möller/Yukiko Fujieda klar und kräftig hingestellt in den Mendelssohn-Saal der Düsseldorfer Tonhalle. Und das kulminierte in den beiden frühen Orchesterstücken „Metamorphose“ und „Nobody knows de trouble I see“, eben dem Trompetenkonzert, ausgeführt von Ferenc Mausz, strahlend bis in die höchsten Register, transparent noch in den hurtigsten Tempi; ihm zur Seite das erweiterte notabu.ensemble neue musik unter Mark-Andreas Schlingensiepen, dieser andere Name für Übersicht-behalten sei es im Dickicht der zuckenden, den Jazz erinnernden, ihn nie kopierenden Zimmermann-Rhythmen, sei es in den dynamischen Kurvenfahrten, die seine Partituren mit gebieterischer Strenge verlangen.

Recht so. Ist es gut gemacht, geht ja doch alles auf – wie hier und jetzt in diesem Zimmermann-100-Festival, das zustande kam, weil es dieses Bündnis gab aus kooperativer Tonhallen-Dramaturgie einerseits, aus einer künstlerisch verantworteten Programmierung andererseits. Gewiss nichts Revolutionäres. Nur, dass (bei genauerer Betrachtung) unser Konzertleben eben daran hängt, dass solche Bündnisse zustande kommen, dass sie funktionieren.

Solches wäre zu verinnerlichen, von allen Beteiligten. Übrigens auch vom Publikum, das darauf bestehen sollte, sich nicht abspeisen zu lassen mit Neunmalklugem, frisch Hinterhergelaufenem. Ebenfalls nicht klein, der Anspruch an die Künstlerseite, genügt es ja gerade nicht, sich exklusiv!exklusiv! als ausführendes Organ zu betrachten, sich als solches ansprechen zu lassen; da ist der Weg ins Showgeschäft nicht weit. Klar, dann rollt der Rubel – und überrollt, womöglich, die Erinnerung an Zukünftiges, die Ahnung an Vergangenes. Dann, spätestens, wäre wieder Zeit für Bernd Alois Zimmermann. Am besten noch vorher.