Zwei Stunden Oper ohne zu twittern – geht das?

Aus der Denkfabrik in Graz: Wer verändert die Gesellschaft – Finanzen oder Kultur?


(nmz) -
Guter Musikunterricht ist absolute Mangelware an deutschen Schulen. Wer aber als Kind nicht erlebt, welche Faszination von einem begeisternden Geigenvirtuosen, einer berührenden Opernarien oder einem krachenden Bläsertutti ausgehen kann, wird auch als Erwachsener nicht ins Konzert gehen. Wenn Musiklehrer keine Begeisterung mehr weitergeben für ihr eigenes Fachgebiet, dann wird sich auch bald keiner mehr in politischen Gremien für den Bestand der hart angefochtenen Kulturetats einsetzen. Musiker und Kulturschaffende haben diesen Missstand längst erkannt und die Initiative ergriffen. Es gibt zahlreiche, innovative Aktivitäten von Konzertveranstaltern und Theaterhäusern, die Kinder und Jugendliche heranführen und mitreißen in die Welt der Musik. Damit die Kreativität der Musikvermittler ein möglichst großes Publikum bekommt und im Austausch mit den Kollegen weitere Anregungen erfährt, gibt es in Berlin seit 2008 das Netzwerk Junge Ohren (njo). In diesem Büro wird im allerbesten Sinne koordiniert und unterstützt, was der deutschsprachige Raum diesbezüglich zu bieten hat. Das Netzwerk geht aber noch weiter: Es initiierte in Graz eine Denkfabrik zur Frage: „Wer verändert die Gesellschaft? Finanzen oder Kultur?“
Ein Artikel von Elke Kamprad

Die Trendforscherin Hedi Pottag bleibt erst einmal ganz bodenständig und berichtet von den Fragen der unter 30-Jährigen: „Warum sollten sie pünktlich zum Konzert erscheinen?“ Im Kino komme erst einmal Werbung, bevor es losgeht, und wenn man was verpasse, könne man es sich hinterher digital beschaffen. Dass ein Sinfoniekonzert live ist und einen nicht wiederholbaren emotionalen Wert hat, müsse manch einem erst erklärt werden, referiert Pottag. Auch zwei Stunden lang nicht twittern oder SMS senden zu können, scheint jüngeres Publikum davor abzuschrecken, in die Oper zu gehen. Was heißt das für die Kunstschaffenden? Erst einmal Aufbauarbeit!  Und dann eben neue Veranstaltungskonzepte. Pottag hat eine mögliche Antwort gefunden: „Piano-City Berlin.“ Über 70 Pianisten – Laien und Profis – spielen zwei Tage lang in Berlin in ihren Wohnzimmern für ein Publikum, das durch die Stadt tingelt.

Es zählt weder das gespielte Werk noch das Können des Pianisten, sondern die ganz persönliche Werbung des Künstlers im Voraus über einen Internet-Videoclip und das wohnzimmerliche Ambiente. Überhaupt scheint es ein Trend zu sein, es sich zuhause gemütlich zu machen – mit Freunden oder mit digitaler Unterhaltung. Richtig erfolgreich ist hier das digital concert, also die vorab bezahlte Live-Übertragung der Konzerte der Berliner Philharmoniker auf den heimischen Bildschirm. Da wird sogar ein traditionelles Sinfonieorchester zur coolen Marke. Davon möchte man sich eine Scheibe abschneiden: Wie könnte man die Preisträger von „Jugend musiziert“, also jene, die wirklich viel Zeit und Energie in ihr Hobby Musik stecken und auch das Publikum für morgen sind, mit einem coolen Image versehen? Jeder noch so verschrobene, unsoziale Nerd ist cool, warum nicht ein toller Pianist? Apropos schräge Typen: Steffen Huck, Direktor am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, bringt sie ins Spiel, um die Risikobereitschaft unter den Künstlern anzufachen. Denn, so Huck, „es gibt in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen mit großem Kapital, die riskieren wollen“.

Ganz sicher in Bankgeschäfte, in denen sie auch den absoluten Verlust in Kauf nehmen. Warum nicht auch in kulturelle Projekte? Hucks Beispiele sind Mike Milken, der mit Schrottanleihen nicht nur zu Millionen Dollars kam, sondern auch ins Gefängnis, und Aaron Sorkin, der es kokainsüchtig, ohne Talent, aber mit Genie und seinem Drehbuch zu „Social Network“ bis zum Oscar brachte. Huck will irritieren mit seinem Aufruf zur Risikobereitschaft, denn „wenn’s schief geht, ist es eh’ egal“ in der heutigen Zeit, wo die Kultur sowieso mit dem Rücken zur Wand stehe, sagt er. Auch Richard Wagner habe viel riskiert und sich zum Spezialisten fürs Fundraising gemausert: Otto Wesendonck und Ludwig II. haben das Genie bis zur Selbstaufgabe unterstützt. Und wer heute keine so potenten Sponsoren findet, kann es mit Crowdfunding probieren. Henner-Fehr, Kulturberater in Wien, stellte diese neue Möglichkeit vor, über Soziale Netzwerke an Geld zu kommen. Vorwiegend wird es von start-ups genutzt. Die Kultur sei bis auf kleinere Projekte noch nicht auf diesen Zug aufgesprungen.

Spaßfaktor ist wichtig

Wie funktioniert Crowdfunding? Auf einem Portal, zum Beispiel www.startnext.de, stellt man sein Projekt vor und hofft auf eine Menge Menschen (dt. Menge, engl. Crowd), die bereit ist, sich von der Idee begeistern zu lassen und Geld überweist. Vorab wird bestimmt, welche Summe eingehen muss, damit das Projekt gestartet wird, und welchen „Gewinn“ der Sponsor haben wird – sei es eine Gratis-CD nach der Studio-Produktion, eine Eintrittskarte fürs finanzierte Konzert oder eben nur die Gewissheit, sich an einem guten Werk beteiligt zu haben. „Der Spaßfaktor ist beim Crowdfunding extrem wichtig“, sagt Henner-Fehr, die Nähe zum Erfolg, der Stolz, etwas bewegt zu haben. Aber alles im ganz privaten Bereich. Das habe nichts mit einer Verpflichtung gegenüber dem gesellschaftlichen Gemeinwohl zu tun, so Henner-Fehr.  90 Tage müsse man ansetzen für eine solche Werbe-Kampagne. Voraussetzung ist allerdings, dass bereits ein gut ausgebautes Netzwerk in allen social media besteht und gepflegt wird: twitter, facebook, linkedin, blogs. „Steuerrechtlich bewegt sich das noch in einer Grauzone“, so Henner-Fehr. „Mal sehen, was passiert, wenn der Erste mit dem eingetriebenen Geld in der Karibik verschwindet“, schmunzelt er. Die Möglichkeiten des Netzes sind vielfältig, die Denkfabrik sucht nach dem Nutzen für Künstler. So begleitet denn auch eine neunköpfige studentische Medientruppe der FH Joanneum das Symposium. Alles wird aufgezeichnet und mitgeschnitten, um hinterher in einem Kurzvideo und Blog verarbeitet zu werden. Alles wird über twitter kommentiert.

Wenn die Finanzgespräche zu kompliziert werden, twitterts: „Ich spamme nicht, ich twittere von der Denkfabrik.“ Aber auch: „Nur vier Prozent der Menschen halten Kultur für wichtig.“ Doch die anwesenden Kunstschaffenden und Kulturmanager schreckt dies nicht. Die Begeisterung für die Kultur treibt sie voran, die Sprache der Realpolitik und der Finanzen wollen und müssen sie erlernen. Unternehmensberater Lutz Hempel von der Integrated Consulting Group hat die volkswirtschaftlichen Fakten dazu. Am Beispiel vom Grazer Stadtmuseum, das sich hat evaluieren lassen, wird klar: „Die Hälfte des öffentlichen Mitteleinsatzes kommt wieder zurück“, und eine Umfrage in der Bevölkerung ergab, dass Graz für 80 Prozent der Befragten eine hohe Lebensqualität bietet. „Da war die Kultur ein positiver Standortfaktor“, so Hempel.

Sehnsucht nach Live-Erlebnis

Ganz zu schweigen von dem soziokulturellen Gewinn, den Kultur hervorbringt: Emotionen, Genuss, Faszination, kognitives Wachstum und Bindungsfähigkeit. Dieses Kapital der Kulturschaffenden werde noch viel zu wenig genutzt, so Hempel, und in den realpolitischen Finanzdebatten als ernstzunehmende Größen gehandelt.  Anstelle „noch ein Feuerwerk abzufackeln“, wenn Kürzungen ins Haus stehen, um mit Extraleistungen die Wichtigkeit des Kunstbetriebs hervorzuheben, solle man eher den Bestand ins rechte Licht rücken. Statt sich in die Kosten-/Nutzenabrechnung pressen zu lassen, lieber lebensnahe Erfolgs-Geschichten aus den laufenden Produktionen erzählen. Davon hat auch Intendant Bernhard Kerres einiges auf Lager: Am Wiener Konzerthaus konnte die Zahl der Sponsoren verdreifacht werden, und zwar übers Singen.

Die Volksbank sponsort Konzerte für junge Künstler und bekommt als Dankeschön den Saal des Konzerthauses für die Proben des betriebseigenen Chores zur Verfügung gestellt. Wenn man Herzensprojekte habe, finde man auch Sponsoren, weiß Kerres und macht Mut zur „Guerilla-Taktik“. Das heißt erstens: träge Bürokratien umgehen und direkt vor Ort für Begeisterte sorgen. Das hieß bei ihm ganz konkret: Das Wiener Konzerthaus brachte das tägliche Singen in Kooperation mit den Lehrern in die Schule und bewies, „nach der Chorstunde können die Kinder besser Mathe“ – und dann wurde das Projekt auch nachträglich genehmigt. Die Initiatoren des Symposiums hatten das Denken angestoßen mit der Frage: Wer verändert die Gesellschaft? Finanzen oder Kultur? Christoph Thoma, Intendant der Grazer Spielstätten, antwortet: „Finanzen steuern massiv, was kulturell bei uns passiert.“ Ingrid Allwardt, bis 2012 Geschäftsführerin des „netzwerk junge ohren“, sieht jenem Moment entgegen, in dem der Mensch durch die schnelle Taktung des Informationsflusses überfordert sein wird und sich wieder nach Konzentration auf das Wichtige sehnt: auf das Live-Erlebnis von Musik.

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